31 Januar 2018 | Bildung

Bildungsmisere: Vergiss den Arzt, werde Fußballer

Bildung verspricht sozialen Aufstieg. Bildung entscheidet über Teilhabe und Lebenschancen. Doch allein in Swakopmund haben in diesem Jahr 620 Erstklässler keinen Schulplatz bekommen. Alle anderen erleben folgendes Szenario: übervolle Klassenzimmer sowie Magel an Schulbüchern, Lehrmaterialn und Sitzbänken.

Für Jahraz sieht die Zukunft düster aus. Der Teenager hatte im vergangenen November diese aussichtslose Lage wohl selbst erkannt, indem er versuchte, seinen Schulranzen im Meer zu entsorgen. Zu dumm, dass ich ihn bei meinem täglichen Spaziergang am Strand fand, bevor die Wellen ihn verschluckten.

Der Rucksack steckte zwischen den großen Steinen nördlich der Mole. Diebesgut, dachte ich anfangs, doch nach einer Reisetasche eines Touristen sah er nicht aus. Mit spitzen Fingern angelte ich den schmierigen Beutel zwischen den Klippen hervor. Ein kleines grünes Schloss sicherte den Reisverschluss. Die Seitentasche konnte man öffnen.

Null Punkte im Test

Ein schmuddeliges Jungenhemd, ein zerschlissenes und verschmiertes Schulheft und ein unordentlich zusammengefalteter Fragebogen kamen zu Vorschein. Jahraz aus der 5c hatte „0 aus 20“ für seinen Test erhalten. Unglaublich starrte ich auf die rote Schrift. Nicht eine richtige Antwort? Das Diktatheft für Englisch sah nicht besser aus.

Ich fühlte den Rucksack ab und nahm an, dass sich weitere Hefte und Schulbücher im Innern befinden müssen. Die Neugierde war geweckt. Wer war dieser Jahraz, der das Entsorgen von schlechten Noten im Meer als einzige Lösung seiner schulischen Misere sah, und tue ich ihm den Gefallen und werfe den Rucksack einfach in den Müll? Ich entschied mich, ihn zu suchen. Na, der wird Augen machen, wenn ich mit seinem Rucksack ankomme.

Bei der Swakopmund Secondary School (SSS) fing ich an. Eigentlich unsinnig, denn sie ist eine Oberstufen-Schule, doch ich war neugierig, ob die einst so stattliche Bildungsstätte, die nun zunehmend zum Bildungsschandfleck wird, innen ebenso vergammelt aussieht wie ihre Fassade. SSS steht inzwischen für Fremdschämen.

Ich wanderte weiter zur Namib-Grundschule. Es gab hier zwar drei Schüler mit dem gleichen Nachnamen, aber ein Jahraz war nicht unter ihnen. Auf dem Schulhof der Tamariskia-Grundschule herrschte Chaos. Die Schüler tobten in ihrer großen Pause über den Hof und wirbelten Staub auf. Im Nu war ich von Schülern umzingelt. „Miss, Miss, what are you looking for?“ Eine freundliche Sekretärin half. Ich hatte die richtige Schule gefunden und einige junge Schüler erklärten sich sofort bereit, mich zum Klassenraum der 5c zu bringen.

„Ein Problemkind“

Vergessen war die Pause. Neugierig drängten sich Kinder ins Klassenzimmer und die Klassenlehrerin Elisabeth hatte sichtlich Mühe, sie wieder loszuwerden. Jahraz? „Oh ja, ein Problemkind“, teilte sie mir mit. Seit Montag sei er nicht mehr zur Schule gekommen. „Ein ziemlich ungezogener Junge.“ Und: Haben sie nicht mal zu Hause nachgefragt? „Wir würden ja gerne, aber wir erreichen die Eltern nie“, erklärte sie. „Hier, das ist die Anwesenheitsliste der Elternsprechtage. Nicht ein einziges Mal war die Mutter erschienen.“ Auch sei sie telefonisch nicht erreichbar und habe bisher auch auf keinen schriftlichen Bescheid reagiert.

Was mag da wohl abgehen? Ich bedankte mich für die Hilfe und fuhr direkt zur Kinderfürsorge, wo ich dann auch den Schulranzen ließ. Sie mögen sich doch bitte um diesen Fall kümmern. Eigentlich war für mich die Sache erledigt, doch am nächsten Morgen summte ganz unerwartet das Mobiltelefon. Eine Kurznachricht von der Lehrerin Elisabeth ging ein: Jahraz sei wieder in der Schule, selbstverständlich dürfe ich vorbeikommen und ihn sprechen.

Berufswunsch: Arzt

Kurz darauf saßen sich Schulranzen-Entsorger und -Finder gegenüber. Der Schulranzen sei ihm vor seinem Haus gestohlen worden, rechtfertigte sich Jahraz. „Ach komm, das nimmt dir doch keiner ab“, konterte ich, „der Dieb stiehlt dir den Ranzen und trägt ihn von der informellen Siedlung DRC den weiten Weg ans Meer und knackt noch nicht einmal das Schloss, um im Inneren nachzuschauen?“ Der Junge blieb vorsichtshalber erst einmal bei seiner Version. Wer weiß, was ihm noch blüht. Er wolle später mal Arzt werden. „Aber nicht mit den Noten, mein Lieber! Und warum schwänzt du dann eine Woche lang die Schule?“ Sein Vater wolle ihn gegen seinen Willen nach Windhoek holen; seine Mutter schicke ihn nach Windhoek.

