13 August 2019 | Geschichte

Engagiert, geächtet, verdrängt, aber couragiert

Die Autobiographie von Samson Tobias Ndeikwila - Agony of Truth - eignet sich nicht als Unterhaltungs- oder Bettlektüre. Das geht allein schon aus den Vorworten des Polit-Analytikers Dr. Joseph Diescho und der Redakteurin Erika von Wietersheim hervor. Beide bereiten den Leser auf harte Kost vor. Mit der aktuellen, erweiterten Ausgabe - die erste ist 2014 erschienen, nachdem Ndeikwila bereits mit einem längeren Manuskript an die Öffentlichkeit gegangen war - ist ein authentisches namibisches Geschichtswerk erschienen, das von jedem Landesbürger gelesen werden sollte, der sich in das Gesamtbild des leidvollen Werdegangs der Nation und der Republik Namibia einarbeiten will und Lehren für Gegenwart und Zukunft sucht. Schon der Titel, hier übersetzt als Qual und Pein der Wahrheit , führt den Leser an die Offenlegung und Offenbarung der Kehrseite der noch lebendigen Zeitgeschichte heran, die hier ohne Beschönigung, ohne Floskeln politischer Feiertage und auch ohne Rücksicht auf aktuell hohe Amtsträger dargeboten wird, die vor 1990 als Swapo-Folterknechte/Mittäter andere Swapo-Exilanten geschunden haben.

Zwischen Wahrheit und postfaktischer Legende

Wahrheit wird zur Qual, aber Wahrheit macht gleichzeitig frei, wenn sie auf überprüfbarem Boden bleibt und die Historiographie nicht in die postfaktische Duselei (Engl. „post truth“) abdriftet, in ein Gefilde, in dem sich etliche zeitgenössische Historiker wohlig eingenistet haben, weil sie die Gesamtschau, „wie es wirklich war“, unter Selbstzensur schlichtweg ablehnen, um sich anheischig zu machen, dem aktuell „politisch korrekten Lager“ gefällig zu sein. Die staatlich „korrekte Schau“ der regierenden Partei leugnet oder verdrängt so ziemlich alles, was der Autor erlebt, überlebt und zusammengetragen hat. Ndeikwilas autobiographische Werk schildert, packt aus, recherchiert - aber denunziert nicht - aus eigener Erfahrung und Anschauung seine ländliche Herkunft bei Ombalantu, seine Jugend, sein politisches Erwachen in der polarisierten Apartheidsgesellschaft, Exilantenjahre, seine Einkerkerung in Tansania, seinen Einsatz beim Namibischen Kirchenrat vor und nach der Unabhängigkeit sowie seine Aktivistenrolle als ehemaliger Vorsitzender der Organisation der (von der Swapo) politisch Ausgestoßenen, Breaking the Walls of Silence (BWS), ursprünglich deutscher Titel: „Namibische Passion“), und aus seinem sozio-politischem Engagement im Vorsitz der Plattform „Forum for the Future“. Ndeikwila hat eine große Anzahl denunzierter Personen herausgegriffen, um ihr Schicksal beispielhaft und individuell für unzählige Vermisste festzuhalten, deren Geschichte hinter dem Vorhang des einseitig festgelegten Heldengedenkens verborgen bleibt.

Unmögliche Zahl Spione

Ndeikwila schildert die Stationen seiner politischen und kirchlichen Odyssee mit Namen sowie Charakterporträts der jeweiligen Zeitgenossen, wodurch Szenen der Freiheit und der Einkerkerung überprüfbar werden. Es ist sein gewaltiger Verdienst, dass er vor allem die realen Seiten des Unabhängigkeitskampfes bis ins peinliche Detail verfolgt, darunter die 15 Peinigungsmethoden der Swapo-Folterer, die im politischen Alltag und bei staatlichem Heldengedenken der regierenden Staatspartei entweder verdrängt oder rundheraus geleugnet werden.

