12 August 2005 | Kultur & Unterhaltung

Welchen Stellenwert hat die deutsche Sprache in Namibia?

Im Goethe-Zentrum findet am kommenden Donnerstag (18. August) ab 19 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema "Deutsch in Namibia - eine Inselsprache?" statt. Gastredner ist Prof. Ulrich Ammon, der mit diesem Beitrag eine Betrachtung von außen anbietet und auf das Thema einstimmen möchte.



Nur 16 Namibier studieren an deutschen Hochschulen. Diese Zahl findet sich jedenfalls in der Statistik des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für das Jahr 2003 - neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Die Winzigkeit dieser Zahl wird deutlich, wenn man sie vergleicht mit der Zahl der Studierenden aus Afrika insgesamt: 23056. Also nicht einmal 0,07 Prozent der afrikanischen Studierenden in Deutschland stammen aus dem Land, zu dem Deutschland - wie viele Verlautbarungen bekunden - besonders enge Beziehungen zu pflegen wünscht.

Die Zahl liegt sogar unter dem Durchschnitt für Afrika, gemessen am Anteil Namibias an der Gesamtbevölkerung Afrikas. Bei einer lediglich durchschnittlichen Beteiligung Namibias müssten nämlich 55 Namibier in Deutschland studieren, 0,24 Prozent der Studierenden aus Afrika, also über dreimal so viele wie in Wirklichkeit. Sollten die Zahlen für Namibia stattdessen nicht über dem afrikanischen Durchschnitt liegen, sogar weit darüber? Wie anders soll man diese Unterrepräsentation deuten, wenn nicht als Zeichen dafür, dass die Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland sich ungünstiger entwickelt haben, als beide Seiten einst hofften?

In jedem besseren deutschen Reiseführer über Namibia kann man nachlesen, dass beim wirtschaftlichen Aufbau des Landes seit dessen Unabhängigkeit Deutschland sich besonders engagiert hat. Selbstverständlich erfährt man auch einiges über die deutschstämmige und noch immer deutschsprachige Minderheit: über deren Herkunft aus der einst einzigen wirklichen Siedlungskolonie Deutschlands, über ihren beachtlichen wirtschaftlichen Einfluss und ihre Bemühungen, die deutsche Sprache und Kultur zu erhalten. Wenn auch Schwierigkeiten dieser Minderheit in Folge historischer Hypotheken wie der Kolonialkriege, der Beteiligung an der Apartheitspolitik oder aufgrund von Vermögensdiskrepanzen im Vergleich zur autochthonen Bevölkerung nicht verschwiegen werden, so entsteht doch der Eindruck einer gefestigten und im Lande anerkannten deutschen Volksgruppe und - darüber vermittelt - einer besonders lebhaften Beziehung Namibias zu Deutschland.

Bei einiger Aufmerksamkeit kann man der sonstigen Berichterstattung aber auch entnehmen, dass es in den Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia vielleicht Defizite gibt. Sie liegen, wie es scheint, im Bereich von Sprache und Kultur und passen zu der kümmerlichen Zahl namibischer Studierender an deutschen Hochschulen. Selbstverständlich wäre auch umgekehrt die Zahl deutscher Studierender an der Universität von Namibia in Augenschein zu nehmen; jedoch ist mir diese Zahl nicht bekannt.

Als vor einiger Zeit Frankreichs neues Kulturzentrum in Windhoek eingeweiht wurde, berichteten die Medien in Deutschland darüber mit klagendem Unterton: Dass Deutschland sich ein Beispiel an Frankreich nehmen könne und eigene Chancen verspielt habe - wieder einmal. Dabei sei Frankreich ohnehin schon in zahlreichen afrikanischen Ländern höchst präsent, ja dominant, vor allem sprachlich und kulturell. Und Deutschland biete Frankreich nicht einmal in dem historisch am engsten mit Deutschland verbundenen afrikanischen Land Paroli. Bisweilen wurde dabei auch darauf angespielt, dass Deutschland gegenüber Frankreich nicht gerade ein Zwerg sei - in der Tat übertrifft es Frankreich wirtschaftlich nach allen Maßzahlen (z.B. Bruttosozialprodukt 2003: Frankreich 1533 - Deutschland 2084 Mrd. US$). Und dennoch reiche es nicht einmal zu einem regulären Goethe-Institut, sondern nur einem geringer bezuschussten Goethe-Zentrum.

Dabei denkt man an die verschlechterte Stellung von Deutsch durch die Aufwertung von Englisch zur einzigen nationalen Amtssprache Namibias. Diese Verschlechterung wird dadurch noch verstärkt, dass Deutsch gegenüber Englisch den international schwächeren Status hat, was sich in der vorherrschenden Sprachwahl bei internationalen Kontakten zeigt, während dies im Verhältnis zu Afrikaans umgekehrt ist. Die Statusaufwertung von Englisch und die Statusabwertung von Afrikaans (Verlust der Stellung als nationale Amtssprache) wirken somit in Richtung einer Statusabwertung von Deutsch, auch innerhalb Namibias. Die beiden Sprachen stehen tatsächlich in einem Kräfteverhältnis zueinander wie Katz und Maus.

