06 Dezember 2018 | Meinung

Jetzt kannste und musste vieles viel offener sagen

Je nach Thema und Gegenstand wechselt das Publikum im Vortragslokal der Namibia Wissenschaftlichen Gesellschaft Beizeiten läuft der Saal mit namibischem Gemenge über wie in dieser Woche, als fünf Bücher vorgestellt wurden, drei in deutscher und zwei in englischer Sprache. Die redaktionell korrekte Übersicht wird an anderer Stelle in der AZ erscheinen. Hier geht´s um persönliche und nich minder relevante Wahrnehmung.

Wenn ein Struggle-Held, hier Andrew Niikondo, seinen Werdegang von heimlicher Flucht aus dem Ovamboland, über Lagerleben, Militärausbildung, persönlichem Bildungsdrang, Kampfeinsatz und gesellschaftlichem Aufstieg bis zu akademischen Würden leserlich schildert und daraus vorzutragen weiß, is ihm ein volles Haus gewiss. Und das umso mehr, da sein ehemaliger Lagerlehrer, heute Omu-Vizepräsidente II von Namibia, Omushamane Nangolo Mbumba, und sein früherer vorgesetzter Militärbefehlshaber, Comräd Epaphras Ndenga Ndaitwah, General-Leutnant a. D., nich nur zugegen sind, sondern zu Niikondos Autobiographie das Wort ergreifen.

Im Publikum sitzen außerdem noch über ein Dutzend direkte Zeitgenossen und Feldkameraden Niikondos, die Ende der 80-ziger Jahre mit ihm hauptsächlich in der Artillerie in Angola gedient haben. Als Grand Senhor sitzt außerdem noch Omushamane Nahas Angula in der VIP-Reihe der Gesellschaft, deren Mitglieder erstaunt und erfreut über die vielen Leut´ sind, die heut zum ersten Mal das Haus der Wissenschaftlichen Gesellschaft betreten und vor dem Höhepunkt des Abends, der Buchvorstellung Niikondos, auch die Kurz-Vorstellung anderer neuer Bücher mitmachen, darunter Geschichtswerke über die deutsche Kolonialzeit bis nach dem 1. Weltkrieg und ein Gedichtband mit namibischen Empfindlichkeiten.

Bei der anwesenden Prominenz is unbedingt die historische Rang- und Hackordnung zu beachten. Omushamane Angula und Vize-Omupräsidente II, Mbumba, gehören zu den Vor-66-ern, das heißt, ihre Exilerfahrung reicht über 40 Jahre zurück, derweil sie erst 1989 heimkehrten. Diese Seniorität wurde am Abend genauso betont, wie das vor 50 oder 100 Jahren noch unter Alt-Schutztrupplern - Alte Kameraden - gang und gäbe war, die sehr wohl einen Unterschied trafen, ob ein Alt-Soldat den Landeseintritt von 1896 nachweisen konnte - ein Sechsundneunziger ! - oder einer war, der unter den Tausenden um 1904 nach Ausbruch der Aufstände in Swakopmund an Land gegangen war.

Der Autor Niikondo erschien in seiner früheren Militäruniform, wofür er sich vorsichtig entschuldigte, ob das wohl im Rahmen der öffentlichen Buchvorstellung gestattet sei. Er habe allerdings seinen früheren Befehlshaber gefragt. Der habe ihm das gestattet. Der General-Leutnant Ndaitwah a. D. selbst kam in Zivil.

So is nun ein Buch über einen Entlaufenen erschienen, der es vom Flüchtling über die Artillerie im Buschkrieg bis zum Doktoren- und Lektorenrang gebracht hat.

Die Kulisse

Mitte und Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind hauptsächlich - aber nicht nur - junge Ovambo dem Kampf-, Befreiungs- und Abenteuerruf ihrer Vorgänger ins Ausland gefolgt, nunmehr nach Angola. Angola wurde im November 1975 unabhängig und stand nicht mehr unter portugiesischer Herrschaft. Nach der Flucht der Mehrzahl portugiesischer Siedler und liierter Mulatten versank Angola in Bürgerkrieg und Chaos. Der weitgehend gesetzesfreie Raum wurde Aufmarschgebiet für den kaltheißen Krieg rivalisierender angolanischer Militärs und Milizen, für periodische Feldzüge Südafrikas, für russische und DDR-Militär- und Geheimdienst-Instrukteure sowie für das kubanische Afrikakorps. In selbigem Raum hat die Swapo ihre Flüchtlings- und Militärlager betrieben.

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