22 Juni 2007 | Kultur & Unterhaltung

Das "Braai" ist auf Pad ins Lexikon

Es ist ein Teufelskreis, gibt Doktorant Jörg Klinner zu. Solange die "Namibismen", wie der Sprachwissenschaftler aus Niedersachsen landesübliche Varianten des Deutschen nennt, nicht im Duden stehen, wird der Deutschlehrer den Aufsatz mit roter Tinte bearbeiten. Um aber Eingang in ein Wörterbuch zu finden, müssen die Namibismen anerkannterweise Teil der deutschen Standardsprache werden. Und diesen Status erhalten sie unter anderem dadurch, dass sie in der Schriftsprache und in den Medien benutzt werden. Die Medien wiederum, allen voran die AZ als einzige deutsche Tageszeitung des Landes, ist um "korrektes Deutsch" bemüht und versucht - nicht immer mit Erfolg - die sich einschleichenden Namibismen zu vermeiden.

Dass Joe Pütz schon vor vielen Jahren versucht hat, das "Südwesterdeutsch" zu einer Schriftsprache zu machen, hilft bei diesem Dilemma wenig. Sein "Dikschenärie", ein humoristisches Wörterbuch namibisch-deutscher Ausdrücke, Redewendungen und grammatikalischer Eigenheiten, bezeichnet Klinner als "allenfalls eine Glossensammlung".

Anders verhält es sich aber, wenn die AZ regelmäßig von "abkommenden Rivieren" berichtet (was trotz der Seltenheit solcher Vorfälle nicht unwahrscheinlich ist): Dann gewinnt der Ausdruck an Akzeptanz. Dann werden selbst einheimische Sprachpuristen sich irgendwann nicht mehr daran stören. Der Pauker drückt vielleicht beide Augen zu. Und das, wiederum, erhöht die Chancen, dass "das Abkommen von Rivieren" Eingang in ein seriöses Wörterbuch findet. Ins "Variantenwörterbuch des Deutschen" beispielweise, ein 1000 Seiten starkes Werk, das national und regional geprägte Ausdrücke auflistet, die Teil der deutschen Standardsprache einer Nation oder Region geworden sind. (Ammon, Ulricht u.a.: "Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol". Berlin/ New York: De Gruyter, 2004.)

Jenes Variantenwörterbuch ist das Werk von Soziolinguistik-Professor Dr. Ulrich Ammon von der Universität Duisburg/Essen, der vor rund zwei Jahren im Goethe-Zentrum Windhoek einen Vortrag zum Thema hielt. Jörg Klinner, derzeit Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Universität von Namibia (UNAM), ist sein Student. Er beschäftigt sich in seiner Dissertation mit den in Namibia üblichen Ausprägungen der deutschen Sprache. In einem Vortrag im Goethe-Zentrum Windhoek stellte Klinner am Donnerstag vergangener Woche die Ziele, Methoden und vorläufigen Ergebnisse seiner Forschungsarbeit vor. Geht alles gut, dann schaffen die Ergebnisse von Klinners Studie es in die zweite Auflage des Variantenwörterbuchs.

Garantiert scheint bis jetzt, dass Begriffe wie "Braai", "Pad", "Veld", "Damm", "Farm" und "Rivier" auf bestem Weg dahin sind, offizielle "Namibismen" zu werden. Hauptkriterium für die Aufnahme in den Kanon des Standarddeutsch irgendeines Landes ist der Sprachgebrauch der Medien. In Namibia heißt das: Das, was die AZ schreibt, und was Wilfried Hähner morgens über das Deutsche Hörfunkprogramm der NBC in den Äther schickt.

Da die AZ am 23. Februar 2007 folgendes Satzfragment druckte: "...damit das Veterinärlabor die Krankheit befestigen kann", hat auch der Ausdruck "befestigen" im Sinne von "bestätigen" gute Chancen, eines Tages im Wörterbuch verewigt zu werden. Doch hier liegt wohl die Crux der Sache: Die Mehrheit derjenigen deutschsprachigen Namibier, die Hochdeutsch von Südwesterdeutsch meinen unterscheiden zu können, würden sich dagegen wehren, dass der Begriff "befestigen" in der oben genannten Bedeutung zum Standarddeutsch Namibias gehört. Nun gilt aber die AZ als einziges deutschsprachiges Printmedium des Landes als wichtigste Richtlinie für Klinners Sprachstudie. Wenn er ihr nicht vertrauen kann, wem dann?

Rund 70 Begriffe und Varietäten des Namibia-Deutschen hat Jörg Klinner bisher unter die Lupe genommen. Maximal bis zu 150, schätzt er, wird man in das Wörterbuch aufnehmen können. Zur Zeit zählen zu den Objekten seiner Untersuchung auch Ausdrücke wie "das jobbt" (für: das funktioniert) und "lecker" als Adjektiv und Adverb auch für alle nicht essbaren, aber dennoch genießbaren Dinge ("Das war eine leckere Party!"). "Je häufiger ich etwas höre, desto mehr passe ich auf", erklärt der Sprachwissenschaftler seine Methodik bei der Sammlung der Begriffe.

Seiner Ansicht nach, kommentierte UNAM-Professor und Germanist Volker Gretschl in der anschließenden Diskussion im Goethe-Zentrum, gehörten vor allem jene Begriffe zum Standarddeutsch Namibias, welche eine afrikanische Realität beschreiben, die es in europäischen Sprachzentren des Deutschen einfach nicht gebe. "Biltong" etwa, oder "Bakkie" und "Vlei". Das sind Dinge, die sich auf Hochdeutsch nicht adequat ausdrücken lassen, weil sie einfach etwas anderes darstellen als "Trockenfleisch", "Pick-up" und "eine Senke, in der sich Wasser sammelt". Es sind Begriffe, die eine nur in (oder im Zusammenhang mit) Namibia gültige Realität bezeichnen. Genauso, wie es exklusiv namibische Realität sei, so Gretschel weiter, dass "der Namibier lecker kriegt, wenn der Djerrie ihn nicht versteht".

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