Das Buch enthält die unglaubliche Geschichte paranoider Denunzierung in den militärischen Trainings- und Flüchtlingslagern, wodurch Hunderte von jungen Menschen Jahre lang in Erdlöchern sowie in Gefängnissen „über Tage“ eingekerkert, gefoltert, zu falschen Spionage-Geständnissen erpresst, auch ermordet wurden oder dem Tod durch Ausmergelung preisgegeben waren. Ndeikwila und die BWS-Organisation sowie die Menschenrechtler von NamRights haben nun erneut über 26 Seiten Listen nachweislicher Namen, oft mit Angabe der Region der Herkunft und des Geburtsortes von Personen, zusammengetragen, die in der Obhut der Swapo als vermisst gelten oder die durch belegte Willkür „hingerichtet“ wurden, ohne legitimen Rechtspruch, versteht sich. Bei einem diplomatischen Empfang in Rumänien anlässlich der Unabhängigkeitsfeier eines Afrika-Landes - vor Namibia - stellte ein arabischer Gesandter dem Swapo-Vertreter Erastus Shamena folgende Frage, die unbeantwortet blieb. „Habt Ihr Swapos Beweise für die Welt, eine derart große Zahl an südafrikanischen Spionen in Euren Reihen zu finden? Was machen Sie mit ihnen, nachdem sie nun schon eine derart lang Zeit festgehalten wurden?“

Märtyrer der Wahrheit

Ein beredtes Beispiel dafür ist die Erschießung dreier Insassen, die Ndeikwila Märtyrer der Wahrheit nennt, weil sie sich weigerten, falsche „Spionage- und Agenten- Geständnisse“ abzulegen, bzw. zu wiederholen, womit sie angeblich ihre Freilassung bewirken sollten: Kleopas Namushinga, Tshuutheni Tshithigona und Gerhard Tjozongoro, die sich unter 25 nach Bildung und Führereigenschaften ausgesuchten Häftlingen befanden, die die Swapo vor der Video-Kamera als „bekennende Spione“ dokumentieren und freilassen wollte. Die drei Genannten haben sich trotz Todesdrohung geweigert, erneut Lügen und Fälschungen von sich zu geben, worauf sie erschossen wurden.

Ndeikwila räumt in der erweiterten Autobiographie mit etlichen Propagandalegenden auf,

1. dass das Gefecht bei Omugulu Gwombashe allein die Bedeutung hätte, einen Nationalfeiertag/Heldengedenktag zu rechtfertigen,

2. dass das Bombenattentat auf die FNB-Bank in Oshakati am 19. Februar 1988 ein Angriff der Südafrikaner gewesen sei, als 29 Tote (Schwarze und Weiße) zu beklagen waren, derweil das Windhoeker Obergericht eindeutig einen Swapo-Guerilla als Täter ausgewiesen hatte.

3. dass die blutigen Folgen und tödlichen Verluste des wahnwitzigen Einmarschs uniformierter, bewaffneter PLAN-Kämpfer am 1. April 1989 den UNO-Kräften zuzuschreiben wären.

4. dass der 1978 ermordete Herero-Chef Clemens Kapuuo - von der Swapo als Marionette verunglimpft - als Kollaborateur zu bezeichnen sei.

Die große Fülle an authentischen Namen in der Autobiographie, hauptsächlich aus den Ovambogruppen, aus den Ovaherero, Nama und auch Baster können einerseits dem „eurozentrischen“ Leser den Einstieg erschweren. Andererseits liefern die Namen in der relativ überschaubaren Gesellschaft just für interessierte Namibier und Historiker überprüfbare und unumstößliche Belege für die überfällige Aufarbeitung der Geschichte, um tragbare Grundlagen zur emanzipierten Gestaltung der namibischen Zukunft herzurichten.

Eberhard Hofmann



Geschichte History

Samson Ndeikwila, Lubango, Folter, Erdlöcher, Wahrheit, Spione, Spionage, Aufarbeitung

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