Nach den vom Goethe-Institut und den auswärtigen Vertretungen ermittelten Zahlen zum Deutschlernen außerhalb der deutschsprachigen Länder (Zahlen von 2000, die im Jahr 2005 neu erhobenen Zahlen liegen mir noch nicht vor) steht es um das Deutschlernen in Namibia zwar nicht ausgesprochen schlecht. Nach meiner eigenen Umrechnung dieser Zahlen, bei der ich sie ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerungszahl jedes Landes gesetzt habe, liegt Namibia weltweit gesehen im zweiten Viertel (oder Quartil), also immerhin oberhalb des Durchschnitts. In derselben Gruppe befinden sich noch andere afrikanische Länder wie Madagaskar, Mali oder Senegal. Namibia rangiert aber nicht im ersten Viertel, sondern dort finden sich unter den afrikanischen Ländern nur Kamerun und die Elfenbeinküste, die beide historisch weniger enge Beziehungen zu Deutschland haben als Namibia - Kamerun war nicht Siedlungskolonie und die Elfenbeinküste überhaupt keine Kolonie Deutschlands. Nach meiner Einschätzung (von außen) entspricht das Deutschlernen in Namibia damit nicht dem beidseits gewünschten Niveau bilateraler Beziehungen. Denn danach müsste Namibia im Deutschlernen zur Spitzengruppe (erstes Länderquartil) zählen. Dann würden vielleicht auch mehr Namibier die Studienmöglichkeiten in Deutschland nutzen, das vor allem in Fächern wie Ingenieur- oder Agrarwissenschaften, die für Namibia nicht unwichtig sind, immer noch zu den besten Studienstandorten der Welt zählt.

Generell hängen die Beziehungen zwischen zwei Ländern nicht unmaßgeblich von den gegenseitigen Sprachkenntnissen ab. Wie soziolinguistische Untersuchungen zeigen, richten Menschen ihre Beziehungen zu anderen Ländern auch nach ihren Fremdsprachkenntnissen aus. Aufgrund dieser Einsicht betreiben alle Länder (die es sich leisten können) die auswärtige Förderung der eigenen Sprache, vor allem das Erlernen der eigenen Sprache als Fremdsprache. Frankreich ist dabei besonders aktiv. Aber auch Deutschland fördert die eigene Sprache im Ausland, nicht zuletzt über das Goethe-Institut. Für die auswärtigen Beziehungen Deutschlands sind Menschen im Ausland, die über Deutschkenntnisse verfügen, eine wichtige Stütze: für wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen (kulturelle Beziehungen im weitesten Sinn einschließlich Sport und Tourismus). Wie es scheint, hat Deutschland bei der Förderung der deutschen Sprache in Namibia noch Nachholbedarf - um seine Beziehungen zu diesem befreundeten Land weiter zu verbessern.

Aus namibischer Sicht mag die einseitige Betonung des Deutschlernens unausgewogen erscheinen. Dies sei hier nicht grundsätzlich bestritten, sondern liegt bei der vorliegenden Betrachtungsrichtung (von Deutschland aus) sogar nahe. Einseitigkeiten bedürfen natürlich gegebenenfalls der Korrektur. Dem Asymmetrievorwurf lässt sich allerdings entgegenhalten, dass die nationale Amtssprache Namibias, Englisch, inzwischen in Deutschland zum Pflichtfach für alle Schüler erhoben wurde, in einigen Bundesländern sogar schon ab der Primarstufe. Dabei ist Englisch in Deutschland nicht (wie Deutsch in Namibia) Muttersprache einer einheimischen Minderheit und Nationalsprache. So gesehen gibt es sogar eine Asymmetrie des Sprachenlernens zugunsten Namibias. Die Unausgewogenheit zu Lasten der autochthonen afrikanischen Sprachen ist ein anderer Fall; sie ist jedoch bis zu einem gewissen Grad von Namibia selbst sanktioniert - durch eigene Aufwertung des Englischen gegenüber allen anderen Sprachen.

Ulrich Ammon

Deutscher Unterricht*

In Namibia gibt es 43 Schulen, die Fremdsprachen anbieten, an 33 von ihnen wird Deutsch unterrichtet. Im Primar- und Sekundarbereich lernen derzeit 4625 Schüler die deutsche Sprache (Tendenz gegenüber dem Jahr 2000 steigend). In den gleichen Altersklassen lernen wiederum 1910 Kinder und Jugendliche Französisch. Des Weiteren gibt es 924 Schüler, die im Unterricht Deutsch als Muttersprache erlernen. Insgesamt gibt es 60 Deutsch-Lehrer an namibischen Schulen. Die Gesamt-Schülerzahl in diesem Land wird auf 544550 beziffert.

Es gibt 80 Deutsch-Lernende an Hochschulen, davon 25 Germanistik-Studierende (Tendenz ebenfalls steigend). Sie werden von drei Deutsch-Lehrenden unterrichtet. Die Zahl der Deutsch-lernenden Erwachsenen beträgt 295 (inklusive Goethe-Zentrum).

* Quelle: Goethe-Zentrum Namibia, Stand 2005

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