01 Februar 2019 | Kultur & Unterhaltung

Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit

Künstler Dr. Helmut Lauschke verarbeitet in seinen Bildern erlebtes Leid

Dr. Helmut Lauschke arbeitete von 1985 bis 1998 als Arzt und Chirurg im Norden Namibias. Die Zeit prägte ihn: Noch heute erzählt er eindrucksvoll von seinen Begegnungen mit abgemagerten Kindern und den mit Leid gefüllten Gesichtern, in die er tagtäglich schaute. Seine Eindrücke hat er in den vergangenen Jahren mit Pinsel und Farbe auf Leinwand verarbeitet.

Von Marcel Nobis, Windhoek

Kunst kann Ausdruck eines kreativen Prozesses sein. In einem künstlerischen Werk spiegeln sich nicht selten die Fantasien, Ideen und Gefühle seines Schaffers wider. Kunst kann aber auch simple Freizeitbeschäftigung sein. Ein Zeitvertreib, der zur Entspannung beiträgt und vom Alltag ablenkt. Doch Kunst kann nicht zuletzt auch zur Verarbeitung der eigenen Vergangenheit beitragen. Die intensive Auseinandersetzung mit prägenden Erlebnissen in künstlerischer Form hilft vielen Menschen diese leichter zu verarbeiten.

Die expressionistischen Werke von Dr. Helmut Lauschke sind vor allem vom dritten Aspekt stark geprägt. Lauschke - Jahrgang 1934 - arbeitete von Januar 1985 bis September 1998 als Arzt und Chirurg für das Oshakati-Staatskrankenhaus im Norden Namibias. In Öl- und Acrylfarben verewigte dürre Gestalten und traurige bis nachdenkliche Gesichter zeugen von intensiven Erfahrungen, die der Arzt in dieser Zeit sammelte. Bis zum 16. Februar stellt er unter dem Titel „Of the Greatness of Life - some keys of understanding“ seine Werke in der Nationalen Kunstgalerie in Windhoek aus.

„Kwashiorkor“ steht auf dem weißen Schildchen neben einem Bild; darauf zu sehen sind drei Menschen mit dürren Beinen und dicken Bäuchen. Dem unwissenden Betrachter erschließt sich der Zusammenhang zwischen dem afrikanisch anmutenden Begriff und den scheinbar hungerleidenden Personen nicht direkt. Doch Lauschke erklärt die Verbindung fast wie von Wikipedia auswendig gelernt: „Der Name ‚Kwashiorkor‘ stammt aus Westafrika und beschreibt den chronischen Mangel an Protein.“ Bei Lauschke scheinen mit Blick auf das Gemälde Bilder im Kopf aufzukommen, er wirkt, als würden die Personen wieder leibhaftig vor ihm stehen. „Diese Stöckelbeine, die Gelenke kommen richtig raus”, sagt er und deutet etwas ungläubig auf das Bild. Menschen mit Kwashiorkor behandelte er damals häufig.

Die Zeit als Arzt im Norden Namibias hat ihn stark geprägt. Die Erinnerungen daran sind bis heute lebendig. Es sind Erinnerungen an notleidende Menschen und nicht enden wollende Nächte voll Arbeit im Krankenhaus. Mitte der 1980er - als Lauschke als Arzt nach Namibia kam - prägte der Unabhängigkeitskampf das Land und in der Bevölkerung litten viele Menschen an den physischen und psychischen Folgen des Guerillakriegs. „Ich habe viele Gesichter mit Hoffnungslosigkeit gesehen“, sagt Lauschke. „Arme, hungernde und verletzte Gesichter.“

Die Gesichts-Thematik prägt Lauschkes Kunst. Auf einem großen Teil seiner Werke lassen sich menschliche Gesichtszüge erkennen - manchmal klar sichtbar, manchmal nur mit wenigen Pinselstrichen dezent angedeutet. Für den pensionierten Arzt sind Gesichter ein extrem wichtiges Element: „In ihnen lässt sich die ganze Menschheit erkennen, ganze Landschaften, tausende Geschichten.“ Ein Teil dieser Geschichten hat Lauschke in seinen Bildern verarbeitet.

So erzählt sein Werk „Woman carrying water“ von den Frauen der Region, die täglich teils zehn bis 15 Kilometer für Wasser laufen mussten und die schweren Krüge auf ihrem Kopf trugen. Die Gesichter der Frauen auf dem Bild sind emotionslos, die Lippen liegen aufeinander und der Blick ist geradeaus gerichtet. „Auch wenn ihr Mund ruhig ist, sprechen ihre Fußsohlen“, erzählt Lauschke, als er in die beiden Gesichter auf dem Gemälde blickt.

Als Chirurg im Staatskrankenhaus von Oshakati behandelte er nicht selten stark deformierte Füße. Lauschke holt ein Buch mit medizinischen Arbeiten hervor und zeigt einige Bilder mit seinen chirurgischen Erfolgen aus der damaligen Zeit - darunter durch Auswüchse entstellte Füße, die er operativ wiederherstellte. „Die Leute dort sind auf ihre Füße angewiesen“, erklärt Lauschke.

Durch seine Arbeit als Arzt gab er vielen Menschen ein wenig Hoffnung zurück. Seine Bilder sind entsprechend nicht nur von verzweifelten Gesichtern geprägt, wie Lauschke anmerkt: „Sie zeigen Menschen zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.“ Zu zwei Gesichtern auf einem seiner Bilder, die zunächst vor allem traurig wirken, eröffnet Lauschke eine komplett neue Interpretationsebene. „Das sind trauernde Frauen, ängstliche Frauen. Die Augen sind aber weit auf, sie machen sie nicht zu, sondern zeigen Stärke“, erzählt Lauschke. Der Arzt erlebte während seiner Jahre im Norden Namibias oft, dass die Menschen trotz schwieriger Lebensverhältnisse nicht aufgaben. Selbst Kinder, die stark unter den Verhältnissen litten, zeigten noch einen Sinn fürs Spielen. Eine Fähigkeit, die Lauschke im Gedächtnis blieb.

Zwischen den vielen zunächst traurig anmutenden Werken hängt in der Galerie aber auch ein einziges Bild, auf dem ein klares Lächeln zu erkennen ist. Es heißt „The musician“ und zeigt eine in simple Formen aufgelöste Person an einem Klavier. Lauschke wollte selbst einmal Musiker werden, folgte seinem Vater aber schlussendlich in den Arztberuf. Warum gerade diese eine Person auf dem Gemälde ein Lächeln auf dem Gesicht hat, behält er für sich. Von den Geschichten hintern den anderen Gesichtern erzählt er hingegen bereitwillig. Und zuhören lohnt sich. Die Bilder werden dadurch noch lebendiger und längst vergangene Eindrücke aus dem Norden Namibias leben wieder auf.

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