12 September 2020 | International

Von der Kultur zur Revolution: Maria Kolesnikowa mobilisiert Belarus

Kulturschaffende spielen bei der Revolution in Belarus eine besondere Rolle. Eine Stimme im Kampf gegen „Europas letzte Diktatur“ ist die Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch. Zur Spitze der Opposition aber gehört die in Stuttgart ausgebildete Musikerin Kolesnikowa.

Minsk (dpa) – Die Musikerin Maria Kolesnikowa hätte sich nach zwölf Jahren Leben für die Kunst in Stuttgart noch vor kurzem nicht träumen lassen, dass sie sich im Gefängnis wiederfindet. „Meine politische Arbeit hat sich so ergeben“, sagte die 38-Jährige unlängst der Nachrichtenagentur dpa in Minsk. Nach ihrem Studium in Stuttgart und ihrer Arbeit als Kulturmanagerin entschied sie sich erst vor einigen Monaten, das beschauliche Leben in Deutschland hinter sich zu lassen - und den Kampf gegen den als „Europas letzten Diktator“ verschrienen Alexander Lukaschenko aufzunehmen.
Deshalb sitzt Kolesnikowa, eine Flötistin und Expertin für experimentelle Neue Musik, nun wegen des Versuchs der illegalen Machtergreifung in Minsk in Untersuchungshaft. Ihr drohen viele Jahre Gefängnis. Die deutsche Kulturszene ist in Aufruhr und Sorge – und hat sich jetzt an Kanzlerin Angela Merkel gewandt. Merkel solle sich als EU-Ratsvorsitzende für die sofortige Freilassung Kolesnikowas einsetzen, heißt es in einem offenen Brief an das Kanzleramt.
Dutzende Kulturschaffende, aber auch einige Politiker gehören zu den Unterzeichnern. „Maria ist ein Mensch mit gesellschaftlicher Verantwortung. Sie hat als Künstlerin immer Menschen erreichen, etwas bewegen wollen“, sagt Christine Fischer, Intendantin von Musik der Jahrhunderte in Stuttgart und künstlerische Leiterin des Festivals ECLAT für Neue Musik. Die beiden Frauen kennen sich seit drei Jahren.
Von Stuttgart aus managte Kolesnikowa Kulturprojekte, arbeitete teils beim Aufbau eines Kulturzentrums in Belarus, teils in Deutschland für das Festival. Über ihre Kulturarbeit lernte sie Viktor Babariko kennen, der als Chef einer russischen Bank künstlerische Projekte förderte. „Die Werte, die Linie, die er vertritt, sind mir sehr nah. Er hat sich stark für die Entwicklung der belarussischen Kultur und für die moderne Kunst eingesetzt. Und er ist demokratisch und offen“, sagte Kolesnikowa bei einem Treffen in Minsk vor ihrer Inhaftierung.
Dann sei eins zum anderen gekommen. Babariko habe die Bank verlassen, sich für den Wechsel in die Politik und den Kampf gegen den seit 26 Jahren mit harter Hand regierenden Lukaschenko entschieden. „Ich habe ihm ohne zu zögern meine Unterstützung angeboten. Aber natürlich nicht gedacht, dass ich mich in dieser Rolle wiederfinde“, erzählte sie. Ihre Rolle war zuerst Wahlkampfmanagerin.
Als Lukaschenko dann Babariko verhaften ließ, unterstützte sie die zur Präsidentenwahl am 9. August zugelassene Seiteneinsteigerin Swetlana Tichanowskaja, die sich als Siegerin der Abstimmung sieht. Doch nach Tichanowskajas Flucht ins EU-Exil nach Litauen wuchs Kolesnikowas politische Rolle weiter.
Schon immer hat sie sich für die Funktionsweise sozialer Netzwerke interessiert, kennt sich mit Algorithmen im Internet aus und weiß aus ihrer Zeit als Kulturmanagerin, wie Reichweiten zu erzielen sind. Die zudem als Rednerin ausgebildete Künstlerin erklärte schließlich, selbst die Führung der Opposition übernehmen zu wollen. Sie kündigte die Gründung der neuen Partei Wmeste – zu Deutsch: Miteinander - an. Sie selbst sagte bei den Treffen in Minsk, dass ihr zwar der Rosenbalkon in Stuttgart fehle, aber der große Aufbruch jetzt ihre Sache sei.
Gemeinsam mit der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch arbeitete sie im siebenköpfigen Präsidium eines Koordinierungsrates der Zivilgesellschaft für einen friedlichen Machttransfer. Nachdem Lukaschenko das Gremium für illegal erklären ließ, ist Alexijewitsch nun die einzige, die noch in Minsk in Freiheit ist. Die 72-Jährige zeigte sich erst am Mittwoch besorgt, Lukaschenko könne auch sie einsperren lassen. „Erst haben sie uns das Land gestohlen, jetzt greifen sie die Besten von uns auf“, sagte Alexijewitsch. Aber es kämen Hunderte andere an ihrer Stelle. Das Land bäume sich auf.
Kolesnikowa und Alexijewitsch kennen sich gut und sind die prägenden Stimmen der Revolution in der Ex-Sowjetrepublik, wo der Geheimdienst noch wie zu kommunistischen Zeiten KGB heißt und jeden Andersdenkenden verfolgt. In Stuttgart hatte Kolesnikowa zuletzt mit der Oper bei der Produktion BORIS Kontakt, in der sechs Schicksale aus Alexijewitschs Buch „Secondhand-Zeit“ vertont wurden.
Opernintendant Viktor Schoner und Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn gehören zu den Unterzeichnern des Briefs an die Kanzlerin. Er sei in „großer Sorge“ um Kolesnikowa, die als Bürgerin in Stuttgart sozial engagiert gewesen sei und großen Respekt genieße, schrieb Kuhn an den belarussischen Botschafter in Berlin.
„Wir verfolgen die Nachrichten hier mit angehaltenem Atem und Bewunderung dafür, wie Maria sich entwickelt hat, wie sie es versteht, mit ihrer Energie und positiven Ausstrahlung solche Massen zu mobilisieren, und einfach einen Instinkt für starke Momente und Bilder hat“, sagt ihre Wegbegleiterin Fischer in Stuttgart. Auch die herausragende Rolle der Frauen bei den Protesten passe zu Kolesnikowas Linie. „Frauen sollten schon in ihren Kulturprojekten immer eine große Rolle spielen; es ging um Unterdrückung - bis hin zur Vergewaltigung - und immer darum, Frauen zu ermutigen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.“
Fischer glaubt nicht, dass Kolesnikowa, die auch als Musikpädagogin gefragt war, von Anfang an den Wunsch hatte, in die Politik zu gehen. „Aber es ist großartig zu sehen, wie sie Verantwortung übernimmt.“ Die Haft mache ihr Sorgen, Kolesnikowa sei aber eine starke Frau. „Ich glaube nicht, dass Lukaschenko sie brechen kann.“

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