22 Januar 2018 | Natur & Umwelt

Kein Platz mehr für den König der Tiere

Blutbad im Schafskral: Vergangene Woche reißen zwei Löwen am Brandberg in nur einer Nacht mehr als 170 Schafe. Bereits im November haben Löwen in der Kunene-Region unter Ziegen und Schafen gewütet. Und Monate zuvor sind Löwen aus dem mit Löwen überbesetzten Etosha Nationalpark auf kommunales Farmland vorgedrungen.

Kein Zweifel - der Konflikt zwischen der Großkatze und dem Menschen nimmt zu. Der Löwe zieht dabei den Kürzeren, obwohl er wie kein anderes Tier als Symbol für das wilde, unberührte Afrika steht und das Reiseland Namibia mit ihm kräftig die Werbetrommel rührt. Betroffene Farmer fordern, dass die Raubkatzen aus ihren Gebieten entfernt werden, oder greifen zum Gewehr. Traurige Konsequenz: Für den König der Tiere, das Symbol afrikanischer Wildnis, scheint in Namibia bald nur noch in Nationalparks Platz zu sein.

Lebensraum auf acht Prozent geschrumpft

Damit folgt Namibia dem Trend auf dem gesamten Kontinent. Einer Studie von Riggio et al aus dem Jahre 2013 zufolge ist der Lebensraum des Löwen in Afrika südlich der Sahara auf nur noch 17 Prozent seines ursprünglichen Verbreitungsgebietes geschrumpft. Eine neuere Studie aus dem Jahre 2015, die Baur et al für die rote Liste bedrohter Arten der International Union for Conservation of Nature (IUCN) erstellt haben, zeichnet die Lage noch dramatischer: Demnach sind nur noch 8 Prozent des ursprünglichen Lebensraumes des Löwen erhalten. Landwirtschaftliche Erschließung und Zersiedlung durch den sich ausbreitenden Menschen haben den Lebensraum des Löwen zerstört.

Jüngstes Beispiel für den Konflikt zwischen Löwe und Viehzüchter ist das Löwenrudel, das in der Kunene-Region im Oktober in zwei Nächten rund 250 Schafe und Ziegen gerissen hat. Das Umweltministerium entsendet sofort Naturschutzbeamte in die Gegend. Obwohl sich herausstellt, dass die Farmer ihre Kräle nicht löwensicher errichtet haben, werden fünf der Raubkatzen gefangen, um sie umzusiedeln.

Doch wohin? Etosha kommt nicht in Frage, weil es dort bereits zu viele Löwen gibt und die noch jungen Tiere dort mit Sicherheit von anderen Rudeln getötet werden. Ähnlich sieht es in anderen Nationalparks aus, die in Frage kommen. So ruft das Umweltministerium das private Naturschutzgebiet Erongo Mountain Rhino Sanctuary (EMRS) im Erongo-Gebirge an, mit dem es seit mehr als zehn Jahren im Rahmen des Patenschafts-Programms für Spitzmaul-Nashörner eng und erfolgreich zusammenarbeitet.

Erongo-Gebiet braucht Löwen

Das EMRS stimmt sofort zu. Die 24 Mitgliedsfarmen hatten bereits 2015 auf ihrer Jahreshauptversammlung die alarmierenden Zahlen der IUCN zum schrumpfenden Habitat des Löwen in Afrika diskutiert. Dem Vorsitzenden der Träger-Stiftung EMRST, Kai-Uwe Denker, zufolge haben sie im Grundsatz beschlossen, in ihrem Naturschutzgebiet auch dieser gefährdeten Großkatze Lebensraum zur Verfügung zu stellen. Das 180000 Hektar große Gebiet ist nicht nur gut für Löwen geeignet, sondern benötigt sie zur natürlichen Regulierung der Überbestände von Wild wie Kudu, Bergzebra und Giraffe. Seit Jahren wird es - auch wegen der dort angesiedelten Spitzmaul-Nashörner - erfolgreich gegen Wilderer geschützt. Zu den kommerziellen Farmgebieten hin ist das EMRS wildsicher abgezäunt und der Grenzzaun zum Stadtgebiet Omaruru wird in Kürze elektrifiziert.

Die Löwen wären zudem eine zusätzliche touristische Attraktion. Laut EMRST gibt es in dem Gebiet bereits 18 Lodges, Gäste- und Jagdfarmen sowie Campingplätze mit insgesamt fast 20000 Gästen im Jahr. Der Tourismus bietet demnach mehr als 200 Menschen einen Arbeitsplatz. Hinzu kommen 38 Wildhüter zur allgemeinen Überwachung und für die Anti-Wilderer-Patrouillen im Naturschutzgebiet.

