27 August 2015 | Leserpost

Zahlenspiele nach oben, nach unten

Betr.: Kirche empfiehlt Reparation, AZ, 10. August 2015 sowie Leserbriefe 21. Aug. 2015 Wenn Oberkirchenrat Dr. Ulrich Müller von der Evangelischen Kirche in Westfalen neuerdings vom Genozid an 85 000 Herero, Nama und anderen Afrikanern (wer soll damit gemeint sein?) spricht, so ist das die größte Übertreibung, die jemals in diesem Zusammenhang aufgestellt wurde. Nicht einmal das berüchtigte Blaubuch verstieg sich zu solchen Zahlen – danach sollen von 80 000 Herero 60 000 umgekommen sein! – und selbst bei Horst Drechsler fallen sie geringer aus. Deshalb hier noch einmal zur Erinnerung: Dr. Maria Fisch listete nach Einsicht zahlreicher Quellen folgende Zahlen auf: Missionar Irle nannte 1874 eine Gesamtzahl von 70 000 bis 80 000 Herero, ebenso der spätere Landeshauptmann Leutwein schon 1892, der 1904 allerdings nur noch rund 60 000 Herero schätzte. Missionar Bernsmann sprach 1880 von 50 000 Angehörigen des Hererovolkes, Leutnant Eggers 1895 von 45 000, und Oberleutnant Streitwolf 1902 gar von nur 23 000. Alle Zahlen beziehen sich also auf die Zeit vor 1904, woraus Maria Fisch resümierte, bei Beginn des Aufstands dürften etwa zwischen 35 000 und 50 000 Herero im Schutzgebiet gelebt haben. Gleichzeitig nennt sie für das Jahr 1906 eine Zahl von zwischen 17 000 und 20 000, die folglich Krieg, Flucht, Hunger, Seuchen und Krankheiten überlebt hatten. Das stimmt in etwa mit der Zahl aus dem Jahre 1926 überein, als man das Volk der Herero auf rund 20 000 Personen schätzte. Brigitte Lau, frühere Archivarin in Windhoek, eine weitere Kennerin der Materie, hielt die Zahl von 70 000 bis 100 000 Herero vor dem Krieg für zu hoch, die der Überlebenden mit 17 000 für zu niedrig. Wenn 50 000 Herero sich am Waterberg versamelt hätten, wie von mehreren Seiten behauptet, wo seien dann die übrigen 20 000 bis 50 000 Personen gewesen, argumentierte sie. Woher nimmt also Oberkirchenrat Müller seine Zahl? Ein Versehen? Nein, ich behaupte, dahinter darf ein “System” vermutet werden, was ich an einem ähnlich gelagerten Beispiel gerne erläutern möchte: Im Februar 1945 wurde bekanntlich Dresden durch drei schwere Bombenangriffe der Briten und US-Amerikaner nahezu dem Erdboden gleichgemacht. 1955, also ein Jahrzehnt danach, bezifferte der Ministerrat der DDR die Zahl der bei den Angriffen getöteten Dresdner mit mehr als 300 000, erneut fast zehn Jahre später (1964) zitierte der britische Historiker David Irving aus der Liste der Dresdner Ordnungspolizei vom 2. März 1945, wonach insgesamt 202 040 Tote erfasst wurden, und wiederum nach einem Jahrzehnt (1974) sprach auch der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth von 202.000 Angriffsopfern. 1981 bezeichnete der US-amerikanische Historiker Alfred de Zayas die Zahl von 300 000 Toten als “absolute Untergrenze”, und vier Jahre später veröffentlichte Bundeswehr-Oberstleutnant Eberhard Matthes, der 1945 Erster Generalstabsoffizier des Verteidigungsbereichs Dresden gewesen war, eine Erklärung, wonach seinerzeit 350 000 Leichen “voll identifiziert” und 50 000 weitere “unidentifiziert” gewesen seien, außerdem habe es 168 000 Opfer gegeben, “an denen es nichts mehr zu identifizieren gab”. Selbst 1992 ließ die sächsische Landeshauptstadt noch verlautbaren, „eine Zahl von 250 000 bis 300 000 Opfern dürfte realistisch sein”. Doch schon im Jahr darauf sprach dasselbe Dresden plötzlich nur noch von „mindestens 35 000 Menschen”, die den Tod gefunden hätten (hatte man da vielleicht schlichtweg nur eine “Null” vergessen?), und anlässlich des 50. Jahrestages 1995 hieß es im Begleitbuch zur Dresdner Ausstellung „Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit” gar, dass nur etwa 25 000 Menschen getötet worden seien, obwohl noch im Jahr zuvor das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Freiburg die Ansicht geäußert hatte, es seien mehr als 200 000 Tote zu beklagen gewesen. Zum 60. Jahrestag des Geschehens (2005) war man dann bei 20 000 Opfern angekommen (auch hier eine „Null” vergessen?), und inzwischen (zum 70. Jahrestag im Februar 2015) wurde die Zahl sogar auf „nicht mehr als 16 000” revidiert. System? Ja, denn deutsche Opfer gelten längst als zweitrangig, und deshalb wird im Falle deutscher Angriffe und jetzt auch im Zusammenhang mit dem Hererokrieg genau der umgekehrte Weg beschritten, indem man die Opferzahlen immer weiter nach oben „korrigiert”. Wolfgang Reith, Neuss und Kapstadt.

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