29 März 2019 | Geschichte

Briefe 1893 - 1904 (XXXI Brief)

Von Hans Warncke alias „Hans Waffenschmied“ aus Windhoek und Hamakari

Hans Warncke, Sohn von Pastor Wilhelm Warncke, wurde am 7. Januar 1871 in Neustrelitz geboren und starb am 14. Januar 1904 auf Hamakari. Er war der Großonkel von Dagmar Zumbrunn-Warncke, die zusammen mit ihren Geschwistern und Schwager das Buch „Briefe 1893 - 1904“ zusammenstellte und durch den Kuiseb-Verlag publizierte. Auf den kommenden Seiten von WAZon Geschichte(n) werden diese Briefe veröffentlicht.

Angekommen 7. August 1898Zaobis etwa Juni 1895

Lieber Vater

Deine Karte habe ich erhalten und mich herzlich gefreut, daß unsere liebe Mutter wieder frisch und daheim ist. Du schreibst, ihr hättet mit 5 Posten [seit 5 Post-Lieferungen?] keine Nachricht von mir erhalten! Ich habe in den letzten Tagen des Januars einen Brief an euch geschrieben. Dann, als ich Ende Februar mit Fracht in der Nähe von Zaobis stand, hatte ich großes Unglück. Beim Treiben flog mir ein Stückchen von der aus Ochsenriemen verfertigten kurzen Peitsche ins linke Auge, schnitt das ganze Lid durch, schlug auf den Augapfel auf und sprang dann zum GIück wieder heraus. Zum Glück kam die Postkarre und ich fuhr mit ihr nach dem Mund, wo ich 14 Tage im Lazarett war in Behandlung von Stabsarzt Lippert (Lübbert). Indes das Auge ist jetzt noch sehr schwach, ich kann nur alles verschwommen sehen. Ich fahre jetzt nach Mund und will mal zu dem kürzlich angekommenen Dr. Richter gehen, der etwas vom Auge verstehen soll. Die Pupille ist nämlich verzerrt, die ist in die Länge gezogen. Der Stabsarzt sagt, es sei nichts im Auge entzwei, nur Adern geplatzt. Ich konnte so lange auch mit dem anderen Auge schlecht sehen, doch jetzt ist dies wieder gut.

Es ist jetzt, nachdem die Pest unter den Ochsen vorbei ist, eine Menschenepidemie ausgebrochen. Die Eingeborenen sterben massenweise. In Otjimbingue zum Beispiel etwa 50, auch viele Weiße. Es ist eine Art Fieber, beginnt mit Durchfall und nimmt bei vielen einen typhösen Verlauf. Ich bin 2x krank gewesen. Das erste Mal 10 Tage, und kürzlich 4 Tage, wo es aber schlimmer war, wo ich Atmungsbeschwerden und Herzklopfen bekam, die noch etwa eine Woche nachher sich zeigten, bis sie jetzt verschwunden sind.

Ich war jetzt nach Windhoek und will jetzt Fracht nach Otjimbingue fahren. Es ist jetzt mit Medikamenten schlecht bestellt, kein Chinin zu bekommen, nichts. Sonst wären auch lange nicht so viele Kaffern gestorben.

Als ich im Mund war, hatte ich die 2 Wagen mit meinem Bur nach Otjimbingue geschickt, und es war auch gut gegangen, nur 1 Ochse weggelaufen, welcher so wild war, daß ich ihn vorher aufs Horn geschlagen hatte. lm Mund war es für mich eine schwere Zeit. In dunkler Stube liegen, nichts essen können, Fieber auch dazu, dann die Landplage im Mund: die Flöhe, so daß ich keine Nacht ein Auge zu tun konnte. Als ich wieder herauskam, war ich wie neu geboren. Ich hoffe doch, das Auge soll mit der Zeit stärker werden, wenn auch sehr langsam. Ich kann von Glück sagen, das das Stückchen Leder ganz schräg von unten geflogen kam, so daß es nur flach das Auge schneiden konnte.

