21 Juni 2006 | Lokales

Oshi-Deutsch, ein Verein und viele Geschichten

Nach der Unabhängigkeit Namibias und dem Fall der Berliner Mauer kehrten 1990 mehr als 400 Kinder und Jugendliche aus der ehemaligen DDR nach Namibia zurück. Sie waren Opfer des Unabhängigkeits-Krieges und hatten in der DDR Sicherheit und Unterkunft gefunden. Viele von ihnen hatten elf Jahre dort verbracht. Als sie nach Namibia zurückflogen, war es für sie eine Heimkehr in ein fremdes Land. Verschiedene namibische und deutsche Projekte sollten ihnen helfen, sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Jetzt, sechzehn Jahre später, werden die ehemaligen DDR-Kinder selbst aktiv - und wollen in Windhoek einen eigenen Verein gründen.

"Es gab einige Bestrebungen, uns als Gruppe zusammenzuhalten. Viele wollten uns helfen. Aber sie wussten nicht, was wir wirklich brauchten", sagt Patrick Hashingola. "Die Initiative für einen Verein musste von uns selbst kommen." Der 33-Jährige Namibier ist ein ehemaliges DDR-Kind und einer der Wegbereiter des neuen Vereins. Er war vier Jahre alt, als er 1976 während des Unabhängigkeitskrieges aus dem Ovamboland im Norden Namibias nach Angola in das Flüchtlingslager Kwanza Zul gebracht wurde. Die SWAPO (South West Africa People's Organisation), die damals für Namibias Unabhängigkeit gegen die südafrikanische Armee kämpfte, suchte Hilfe in sozialistischen Ländern. Als die DDR einwilligte, Kinder aus SWAPO-Flüchtlingslagern aufzunehmen, war Patrick unter den ersten 80, die von Angola in die DDR flogen.

Viele seiner Freunde, die jetzt in seinem Haus den neuen Verein planen, waren dabei, andere folgten nach. Für den "Freundeskreis Ex-DDR" ist es das dritte Treffen. Sie diskutieren in Oshi-Deutsch, eine Mischung aus Deutsch, Englisch und ihrer Muttersprache Oshivambo. Oshi-Deutsch soll auch die Amtssprache des Vereins sein. Die erste Hauptversammlung ist für den 15. Juli geplant. Bis dahin muss die Satzung stehen, ein Raum gefunden, auch die Finanzen müssen geklärt sein. Hashingola: "Wir haben viele gute Ideen, aber noch fehlt das Geld." Ein Treffpunkt soll der Verein sein, Austausch und Aktivitäten bieten. Auch Partner, Kinder, Freunde und ehemalige Lehrer können eintreten. Und diejenigen, die im Ausland, in Deutschland leben. Vor allem aber soll der Verein ein Netzwerk sein. "Es gibt einige von uns, die es auf eine Art und Weise nicht geschafft haben", sagt der 33-Jährige. Immer wieder würden ehemalige DDR-Kinder an ihn herantreten und um Geld bitten. Diese Abhängigkeit sei auf Dauer keine Lösung. Als institutionalisierte Gemeinschaft, als eingetragene Non-Profit-Organisation könnten sie Bedürftigen den nötigen sozialen Rückhalt bieten, hofft er. An den entsprechenden Konzepten wird noch gearbeitet.

Nixon Marcus ist Staatsanwalt, Tuhas Shikongo arbeitet als Brauer, Nampa Shivute als Apotheker-Assistentin, Tileinge Nambinga ist Vermesser und Patrick Hashingola PR-Manager. "Wir teilen einen wichtigen Abschnitt unserer Vergangenheit. Trotzdem sind wir alle Individuen, mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen", sagt Nampa. Vor allem die Medien hätten die ehemaligen DDR-Kinder oft als Kollektiv betrachtet und die persönlichen Umstände jedes einzelnen ausgeklammert. Zwar sei der Zusammenhalt sehr groß: "Über ein paar Ecken haben alle 400 von uns über die Jahre Kontakt gehalten." Wie Geschwister fühlen sie sich, sagen sie - nur vereinzelt hätten sich auch Paare gebildet. "Trotzdem hat jeder seine eigene Geschichte und ist unter ganz verschiedenen Umständen von Namibia in die ehemalige DDR gekommen", so Hashingola. Und jeder hat anders auf die plötzliche Rückkehr reagiert.

Als die DDR-Kinder im August 1990 zurück nach Namibia flogen, war Patrick Hashingola 18 Jahre alt. Die Institutionen der ehemaligen DDR waren zerbrochen. Vertretern der Bundesrepublik Deutschland fehlte es an Mitteln, um die Programme der DDR sofort weiterzuführen. Schnell ließ die Regierung des neuen unabhängigen Namibias die Kinder und Jugendlichen zurückfliegen. Hashingola hatte seine Schullaufbahn in der DDR absolviert und wäre gerne dort geblieben. Bei dem Gedanken an den abrupten Aufbruch ist ihm immer noch unwohl. "Niemand hat uns erklärt, warum wir so plötzlich zurück mussten. Wir waren wie ein Spielball zwischen den Regierungen und scheinen als Menschen keine große Rolle gespielt zu haben." Bis heute wartet er auf eine Stellungnahme der damaligen Entscheidungsträger.

Sein Herzblut liege in dem neuen Verein, mit dem sich die ehemaligen DDR-Kinder auch gemeinsam mit ihrer Geschichte auseinandersetzen wollen. "Nur wer mit der Vergangenheit im Reinen ist, kann für die Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen", sagt er.

Als Patrick Hashingola im August 1990 in Windhoek ankam, war er einer von den vielen Kindern und Jugendlichen, die nicht von ihren Familien abgeholt wurden. Er kam in ein Heim für DDR-Kinder. Auch später hat ihn seine Mutter nicht mit zurück ins Ovamboland genommen. Stattdessen wohnte er bei Verwandten in Katutura, dem Wohnviertel in Windhoek mit überwiegend schwarzem Bevölkerungsanteil. Er sollte an der Deutschen Oberschule in Windhoek (heute Delta Oberschule) seinen Abschluss machen. Für diese Entscheidung, sagt er, sei er seiner Mutter dankbar. Viele Rückkehrer hätten es schwer gehabt, sich in der Kultur ihrer Familien zurechtzufinden, nachdem sie viele Jahre in der DDR sozialisiert worden waren. Diese Probleme blieben Hashingola erspart. Er studierte in Südafrika, absolvierte eine Ausbildung in Deutschland. Dass er irgendwann wieder in Deutschland leben wird, weiß er, seit seiner Rückkehr aus der DDR. Aber das, sagt er, sei eben nur seine Geschichte.

Infos zum "Freundeskreis Ex-DDR" gibt es bei Patrick Hashingola unter Telefon 081 1287397. Das nächste Treffen ist an diesem Samstag, 24. Juni, um 14:30 Uhr in der Spechtstr. 1542.

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