21 September 2020 | Wetter

Waldbrände in Brasilien

Präsident Bolsonaro verbittet sich Kritik an seiner Umweltpolitik

Seit Wochen toben Brände im brasilianischen Pantanal, mehr als ein Fünftel des weltgrößten Binnenfeuchtgebiets ist bereits zerstört. Den Präsidenten scheint das kaum zu kümmern. Kurz vor einem Auftritt bei den Vereinten Nationen weist Bolsonaro erneut Vorwürfe zurück.

Von Martina Farmbauer, dpa
Rio de Janeiro
Eine gewisse Ironie ist kaum zu leugnen: Ausgerechnet Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der die massiven Waldbrände in seinem Land immer wieder herunterspielt, kann mit seinem Flugzeug nicht landen - wegen des Rauchs der Waldbrände. Aber deshalb Einsicht beim Staatsoberhaupt? Fehlanzeige. „In diesem Fall war die Sicht nicht sehr gut“, sagt Bolsonaro lediglich, nachdem es mit dem Landeanflug auf die Stadt Sinop am Freitag im zweiten Versuch dann doch noch geklappt hat. Heute soll er nun als einer der ersten Redner die UN-Generalversammlung eröffnen - und sich wohl auch dann wieder jede Kritik an seiner Umweltpolitik verbitten.
Vorwürfe aus dem Ausland weist der Präsident mit dem Hinweis zurück, die Konkurrenz sei eben interessiert daran, das brasilianische Agrargeschäft anzugreifen. Kanzlerin Angela Merkel hatte sich auch angesichts der anhaltenden Abholzung des Regenwaldes skeptisch gegenüber dem Handelsvertrag zwischen EU und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur geäußert. Auch Frankreich widersetzt sich dem.
„Wir sehen Ausbrüche von Feuern in ganz Brasilien seit Jahren“, sagt Bolsonaro. Was Bolsonaro zum Beispiel nicht sagt: Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1999 hat es im Pantanal, dem weltgrößten Binnenfeuchtgebiet, nie so schlimm gebrannt wie derzeit. Das geht aus Daten Nationalen Weltrauminstituts (Inpe) hervor. Alleine in diesem Jahr hat Inpe dort bereits fast 16000 Feuer registriert. Auch im Amazonas-Gebiet toben Brände.
Die Brände zerstörten schon ein Fünftel, rund 30000 Quadratkilometer, des Pantanal-Gebiets in den Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul - eine Fläche größer als Israel. „Es sieht so aus, als ob nur Wasser übrig bleibt“, sagt Vinícius Silgueiro von der Umweltschutzorganisation „Instituto Centro de Vida“ (ICV) in Alta Floresta.
Das Pantanal besteht aus einem verzweigten System von Flüssen und Seen und ist ein einzigartiges Natur- und Touristenparadies. Beheimatet sind dort außerdem die größte Jaguar-Population der Welt sowie Hunderte Vogelarten, darunter der bedrohte Hyazinth-Ara. Doch die Brände verwandeln ihren Lebensraum vielerorts in einen Friedhof. Freiwillige retten und versorgen überlebende Tiere. Es gibt dramatische Berichte von Freiwilligen, die versuchen, Feuer mit Wasser aus Schüsseln zu löschen. „Als die Region der ‚Transpantaneira‘ verbrannt ist, waren es mehrere Tage Feuer, Feuer, Feuer“, erzählt Felipe Dias, Direktor der NGO „SOS Pantanal“ in Campo Grande.
In dem Feuchtgebiet herrscht die größte Trockenheit in fast 50 Jahren, so dass ein Funke genügt, um einen höllischen Brand zu entfachen. „Die Brände sind eng verbunden mit neuen Fazenda-Eigentümern, die in der Gegend Weideland erschließen“, sagt Silgueiro. Alleine in der Gemeinde Cáceres, wo es mit am meisten gebrannt, werden circa eine Million Rinder gehalten. Das Reinigen von Feldern mit Feuer - auch ein großer Risikofaktor - ist derzeit per Dekret verboten.
Forstingenieur Silgueiro sagt, nach den Daten seiner Organisation habe es in allen Gemeinden von Mato Grosso dieses Jahr bereits gebrannt. Die Rauchwolken von den Bränden zogen Tausende Kilometer durch Brasilien bis in die Metropolen Rio und São Paulo.
Doch die Antwort der brasilianischen Regierung ließ auf sich warten: Erst in der vergangenen Woche - also mehr als zwei Monate, nachdem die Brände im Pantanal begonnen hatten, sich unaufhaltsam auszubreiten - erklärte sie den Notstand für Mato Grosso do Sul und gab Geld für die Brandbekämpfung frei.
Nach wie vor sieht die Regierung die Brände vor allem als Marketingproblem, viele Mitglieder stellen sogar den vom Menschen verursachten Klimawandel in Frage. Seit seinem Amtsantritt hat Präsident Bolsonaro die Umweltbehörden geschwächt, das Budget für 2021 wurde gekürzt. „Wir erleben das Chaos in der Umweltpolitik, die Vernachlässigung, dass es nicht gelingt, ein Problem wie dieses anzunehmen und zu lösen“, kritisiert Silgueiro.
Bolsonaros Besuch in Mato Grosso am vergangenen Freitag diente - als er dann einmal gelandet war - übrigens nicht dazu, sich ein Bild von der Waldbrand-Lage vor Ort zu verschaffen oder gar Beistand zu leisten. Stattdessen wollte er eine Ethanol-Fabrik einweihen, Agrar-Produzenten treffen und Landtitel vergeben.

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