22 März 2011 | Branche

Denkmal in Aus gibt Rätsel auf

Das Dorf Aus liegt 125 km östlich von Lüderitz am Rande des Huib-Plateaus in der Namibwüste. Wer sich die Zeit nimmt, den kleinen Ort mit seinen 1.200 Seelen etwas genauer anzusehen, wird neben dem alten Bahnhof aus der deutschen Kolonialzeit am Rande des Riviers einen gut zwei Meter hohen Gedenkstein entdecken, dem jedoch eine Gedenktafel fehlt... Wem zu Ehren wurde dieses Denkmal errichtet?

Aus ist im Jahr 1913 ein pulsierendes Handelszentrum, das Tor zwischen Küste und Inland, Stützpunkt einer Garnison der deutschen Schutztruppe. Seitdem 1906 die Eisenbahnverbindung nach Lüderitzbucht in Betrieb genommen wurde, öffneten Hotels, Cafés, Geschäfte und ein Postamt ihre Tore. In der Umgebung des Ortes wurde Land an Händler, ehemalige Schutztruppler und andere Interessenten verkauft, die Farmbetriebe aufbauten.

Als am 14. April 1908 der erste Diamant an der Eisenbahnlinie nach Lüderitz gefunden wurde, setzte in den küstennahen Gebieten um Lüderitzbucht der Diamantenboom ein. Er wirkte sich auch auf Aus vorteilhaft aus. Die Farmer in der Umgebung belieferten Kolmanskuppe und andere Siedlungen im Diamantengebiet mit Fleisch und Milchprodukten. Die 1907 in Deutsch-Südwestafrika eingeführten Karakulschafe wurden ein wichtiges Handelsgut.

Im Jahr 1911 öffnete in Aus eine deutsche Schule ihre Tore. In Kubub gab es eine Pferdezucht, die Arbeitstiere für die Minen sowie Rennpferde für Lüderitz züchtete.

Im Jahr 1913, zum 25-jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Wilhelm II., floriert Aus und kann es sich leisten, dieses Ereignis bei garantiertem deutsch-südwester 'Kaiserwetter' gebührend zu feiern. Die "Lüderitzbuchter Zeitung" berichtet am 27. Juni 1913 darüber:

"Bereits am Sonnabend, den 14. Juni, abends 7½ Uhr, bewegte sich ein großer Fackelzug mit Musik und Spitzenreiter durch die Straßen des Ortes nach dem Bahnhofshotel, woselbst ein vom Pferdedepot Süd arrangierter 'Bunter Abend' stattfand. (...) Montag früh 5½ Uhr, weckten schwere Bollerschüsse die Einwohner des Ortes aus dem Schlafe und vor 9 Uhr waren der Bürgerverein Aus, die Schule, das Pferdedepot, die Polizeibeamten sowie grade in Aus anwesende Gäste vollzählig in dem vom Bürgerverein errichteten Bürgerpark erschienen um der Feier beizuwohnen. Die Schule eröffnete diesen mit dem Gesang: 'Alles schweige, jeder neige.' Darauf hielt der stellvertretende Depotführer, Herr Leutnant von Oelhafen eine kernige Ansprache, die in ein donnerndes Hurrah auf den Kaiser ausklang. Die Kaiserhymne wurde von allen Anwesenden gesungen und nun trat der Vorsitzende des Bürgervereins Aus, Herr Schwarzenberg vor das verhüllte Denkmal, hielt eine kurze Ansprache, der Vorhang fiel und vor den Augen der Erschienenen zeigte sich in reichem Blumenschmuck ein Denkstein mit der Inschrift: Wilhelm II. 1888 - 1913."

Der 'Arbeiterkaiser' wurde in Deutschland und in den Kolonien wie kein anderer gefeiert. 'Kaisers Geburtstag' am 27. Januar war jedes Jahr ein Festtag für das deutsche Volk, auch in Deutsch-Südwestafrika. An diesem Datum musste hierzulande der Mais im Boden sein, weil er sonst nicht mehr gedieh. Wilhelm II. sonnte sich - vor allem in seinen frühen Amtsjahren - in der Bewunderung des Volkes, hatte er doch gleich zu Beginn seiner Regentschaft Arbeiterschutzprojekte eingeführt.

Der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen hatte im 'Dreikaiserjahr' 1888 im Alter von 29 Jahren den Thron bestiegen. Im selben Jahr waren sowohl sein Großvater als auch sein krebskranker Vater (nach nur 99 Tagen Amtszeit) gestorben. Kaiser Wilhelm II. hatte seit seiner Geburt einen lahmen linken Arm, was offenbar seine seelische Entwicklung nachhaltig beeinflusste. Er litt unter heftigen Stimmungsschwankungen und einer auffälligen Geltungssucht. Mit seinen markigen Reden trat er in manches Fettnäpfchen. Seine Reiselust und vor allem seine Neigung, in historischen Kostümen und Offiziersuniformen aus aller Welt aufzutreten, wirkten zumindest skurril.

Die 30-jährige Amtszeit des letzten deutschen Kaisers ging als wilhelminische Epoche in die Geschichte ein. Wilhelm II. wollte das Deutsche Reich unbedingt als wichtige politische Größe unter den Weltmächten etablieren. Er legte viel Wert auf internationales Prestige, das er durch militärische Aufrüstung und die Forcierung der Kolonialpolitik in Afrika und der Südsee zu erreichen versuchte.

An seinem 25-jährigen Dienstjubiläum lässt sich Kaiser Wilhelm II. ausgelassen feiern, obwohl er inzwischen einiges von seiner Popularität eingebußt hat. Das Volk ehrt ihn mit bunten Straßenumzügen, Musikkapellen und Fahnen. Wilhelm fährt mit einem blumengeschmückten Auto durch Berlin, während in Europa die dunklen Wolken des Ersten Weltkriegs aufziehen.

Die kleine Gemeinde im 11.000 Kilometer entfernten Aus feiert stolz mit. An Kaisers 25. Regierungsjubiläum hätte sich hier kaum jemand träumen lassen, dass das gute Leben zwei Jahre später vorbei sein sollte. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann der wirtschaftliche Zerfall von Aus, das erst heute - fast ein Jahrhundert später - wieder aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Das Denkmal zu Ehren Kaiser Wilhelm II. ist geblieben; nicht jedoch die kupferne Gedenktafel, die offenbar Beine bekommen hat.

In der Rubrik 'Gondwana History' erscheinen interessante Momentaufnahmen aus der Geschichte Namibias. Die komplette Sammlung wird das Unternehmen Gondwana Collection Namibia in einem Bändchen veröffentlichen.

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