Noch fünf Tage bis Peking

Olympia-Team im Spannungsfeld von Sport und Politik
Für das deutsche Team werden die Winterspiele in Peking zur heiklen Mission. Neben den Einschränkungen durch die Pandemie werden die Athleten in China auch mit politischen Themen konfrontiert. Wie riskant wird es sein, dort seine Meinung zu sagen?
Von A. Schirmer und C. Lappe, dpa Peking
Von A. Schirmer und C. Lappe, dpa

Peking

Wegschauen und Mund halten oder Haltung zeigen und die Meinung sagen: Für die 149 deutschen Starter wird es nicht nur wegen der Pandemie eine Reise ins Ungewisse zu den Winterspielen in Peking. Längst geht es für die Athleten nicht nur um Fitness, Form und Gesundheit, sondern auch darum, wie sie mit Themen wie Menschenrechte und Meinungsfreiheit in China umgehen sollen - ohne die sportlichen Ziele aufs Spiel zu setzen und sich Repressalien auszusetzen.

„Ich reise als Eishockey-Spieler Moritz Müller da hin und nicht als Außenministerin Annalena Baerbock“, sagte der Kapitän des deutschen Teams im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Letztlich mache ich mir da aber nicht so viele Gedanken drüber. Ich glaube kaum, dass ich in Gewahrsam genommen werde, wenn ich meine Meinung frei äußere.“

Ganz so sicher sind sich andere Sportler nicht, allen voran die Präsidentin der Vereinigung Athleten Deutschland. „Es ist ein Risiko, sich zu äußern“, sagte Karla Borger. An dem Gefühl ändere auch nichts, dass der Deutsche Olympische Sportbund und die Bundesregierung „uns den Rücken stärken“ wollten. „Die politische Vielfalt sprengt alles, was es vorher gab. Ziemlich krass.“

Wann die Chinesen Meinungsäußerungen dulden werden, haben sie bereits durchblicken lassen: Nur wenn es sich mit dem olympischen Geist deckt. „Jedes Verhalten, das sich dagegen richtet, kann mit einer bestimmten Bestrafung geahndet werden“, hatte Yang Shu, Mitglied des Organisationskomitees, unverhohlen gewarnt.

„Da es nun schon offizielle Drohungen gab und das Internationale Olympische Komitee dazu schweigt, würde ich persönlich nichts sagen“, betonte Athletensprecherin Borger. „Ich würde mich auch nicht positiv äußern: Über Sportarenen, das Wetter oder die Organisation, weil solche Aussagen für Propagandazwecke missbraucht würden.“

Eine Empfehlung zum Verhalten in Peking werde sie nicht geben, zumal sie als Sommersportlerin nicht zu den Spielen reist. „Jeder muss es für sich entscheiden und durchspielen“, meinte Beachvolleyballerin Borger. Dass dieser zusätzliche Druck auf die Psyche der Athleten drücken und ihre sportlichen Chancen minimieren wird, erwartet sie nicht. „Ein Athlet ist dazu ausgebildet, sich auf das Wesentliche zu fokussieren“, sagte sie. „Er schaltet den Verdrängungsmechanismus ein, setzt die Scheuklappen auf und ruft seine Leistung ab.“

Ganz so einfach ist es bei einer der brisantesten Olympia-Missionen nicht, da auch der politische Druck auf den Sport und damit die Athleten enorm ist. So mahnte Amnesty International die Weltgemeinschaft, die Spiele zum Anlass zu nehmen, Verbesserungen der Menschenrechtslage in China zu fordern. China steht wegen Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit Uiguren und Tibetern, wegen der Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong oder den Drohungen gegen Taiwan in der Kritik.

„Unsere Athleten können ihre Meinung grundsätzlich frei äußern“, sagte Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig. Human Rights Watch habe ihnen aber empfohlen, von kritischen Äußerungen während der Spiele abzusehen: „Wir gehen davon aus, dass sich unsere gut informierten und gut beratenen Athleten in Peking intelligent und geschickt verhalten werden.“

Nicht nur angesichts dieser Gemengelage erwartet Rodler Felix Loch, der die zweite Olympia-Vergabe nach Peking als Fehler ansieht, „schwierige Bedingungen“. Deutschlands Skispringer Nummer eins, Karl Geiger, wehrte sich deshalb dagegen, dass die Aktiven nicht ausbaden könnten, „was die Politik versäumt‘ habe. „Es gibt ohne Zweifel Dinge und Entwicklungen in China, die fragwürdig sind. Aber der Protest dagegen ist bei Olympia fehl am Platz“, sagte Geiger.

Puckjäger Müller gefällt zwar nicht, wie in China „teilweise mit den Menschen“ umgegangen werde. Er habe aber Vorfreude auf die Reise. „Jetzt sind die Spiele da und ich freue mich total darauf“, bekannte er. Es sei doch gut, sich jetzt selbst ein Bild machen zu können. Das allerdings wird nur sehr eingeschränkt möglich sein, da sich alle Olympia-Beteiligten nur in einer streng geschlossenen Blase bewegen dürfen. Kontakt zur chinesischen Bevölkerung ist wegen der strikten Corona-Maßnahmen nicht vorgesehen.

Von einem diplomatischen Boykott wie ihn angeführt von den USA eine Reihe von Ländern ausgerufen haben und dem sich Deutschland nicht angeschlossen hat, hält Müller wenig. „Ich habe gelesen, dass auch die Annalena Baerbock nicht hinreisen wird“, sagte der 35-Jährige. „Da frage ich mich: Reist sie nur jetzt nicht hin oder reist sie nie nach China?“ Diese Frage können alle beantworten: „Von daher ist auch das doch wieder nur Show.“

Die Doppel-Olympiasiegerin Natalie Geisenberger hatte vom Aufenthalt bei vorolympischen Tests auf der Rodelbahn in Peking von schockierenden Bedingungen berichtet und einen Verzicht auf die Spiele erwogen, diesen jedoch revidiert. „Wenn ich gesagt hätte, ich fliege nicht, dann hätte sich in China genau nichts verändert“, twitterte sie. Weder die Menschenrechtssituation noch irgendwas anderes. „Da braucht es mehr als einzelne, ganz wenige Athleten, die boykottieren.“ In erster Linie hätte nur sie ihren Traum zerstört.

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Allgemeine Zeitung 2024-05-19

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