05 April 2018 | Afrika

„Winnie“ Mandela ist tot: Die gefallene Freiheitskämpferin

Bis zuletzt waren ihr Gespür für den großen Auftritt und eine beispiellose Extravaganz ihr Markenzeichen gewesen - wallende Gewänder, ausgefallene Perücken und kühn geschwungene Hüte. Aber auch die bei öffentlichen Auftritten oft kraftvoll in die Luft gereckte Faust. Zu Wochenbeginn starb die 81-Jährige Winnifred „Winnie“ Madikizela-Mandela nun in einem Johannesburger Privatkrankenhaus im Kreise ihrer Familie.

Seit 1995 hatte Winnie Mandela an schwerer Diabetes und ihren Folgen gelitten - und wäre bereits damals um ein Haar verstorben, weil sie sich erst sehr spät in Behandlung begeben hatte. Trotz der Aufmerksamkeit bis zum Schluss war die Frau, die einst als mögliche Nachfolgerin ihres Mannes Nelson Mandela, Südafrikas erstem schwarzen Präsidenten, galt, politisch seit der Scheidung von ihm (1996) zunehmend in der Versenkung verschwunden - schwer kompromittiert durch zahllose Skandale, aber daheim noch immer von vielen als „Mutter der Nation“ hoch verehrt.

Der Ruf ist verblasst

Obwohl Winnie Mandela neben Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu in den 80er Jahren die wohl berühmteste Person im Anti-Apartheidskampf war, ist ihr Ruf allen gegenwärtigen Würdigungen zum Trotz seit dem Ende der Rassentrennung stark verblasst. Ihr größtes Verdienst war zweifellos, dass ihr seit 1964 inhaftierter Ehemann Nelson Mandela während seiner langen Gefangenschaft nicht in Vergessenheit geriet: Zur Strafe wurde sie vom Apartheidsregime mehrfach selbst inhaftiert, darunter fast 18 Monate lang in Einzelhaft, und später in die Verbannung geschickt. So war sie mehrere Jahre lang in dem kleinen, erzkonservativen Dörfchen Brandfort im Herzen Südafrikas von der Außenwelt abgeschnitten - und scheint hier einen großen Hass auf die Weißen entwickelt zu haben, der sich später noch verstärkte. Dank ihres Mutes und ihrer Attraktivität lag ihr die Welt lange Zeit jedoch unkritisch zu Füßen - und ignorierte all die schweren Vorwürfe, die schon Mitte der 80er Jahre aus Südafrika drangen.

Berühmt-berüchtigt wurde vor allem ihr Zitat, mit Streichhölzern das Land zu befreien - ein Verweis auf die barbarische Praxis der radikalen, schwarzen Township-Jugend, vermeintliche Verräter des Befreiungskampfes mit Benzin getränkte Autoreifen um den Hals zu legen und dann anzuzünden. Viele starben daraufhin einen grauenvollen Tod.

Chefin einer Schlägerbande

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Ende der 1980er Jahre, kurz nach ihrer Rückkehr aus der „Verbannung“ in Brandford, gründete die Bürgerrechtlerin mit dem sogenannten Mandela Football Club im Johannesburger Township Soweto eine Schutztruppe, die wenig mehr als eine brutale Schlägerbande war, als ihr Geleitschutz fungierte und mehr als ein Dutzend Morde an schwarzen Jugendlichen verübt haben soll. Wer die selbsternannte „Mutter der Nation“ damals kritisierte, musste mit schlimmen Folgen rechnen: Winnie Mandela selbst wurde später der schweren Körperverletzung für schuldig befunden, entging der eigentlich fälligen mehrjährigen Haftstrafe jedoch im Berufungsverfahren.

Danach ging es für sie mit zunehmender Geschwindigkeit fast nur noch bergab - mit Ausnahme ihres wohl größten Moments: Hand in Hand schritt sie am 11. Februar 1990 mit ihrem damaligen Ehemann Nelson nach dessen Entlassung aus 27 Jahren Haft in die Freiheit , womit am Kap eine neue Zeitrechnung begann.

Betrug und Diebstahl

Auf die fortgesetzte Untreue gegenüber ihrem Mann und ihren von Skandalen gezeichneten Auftritten als Vize-Kulturministerin folgte der schnelle Rauswurf aus der ersten Post-Apartheid-Regierung - und immer neue Skandale. Erwiesenermaßen war sie in dunkle Diamantgeschäfte verstrickt und erschlich sich unter falschen Angaben eine Reihe von Bankkrediten, darunter für eine ihrer beiden Töchter. Verschiedentlich wurden auch Schenkungen ausländischer Geldgeber veruntreut. 2004 wurden sie und ihr Finanzberater in 43 Fällen von Betrug und 25 Fällen von Diebstahl für schuldig befunden.

Vom regierenden ANC fortan weitgehend gemieden, zog sie sich zunehmend aus der früheren Widerstandsbewegung zurück und tauchte später im Gefolge einer linksradikalen Splittergruppe wieder auf. Immer wieder machte sie dabei als selbsternannte Sprecherin der ärmeren Schwarzen auf sich aufmerksam - und scheute sich dabei auch nicht, 2010 die Versöhnungspolitik ihres Ex-Mannes als Verrat an den Idealen des Befreiungskampfes zu verdammen.

Streit um das Erbe

Nach dem Tod von Nelson Mandela im Dezember 2013, bei dessen Beerdigung sie noch einmal ins Rampenlicht gelangte, sorgte sie dann ein letztes Mal für Schlagzeilen, als sie, entgegen dessen testamentarischer Verfügung, seine Villa in der Nähe seines Geburtsortes für sich einklagen wollte - und darüber in der Mandela-Familie für weitere Zwietracht sorgte. „Ihre Lebensgeschichte zeigt, wie vorsichtig man bei der Wahl seiner nationalen Helden sein sollte“, konstatiert Tim Cohen, Chefredakteur des Johannesburger „Business Day“. „Denn am Ende sind wir alle nur Menschen - und fehlbar.“

Wolfgang Drechsler, Kapstadt

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