Endlich schenkte jemand ihm Aufmerksamkeit, das anfängliche Misstrauen schwand und aus dem skeptisch blickenden Kerl wurde plötzlich ein aufgeweckter Junge, der es verstand, seine Lebensgeschichte phantasievoll auszuschmücken und in den buntesten Farben zu schildern. Schmunzelnd über so viel Einfallsreichtum bot ich ihm an, ihn nach der Schule nach Hause zu bringen, damit ich mich überzeugen und seine Mutter kennenlernen kann. Mist! Mit mir und der Lehrerin im Nacken, was blieb ihm da anderes übrig als zuzustimmen?

Wir fuhren einen sehr weiten Weg, den der Junge täglich zu Fuß zur Schule gehen muss. Schockiert starrte ich, am Ziel angekommen, auf eine aus Pappe, Blech, Plastik und Holz zusammengezimmerte Hütte mit einer dürftigen Kochstelle im Freien. „Hier wohnst du?“ „Ja, mit meiner Mutter und meinen beiden kleinen Schwestern.“ Stolz wie Oskar stellte Jahraz sich vor die Haustür. „Oh, meine Mutter ist leider nicht da.“ (Na, was für ein Pech aber auch.)

Schwierige Verhältnisse

Glück für mich, dass gerade die Tante vorbeischaute und uns den Weg zur Mutter beschrieb. Dort angekommen blickte die zierliche Mutter Memory erst argwöhnisch ihren Sohn und dann mich an. „Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?“ Ich erklärte den Sachverhalt. „Sie müssen etwas tun, sonst gerät ihr Junge auf die schiefe Bahn“, riet ich ihr. „Es ist nicht so einfach. Ich bin alleinerziehend und habe gerade meinen Job verloren. Was soll ich machen. Manchmal schicke ich meine Kinder ohne Frühstück aus dem Haus, weil ich noch nicht einmal Brot für sie habe. Den ganzen Tag versuche ich den Lebensunterhalt für mich und meine drei Kinder zu verdienen. Der Vater zahlt keinen Unterhalt. Somit ist Jahraz viel auf sich allein gestellt.“

„Wissen Sie eigentlich, wie viele traurige Schicksale sich hier auf unserem Schulhof bewegen?“, hatte mich ein Lehrer der Tamariskia-Grundschule aufgeklärt. „Wir haben sogar Kinder, die keine richtigen Eltern mehr haben und wahrscheinlich nur hierher kommen, weil es in der Pause einen Teller Maisbrei gibt. Jedes Trimester erhalten wir von der Regierung einige Säcke Maismehl und Zucker. Das ist alles, keine Butter, keine Milch. Deshalb bringen manchmal ein paar Lehrer von zu Hause einen Suppentopf mit, damit wenigstens die ganz Hungrigen ab und zu ein deftiges Mahl bekommen.“

Jahraz versprach, sich zu bessern. Er wolle ab jetzt lernen und Arzt werden. Ob er das nur sagte, um mich loszuwerden, weiß nur er. Die 5c muss er allerdings wiederholen.

Kein Geld für Brot

Jahraz ist nur einer von vielen namibischen Kindern mit wenig Aussicht auf eine rosige Zukunft. Wenn Mutter Memory noch nicht einmal Geld für Brot hat, wie soll sie „freiwillig“ Schulgeld zahlen können? Bildungsministerin Katrina Hanse-Himarwa hatte ja zum Jahresende gedroht: Wer nicht freiwillig Schulgeld zahlt, muss mit Disziplinarmaßnahmen rechnen. Was sind das für Disziplinarmaßnahmen und welche Chancen hat dieser aufgeweckte Teenager dann?

Der Weg zurück in mein Leben wird zusätzlich von einer Nachricht von Hitradio Namibia begleitet: „Der russische Milliardär Rashid Sardarow bietet der Regierung eine Millionenspende, um im Gegenzug eine Ausnahme-Genehmigung für den Kauf weiterer Farmen zu erhalten. Das geht laut ,Namibian´ aus einer Anzeige hervor, die ein Anwalt Sardarows aufgegeben habe. Die Spende betrage 24 Millionen Namibia-Dollar. Zwölf Millionen seien für das Bodenreform-Ministerium vorgesehen, zehn Millionen für die Fußball-Premier-League und je eine Million für die Renovierung von Schulen und die Ausbildung von Neufarmern.“ Diese Mitteilung lässt mir vor Wut die Ader am Hals anschwellen. Dass die Regierung sich bestimmt was einfallen lassen wird, damit ihr diese „korrupte Spende“ zukommt, ist klar, aber dass nur eine Million für die Renovierung von Schulen vorgesehen sein soll, ist ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Oh, du bildungsarmes Namibia, was soll nur aus deinen Kindern werden? Am liebsten möchte ich Jahraz raten: „Vergiss den Arzt, werde Fußballer.“

Kirsten Kraft

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