29 Februar 2008 | Kultur & Unterhaltung

Die Ratlosigkeit am Ende der Lektüre

Bruno Arich-Gerz, Autor der Neuerscheinung, promovierte über Thomas Pynchon und ist Juniorprofessor für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt. Seine vielen Texte lassen auf ein Engagement schließen, das deutlich über ein rein akademisches Interesse hinausreicht. Aber leider bleiben die Abhandlungen dem fachspezifischen Duktus und Diskurs zu oft verhaftet und bedürfen der Entschlüsselung. Für einen breiteren Adressatenkreis sind sie so über weite Strecken nur schwer verständlich - so in "Namibias Postkolonialismen".

Die erste von insgesamt fünf in sich abgeschlossenen Betrachtungen in diesem Buch handelt von rein Technischem: der Entwicklung der (Tele-)Kommunikation und des (Fern-)Meldewesens. Sie verrät Arich-Gerzs Forschungs-Schwerpunkt Medien und Kommunikation und unterscheidet sich deutlich von den anderen, meist literaturwissenschaftlich orientierten Kapiteln. Trotzdem suggeriert das Umschlagphoto des deutschen Postmeisters aus dem Jahre 1906 etwas irreführend die Hauptverbindung zu den Inhalten.

Diese beschäftigen sich im Folgenden mit dem nicht ins Deutsche übersetzten Roman "The Other Side of Silence" von André Brink und der von Pastor Siegfried Groth publik gemachten Mauer des Schweigens ("Namibia - The Wall of Silence"). Seine Aufdeckung der Menschenrechtsverletzungen der Swapo im Exil erschien im deutschen Original als "Namibische Passion". Dabei kritisiert Arich-Gerz trotz einiger berechtigter Vorbehalte gegenüber Brinks drastischem Versuch, sich der Gewaltverhältnisse in der deutschen Kolonie anzunehmen, zu recht die Entscheidung der deutschen Verlage, ausgerechnet dieses Werk nicht in einer Übersetzung zu veröffentlichen.

Der dritte Aufsatz in "Namibias Postkolonialismen" handelt von der Mimikry, wie sie besonders prominent in der Truppenspielerbewegung der Herero sichtbar wird. Dabei wird die theoretische Nähe des Autors zu Homi K. Bhabha als inzwischen schon fast klassischer Position eines postkolonialen Diskurses deutlich. Auch wird an einen für das Thema zentralen, früheren Essay in derselben Verlagsreihe erinnert, der hierzu - mit Thomas Pynchon als Ausgangspunkt - von Dag Henrichsen und Andreas Selmeci verfasst zum "Schwarzkommando" schon 1995 erschien.

Der vierte Essay behandelt Lucia Engombes Lebensgeschichte, wie sie in "Kind Nr. 95" erzählt wird. Er stellt diese der fiktiven Lucia aus Joseph Dieschos "Troubled Waters" gegenüber und misst die Bedeutung der beiden im postkolonialen Diskurs erneut an den von Bhabha artikulierten Positionen von "Liminalität". Hier wie andernorts wird deutlich, dass sich das Erkenntnisinteresse des Verfassers nicht zuvorderst an dem gesellschaftlichen Sujet Namibia orientiert, sondern vom postkolonial-literaturwissenschaftlichen Blick motiviert wird. Die theoriegeleitete Analyse verdeckt mitunter die gesellschaftspolitische Dimension der behandelten Werke in ihrer Bedeutung für das breitere Publikum.

Der abschließende fünfte Aufsatz befasst sich mit postkolonialen Erzählarrangements hauptsächlich anhand des Stasi-Romans "Tintenpalast" von Olaf Müller, für den Namibia als Erzählkulisse herhält, und dem authentischeren Roman "A Small Space" von dem erheblich landeskundigeren Brian Harlech-Jones. Auch hier dient Bhaba wieder als Orientierungsmarke und Bezugspunkt bei der Ein- und Zuordnung der Werke.

Am Ende der Lektüre des Bandes bleibt ein wenig die Hilflosigkeit des fachfremden Lesers und die Frage, welche Zielgruppe sich eigentlich von diesen Essays angesprochen fühlt und sie zu schätzen weiß. Aber auch die Genugtuung, dass selbst die kolonialismuskritische Perspektive des Literatur- und Medienwissenschaftlers Arich-Gerz zu dem Ergebnis kommt, dass nach wie vor Uwe Timms "Morenga" zu den herausragenden Werken einer literarischen Form der halbwegs adäquaten Auseinandersetzung mit Deutsch-Südwestafrika gehört.

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