01 März 2010 | Leserbriefe

"Dritte Welt" in der Werkstatt

Herr Ritter hat dankenswerterweise ein Problem angesprochen, das in Afrika, auch in unserem Land, schon lange im Hintergrund schwelte und Ungemach verursacht hat. Die Diskrepanzen zwi-schen westlicher und afrikanischer Kultur sind so alt wie der Kolonialismus. Doch die angeblich so überlegenen Europäer, die sonst nicht ruhen, bis sie ein Problem gelöst hatten, gingen dem Problem nicht nach. Es gab keine Untersuchungen, keine wissenschaftliche Forschung, keine Lehrstühle an den Universitäten. Die Afrikaner übernahmen zwar von der westlichen Kultur, was ihnen gefiel und keine Mühe machte, aber kaum die Regeln der westlichen Ethik und Moral. Sie übernahmen aber viele "schlechte Gewohnheiten" der Europäer, die diese ihnen in reicher Auswahl vormachten. Als die Afrikaner in die so sehr begehrte Freiheit entlassen wurden, waren sie nicht genug darauf vor-bereitet. Die Europäer hatten versagt.

Herr Ritter legt zum Schluss dar, wie man in Zukunft vorgehen sollte. Das ist mir zu theoretisch und läuft letztlich auf Transplantation hinaus, die man nicht zum "Anwachsen" bringen kann, solange man über die Ethik der Afrikaner nicht mehr weiß als Herr Ritter beschreibt. Kann man ohne diese Kenntnis den Afrikanern die Regeln schmackhaft machen, die für Demokratie, Rechtsstaat, Grund-rechte, ordentliches Regieren, Leistung in Verwaltung und Bildung sowie Anderes in der heutigen Welt notwendig sind? Kann man ihnen helfen, den Versuchungen zu widerstehen, die schlechte Gewohnheiten, Korruption, Despotismus, reichlich fließende Entwicklungsgelder und Ähnliches mit sich bringen? Oder sollte man es den Afrikanern nicht selbst überlassen, mit ihren Problemen allein fertig zu werden, wie sie es wünschen?

Als meine Frau und ich in den 50er Jahren in dies Land kamen, lernten wir sehr bald die bekannten Problemen kennen, mit denen die Handwerker, Farmer und Kaufleute beim Umgang mit den Afri-kanern ständig zu tun hatten. Sie verstanden diese nicht, weil sie von deren Religion und Weltbild zu wenig wussten. Man war sich zwar bewusst, dass es gravierende, unterschiedlichen Auffassung über das Leben und insbesondere die Arbeit gab, aber man ging der Sache nicht ernsthaft auf den Grund. Auch die Missionare waren hilflos. Südafrika bremste mit seiner Apartheidpolitik ("so viele Trennung und so wenig Kontakte wie möglich") jede Suche nach anderen Lösungen. Auch die Afri-kaner verstanden den weißen Mann nicht. Sie passten sich aber an und spielten gern die Rolle des dummen und einfältigen Eingeborenen - in der Meinung, der weiße Mann schätze sie so ein.

Ich musste also, wie alle Unternehmer, experimentieren, wie man die Afrikaner dazu bringen könn-te, sich die westlichen Regeln im Bereich der Arbeit zueigen zu machen. Viele Arbeitgeber ließen ihre Afrikaner illegal mit Werkzeugen arbeiten oder man "erfand" neue Berufe, die nicht auf der Verbotsliste standen. Das reichte mir nicht. Ich suchte nach einer anderen Lösung und fand auch eine, die zumindest für meinen Betrieb einen Versuch wert war. Da wir aus Deutschland keine Vor-urteile gegenüber Afrikanern mitgebracht hatten und keine Berührungsängste kannten, konnten wir mit der Zeit auch persönliche Beziehungen zu Afrikanern anbahnen, um sie und sie uns "besser kennen und verstehen zu lernen". Meine Frau war im Frauenkreis der drei lutherischen Kirchen. Das ging sehr gut, bis politische Einflüsse von afrikanischer Seite das unterbanden. Unter meiner Initiative entstand ein schwarz-weißer Gesprächskreis, Zebrakreis genannt. Wir diskutierten die heikelsten Themen. Schwarze und Farbige brachten erstaunlich offen ihre Kritik am politischen Re-gime vor, auch wenn gelegentlich ein Mitglied der weißen Administration von SWA oder der Vertre-ter des damaligen SA-Premierministers Vorster eingeladen war. Diese waren schockiert von dem, was sie hörten, und beeindruckt von der Offenheit der Schwarzen und von der Sachlichkeit und Selbstdisziplin, wie diese "heiße Eisen" vorbrachten. Die Gäste berichteten weiter. Es gab aber keine negativen Reaktionen und die Geheimpolizei ließ uns als Folge besonderer Umstände in Frieden.

