28 August 2015 | Kultur & Unterhaltung

„USAKOS: Photographs beyond Ruins“

Jeder Autofahrer auf der B 2 auf dem Weg nach oder von Swakopmund fährt durch das eher unscheinbare Städtchen Usakos und hält höchstens zum Tanken. Aber wer kennt schon seine abwechslungsreiche und für Namibia ganz typische Geschichte?
Der Band „Usakos – Photographs beyond Ruins“ ist eigentlich der Katalog zu einer permanenten Ausstellung, die Ende Juni im Infocentre in Usakos eröffnet wurde, und ist doch viel mehr: Er ist auch ein Fotoalbum, eine Chronik, ein Stück Geschichte, das in Worten, aber vor allem in außergewöhnlichen Bildern über das Auf und Ab dieser kleinen Eisenbahnstadt erzählt. Autoren sind die beiden Historiker Giorgio Miescher and Lorena Rizzo, sowie Museumskuratorin Tina Smith und der Fotograf Paul Grendon. Ungewöhnlich an dem Projekt ist, dass erstmals mehr als 250 Fotografien im Privatbesitz von vier alten Damarafrauen von Usakos vorgestellt werden, namentlich Cecilie //Geises, Wilhelmine Katjimune, Gisela Pieters und Olga //Garoes.
Es begann mit einer Forschungsarbeit im Jahr 2011, in der es darum ging, die Geschichte von Eisenbahndörfern und Stadtplanung während der Apartheidsära in Namibia zu untersuchen. Das Forschungsteam landete in Usakos und begegnete dort vier erstaunlichen Frauen. Sie wussten nicht nur viel über die Geschichte ihres Dorfes, sondern hatten auch über zahlreiche Jahre hunderte Schwarz-Weiß-Fotos gesammelt, einige mehr als hundert Jahre alt. Unterschiedlich in Form und Größe, in Kartons, Blechdosen, Plastiksäcken oder Ledertaschen aufbewahrt, nur wenige in Alben, zum Teil zerkratzt, verklebt, abgerissen oder durchlöchert, waren sie eine wahre Fundgrube für die erstaunten Forscher.


Wie sind diese zahlreichen Fotos entstanden? Die meisten waren keine Schnappschüsse, sondern eindeutig gestellte Bilder, meist Portraits von Einzelpersonen oder Gruppen. Es stellte sich heraus, dass es schon damals, oft unbemerkt von weißen Missionaren und Händlern, von denen bisher die meisten Archivfotos stammen, schwarze Berufsfotografen gab, die die Dörfer und Städte entlang der Bahnlinien bereisten, ihre Dienste anboten, zum Teil für 15 Cent pro Foto, und die Abzüge zwei Wochen später zurückbrachten. Einige waren aus Usakos, andere kamen aus Swakopmund oder Windhoek. Diese sorgfältig aufgestellten Bilder wurden aus einer ganz anderen Perspektive aufgenommen als die bisher bekannten Fotos mit ihrem „kolonialen Blick“; sie waren vielmehr eine selbstbewusste Selbst-Repräsentation.
Neben diesen alten Schwarz-Weiß-Fotos enthält der Katalog auch eine Reihe Buntfotos des Fotografen Paul Grendon aus den Jahren 2013 bis 2015, die das Alte, zum Teil in Ruinen noch Vorhandene, aufnehmen und somit die Vergangenheit im Gegenwärtigen erfassen. Mit ihren reichen Farben und ihrer perfekten fotografischer Technik bilden sie einen krassen Gegensatz zu den Bildern aus der alten Zeit.


In einem schriftlichen Teil des Bandes erfährt man, illustriert mit Archivfotos, wie eng die Geschichte von Usakos mit der Entwicklung der erst deutschen dann der südafrikanischen Eisenbahn in Namibia zusammenhing. Vor allem in den 1940ern und 1950ern Jahren bescherte letztere der Stadt einen erstaunlichen Aufschwung, ab 1960 aber auch den unaufhaltsamen Rückgang.
Nach dem Ersten Weltkrieg, ab dann unter südafrikanischer Herrschaft, entstanden verschiedene Locations um und in Usakos, vor allem die sogenannte Old Location, mit einem bunten Leben mit Musik und Tanz und afrikanischen Bewohnern aus dem ganzen Land sowie aus dem Ausland; 1955 hatte Usakos allein acht Fußballmannschaften. Zum Leidwesen der Apartheidsregierung war die Old Location jedoch viel zu nahe an der weißen Siedlung, und 1955 kam die Direktive aus Pretoria, die Old Location abzureißen und die Einwohner umzusiedeln - die Schwarzen in die später Hakhaseb genannte Location und die Coloureds nach Erongosig. Die Umsiedlung begann 1961 und zog sich bis zum Jahr 1968 hin. Im Gegensatz zu der Zwangsumsiedlung in Windhoek wenige Jahre zuvor gab es in Usakos keinen organisierten Widerstand. Einerseits hatte die gewalttätige Repression in Windhoek Angst geschürt, andererseits gab es die Verlockung, in neue Zementhäuser zu ziehen. Auch die Rheinische Missionskirche, die sich über den Neubau einer Kirche in der neuen Location freute, stimmte stillschweigend zu.


Die Sechziger Jahre waren auch der Beginn des Niedergangs von Usakos. Mit der Abschaffung der Schmalspurlinie verlor die Stadt seine Bedeutung als Wartungsstation, und als die Reparaturwerkstätten der South African Railways von Usakos nach Windhoek verlegt wurden, war der Rückgang des Dorfes unaufhaltsam. Insofern geht dieser Band über ein Interesse an Usakos selbst hinaus, denn die Geschichte dieses Dorfes, seines Auf- und Niedergangs, seiner Zwangsumsiedlungen und Umstrukturierung, um den Vorstellungen der südafrikanischen Apartheidspolitik zu genügen, widerspiegelt im Kleinen die Geschichte des ganzen Landes. Erika von Wietersheim, August 2015

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