So setzt das Umweltministerium vier der fünf gefangenen Löwen im November im EMRS aus; eines der Tiere ist infolge des hohen Stresses vorher verendet. Seitdem lassen sich die Löwen nicht blicken; sie halten sich in abgelegenen bergigen Regionen auf. Lediglich ihre Spuren werden gesichtet. Sie reißen Wild, aber kein Vieh - und sie gehen dem Menschen aus dem Weg, wie aus anderen Gebieten mit Löwen-Populationen bekannt. Eine klare Bestätigung dafür, dass es in der Kunene-Region nur deshalb zu Übergriffen auf Kleinvieh kam, weil es dort aufgrund der Dürre an Wild mangelt.

Gefahr für Mensch und Vieh?

Dennoch gibt es Protest. Die Eigentümer-Familie der Farm Eileen, die einen Campingplatz betreibt und laut EMRS-Mitgliedern Ziegen hält, warnt in einem Leserbrief an die Allgemeine Zeitung vor der Gefahr für Mensch und Vieh. Für die EMRS-Mitglieder unverständlich, denn seit jeher gibt es Leoparden im Erongo. Laut Umweltministerium werden Löwen-Angriffe auf den Menschen noch seltener gemeldet als Leoparden-Attacken - und die sind bereits selten. Dem EMRS zufolge wurde auch die Gefahr für Holzsammler ins Feld geführt, die es in dem Gebiet jedoch gar nicht gibt. Die von den Protestlern angekündigte Petition bewahrheitet sich nicht. Die kleine Farm Eileen liegt mitten im Gebiet des Erongo und profitiert von der Vermarktung der Region und dem Schutz vor Wilderei, ist aber mit den Mitgliedern des EMRS seit Gründung des EMRS nicht zur Zusammenarbeit bereit. Wie überall ist es der Konflikt zwischen Viehzüchter und Löwe.

Der Protest hat Folgen. Am 10. Januar kündigt das Umweltministerium offenbar auf Anordnung von höherer Stelle an, dass die Löwen wieder eingefangen und in einen der Nationalparks umgesiedelt werden sollen. Bei einem Treffen im Ministerium erfährt ein Vertreter des EMRS, dass sich eine unbetroffene Privatperson als durch die Löwen bedrohte Partei ausgegeben und angeboten hat, die Löwen zu fangen. Sie ist dem EMRS jedoch nicht bekannt und lebt auch nicht in der Gegend, hat allerdings angeblich gute Kontakte zur Regierung. Gerüchten zufolge könnte der Plan bestanden haben, die Löwen nach Südafrika zu verkaufen, wo bis zu 500.000 Rand für tuberkulose-freie Löwen aus Namibia bezahlt werden. Das Ministerium ist auf das Angebot zwar nicht eingegangen; die Löwen werden jedoch trotzdem ein zweites Mal umgesiedelt - nach Etosha.

Nashörner ja, Löwen nein

Dem Trend des schrumpfenden Lebensraumes für konfliktträchtige Großwildarten wie Löwe und Elefant versucht das Umweltministerium mit der Strategie entgegenzutreten, den betroffenen Menschen einen Nutzen aus dem Naturschutz zu bieten - in Form kommunaler und kommerzieller Hegegebiete (Conservancies), die ihr Wild hegen, um Touristen anzuziehen und aus Gastbetrieb und Trophäenjagd Einkünfte zu erzielen. Das Vorhaben, in Kooperation mit privaten Naturschutzgebieten wieder mehr Lebensraum für Wild auch außerhalb der Nationalparks zu schaffen, verläuft bei Spitzmaul-Nashörnern sehr erfolgreich. Dies gilt auch für das Naturschutzgebiet des EMRS im Erongo-Gebirge.

Der Versuch, einen ähnlichen Erfolg auch für den Löwen zu erzielen, ist dagegen wohl zunächst gescheitert. Für die Mitglieder des EMRS besonders bitter ist die Erkenntnis, dass die Verwirklichung der großen Vision einer erfolgreichen Kooperation im Naturschutz durch den für sie nicht nachvollziehbaren Protest einer kleinen Partei gestoppt werden kann - und dass in diesem Fall Hobby-Landwirte, die nach Kenntnis von EMRS-Mitgliedern ihren Lebensunterhalt anderswo bestreiten, die Wiederherstellung eines intaktes Ökosystems boykottieren.

Bleibt die Frage, wo dem Löwen überhaupt noch Lebensraum erhalten bleiben soll, wenn nicht in ariden, schroffen Gebieten wie dem Erongo-Gebirge, das sich zur nachhaltigen landwirtschaftlichen Nutzung nicht eignet?

Gastbeitrag von Sven-Eric Stender

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