Bei meinem Versuch einer Lösung ging ich davon aus, dass Schwarze und Weiße jeweils in ihrer "Welt" mit eigener Ethik, Moral und Kultur weiterhin leben wollen. Ich suchte nach etwas Übergrei-fendem und "erfand" eine "Dritte Welt", die Welt der Wirtschaft, der Arbeit und des Geldverdienens. Diese Welt war meine Werkstatt. In dieser gab es keine Apartheid oder sonstige Diskriminierung und keine Parteipolitik. Aus Untergebenen wurden Mitarbeiter. Der Arbeitgeber war nicht länger der "Herr", sondern der Meister. Jeder war mitverantwortlich, dass in der Werkstatt alles gut lief. Die Regeln, die wir alle einzuhalten hatten, auch der Meister, waren die gleichen wie die der deutschen Arbeitsethik. Einiges war bereits vertraut, aber anderes (oft nur Kleinigkeiten wie die Rechtsdrehung der Schraube), das der Europäer sozusagen bereits mit der Muttermilch einsaugte, lernte der Afrikaner erst als Erwachsener kennen und musste er, oft mühsam, erlernen. Bei einem neuen Auf-trag musste er selbst prüfen, ob alles Material und Zubehör vorhanden war und dem Meister mittei-len, wenn etwas fehlt. Man musste sich mit den Kollegen wegen Benutzung der Maschinen und Geräte rechtzeitig absprechen. Man musste sofort fragen, wenn etwas unklar war oder wenn man einen Fehler gemacht hatte. Man brauchte keine Angst zu haben, dass der Meister "beißt", denn das war in dieser Dritten Welt nicht erlaubt. Er hatte die Pflicht, damit zu rechnen und zu helfen, dass die Sache korrigiert wurde, damit keine Verzögerung im Arbeitsablauf eintritt. Der "Kunde ist König" und musste pünktlich bedient werden.

Wer morgens zur Arbeit ging, sollte mit dem Verlassen seines Hauses seine eigene Welt dort zu-rücklassen und sich auf die Welt der Werkstatt und seinen Auftrag einstellen, so dass er mit Betre-ten der Werkstatt gleich mit der Arbeit beginnen kann. Das Ziel war nicht nur zu arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern auch auszubilden. Wer schneller und selbstständiger arbeitet, trägt dazu bei, dass mehr Aufträge erledigt werden können. Er kann mehr verdienen. Das Endergebnis des Jahres wird besser und damit steigt der Bonus. Mit solchen Hinweisen machte ich meine Mitarbeiter mit dem Leistungsprinzip vertraut. Nachdem ich demonstriert hatte, dass man und wie man Ar-beitsleistung messen kann, verstanden sie, dass die Löhne und der Bonus nach Leistung bestimmt werden.

Zur Ausbildung trug wesentlich bei, dass meine Leute ihre eigenen Möbel in meiner Werkstatt gegen Bezahlung des Materials bauen konnten, aber ganz ohne meine Hilfe. Sie halfen einander.

Ich machte meine Mitarbeiter mit der Betriebsführung und mit dem, was ich im Büro zu tun hatte, vertraut. Ich gab ihnen Einblick in die Berechnung der Kosten eines Auftrags oder die vielen Ne-benkosten (Telefon, Elektrizität, städtische Gebühren, Versicherungen, Autos, Steuern usw.) und wie sich diese auf das Jahresergebnis auswirken. Ich demonstrierte die Nachkalkulation nach Ab-lieferung eines Auftrags und die Erstellung einer Rechnung. Natürlich diskutierten wir auch über die Aufteilung des Jahresergebnisses: Die Zinsen für das von mir investierte Kapital und die Rate der Rückzahlung, meinen Lohn als Meister, die Abzüge für Reparaturen an Maschinen oder Geräten als Folge von Nachlässigkeit oder Ersatz für verlorenes Werkzeug. Der übrigbleibende Bonusbetrag wurde im Verhältnis der Lohnhöhe, auch meines, aufgeteilt.

Das alles scheint im Nachhinein einfach gewesen zu sein. Es erforderte viel Umdenken und Einü-ben bei meinen Mitarbeitern. Der Spruch von Gustav von Schmoller: "Es wird kein Nagel ohne Ethik in die Wand geschlagen." bewahrheitete sich. Je mehr Regeln der westlichen Arbeitsethik sich meine Mitarbeiter zu eigen machten, desto besser klappte es. Meinerseits musste ich viel Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und persönlichen Einsatz leisten. Es galt, Vertrauen aufzu-bauen und zu erhalten. Ich besuchte meine Mitarbeiter und ihre Familien in Katutura, folgte zu-sammen mit meiner Frau Einladungen zu Taufe oder kirchlicher Trauung. An Betriebsfeiern, zu de-nen ich eingeladen hatte, nahmen meine Frau und gelegentlich auch eines meiner Kinder teil. Und wir taten das damals Ungeheure, dass wir unsere "schwarzen" Gäste bedienten, die ihrerseits dafür dankten und mithalfen.

In der Atmosphäre der "Dritten Welt meiner Werkstatt" wuchsen über einen Zeitraum von zwölf Jahren sieben Afrikaner zu vollwertigen Tischlergesellen heran. Das wurde von der Tischlerinnung mit Urkunden anerkannt. Nach Verkauf meines Betriebes aus Altersgründen fanden sie alle gute Arbeitsplätze.

Karl Rudolf Sievers, Windhoek

Anm. der Red.: Der Leserbrief wurde gekürzt.

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