Der Transport geht jetzt auch langsam, da alles Volk krank ist. Wagen stehen da, wo alle Leute tot sind. Auch Wilke ist tot, bei dem ich erst als Maurer in Windhoek gearbeitet hatte. Das Jahr ist sonst sehr gut, überall Gras. Die Bahn geht bis Richthofen, (3 Stunden von Nonidas den Swakop herauf), wo Wasser vom Swakop bezogen wird. Wie man hört, soll die Bahn bis Windhoek bewilligt sein. Mich soll es wundern, wie es dann kommt. Jedenfalls müssen dann von Seiten der Regierung ganz andere Anstalten getroffen werden, um Ansiedler herbeizurufen, um Viehzucht und Landbau zu heben, um Arbeit und Geld unter die Leute zu bringen. Denn sonst erreicht die Bahn gerade das Gegenteil, was sie bezweckt. Sie unterdrückt den Transport, ruiniert die Kaufleute und setzt die Bezahlung des Arbeiters auf ein Minimum herab. Schon jetzt arbeiten unten viele für 100 Mark im Monat. Früher, vor der Rinderpest wäre es noch besser gewesen, damals hatten Hunderte ihre Existenz, indem sie, mit Tauschartikeln versehen, ins Damaraland gingen und Schafe und Ochsen handelten. Jetzt ist der frühere Viehreichtum der Damaras dahin. Es handeln noch einige Weiße, aber nur mit Kost, Medikamenten, Tee, Zucker und dergleichen, da die Eingeborenen, wenn sie krank sind, für diese Sachen noch Vieh hergeben. Kühe indessen sind überhaupt nicht mehr zu bekommen, kein Kaffer verkauft eine Kuh. Dagegen geben sie gute Ochsen für Kühe weg. Jetzt hängt alles vom Transportfahren ab. Verdient der Frachtfahrer nichts, so macht auch der Kaufmann keine Geschäfte, dann haben auch der Stellmacher und der Schmied keine Arbeit. Die Truppe hat jetzt ihre eigenen Kantinen, in denen die Soldaten kaufen. Mit der Viehzucht ist es jetzt nichts mehr, da keine Kühe mehr da sind. Es kann erst wieder mit der Zeit kommen. Mit dem Handel wie gesagt auch nichts. Der Gartenbau hat dies Jahr trotz aller Nässe nicht viel eingebracht, da die Heuschrecken alles auffressen. Jetzt müßte, meiner Ansicht nach, gutes Zuchtvieh von der Regierung eingeführt werden, um die hiesige Rasse zu veredeln. Die Lungenseuche ist jetzt fast ungefährlich, da alles Vieh jetzt durchseucht ist und damit die Nachkommenschaft fast auch gesalzen ist. Ich hätte schon eine Farm genommen, aber die geringen Aussichten, die man jetzt beim Buren hat, haben mich daran gehindert. Die Kühe und Ochsen sind jetzt sehr teuer. Hinterochsen bis 300 Mark, gewöhnlicher Ochse 200 Mark.

Paul hat mir jetzt in einem Brief den Vorschlag gemacht, alles zu verkaufen und einstweilen nach Deutschland zu gehen, aber ich denke, nächstes Jahr, denn sonst hätte ich eher daran denken müssen. Ich muß jetzt erst das zweite Spann Ochsen klar abarbeiten. Ich glaube, Paul wird dir auch davon erzählt oder geschrieben haben.

Ich habe nur eine Bitte an dich, lieber Vater, ich schreibe schon gerne alles an dich, was ich zu erzahlen weiß, aber du setzt es alles in die Zeitung und dadurch habe ich hier viel Gespött und Ärger, denn die Leute ärgern sich hier über alles, was über sie in der Zeitung steht. Daher bitte ich dich, wenn du wieder etwas schreibst, lasse mich ganz aus dem Spiel, damit ich nicht in den Verdacht gerate, der Urheber zu sein.

Es ist mit Fleisch schlecht hier, Schlachtfleisch ist wenig da und sehr teuer. Ich schieße aber oft Hühner, die wenigstens einen schmackhaften Reis liefern. Jetzt (ich stehe auf Zaobis) fahre ich über Onanis herunter und ich denke, daß dort jetzt Springböcke kommen, da das Wasser auf der Namib alle wird. Es ist jetzt auch schon sehr kalt nachts. Ich denke, die Krankheit soll jetzt nach und nach gelinder auftreten. Neulich habe ich einen kleinen Ochsen geschlachtet, der verrückt war. Er lief in alle Pontoks und wollte schließlich in einen Store dringen, da schoß ich ihn tot. Sonst billige ich Pauls Ansichten und Vorschläge, die er mir gemacht hat, aber wie gesagt, dies Jahr geht es noch nicht, ich hatte eher daran denken müssen.

Nun grüße Mutter und alle Geschwister and Bekannten und sei vielmal gegrüßt von

Deinem Hans

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