22 Februar 2019 | Natur & Umwelt

Wo sind sie denn, die Giraffen?

Giraffenschutzorganisation führt Grundschüler durch den Daan-Viljoen-Wildpark

Viele Schüler aus Windhoek kommen nur selten aus der Stadt heraus. Der urbane Raum prägt ihr Leben, Kontakt zu naturbelassenen Landschaften und wilden Tieren haben sie kaum. Die Giraffenschutzorganisation GCF möchte solche Kinder zurück in die Natur führen: Regelmäßig unternimmt sie Wanderungen mit Grundschülern durch den Daan-Viljoen-Wildpark, beobachtet mit ihnen Wildtiere und sensibilisiert sie für ihre Umwelt.

Von Marcel Nobis, Windhoek

Aufregung macht sich bei den Kindern breit. Mit schnellen Schritten laufen sie das staubige Flussbett entlang, eigentlich sollen sie mucksmäuschenstill sein, doch unter das Getrampel mischen sich immer wieder freudiges Kinderlachen und laute Gespräche. „Gleich sind wir am Wasserloch, also alle ganz ruhig sein“, ermahnt Audi Ekandjo von der Giraffenschutzorganisation GCF (Giraffe Conservation Foundation) mit ernster Stimme noch einmal. Das Wasserloch - Sehnsuchtsziel der Wanderung. Hier wollen die Kinder endlich Giraffen aus nächster Nähe sehen und beim Trinken beobachten. Hier muss es einfach klappen - denn dafür ist die Schulkasse aus Katutura in den Daan-Viljoen-Wildpark gekommen.

Am Freitagmorgen gegen 7.30 Uhr durchfahren ein kleiner Bus und ein Bakkie mit 33 Kindern das Tor zum Wildpark. Sie sind über das Umweltbildungsprogramm KEEP (Khomas Environmental Education Programme) der GCF hier. Die Kinder der dritten Klasse der Bethold-Himumuine-Grundschule freuen sich bereits auf die wilden Tiere - den Höhepunkt sollen die Giraffen bilden. Und direkt am Parkeingang geht es gut los. Einige Elanantilopen grasen am Wegesrand. Nicht einmal zwei Minuten später dann die große Aufregung: Neben einem Baum entdecken die Schülerinnen und Schüler eine Giraffe. Unbeeindruckt von den Fahrzeugen zupft sie mit ihren Lippen die Blätter vom Baum. Bus und Bakkie fahren weiter. Für genauere Beobachtungen ist später bei der Wanderung noch genug Zeit.

Lebensraum schwindet

Die GCF schätzt die Giraffenpopulation in Namibia auf etwa 12000. Davon lebt fast die Hälfte in der Region Kunene. Während die Giraffenpopulationen in anderen Teilen Afrikas rückläufig sind, konnte sich der Bestand in Namibia in den vergangenen Jahren stabilisieren. Als Gefahr für die Tiere gibt die GCF vor allem einen schwindenden Lebensraum und Wilderei an. Die einfach zu jagenden Giraffen werden vor allem für ihr Fell, ihr Fleisch und ihren Schweif getötet. Letzterer ist in vielen afrikanischen Kulturen ein stark gefragtes Material zur Schmuckverarbeitung.

Auf solche Probleme möchte die GCF während der gut vierstündigen Wanderung durch den Wildpark hinweisen. Damit die Kinder auch genug zu essen für den Ausflug haben, packen Ekandjo und seine zwei Kolleginnen Rucksäcke mit Proviant. Salzcracker landen im Gepäck, große Plastiktüten mit Äpfeln und geschmierte Brote. Wasserflaschen haben sich die Kinder selbst mitgebracht. Jeder Rucksack hat einen Tiernamen aufgenäht: Leopard, Schlange, Zebra und Giraffe stehen unter anderem drauf. Die Kinder werden den einzelnen Gruppen zugeordnet und bekommen mit einem roten Filzstift den entsprechenden Buchstaben auf den Arm geschrieben. Die Wanderung kann losgehen.

33 Grundschüler stapfen über die staubige Schotterstraße, bei einigen sieht es so aus, als würde nur ein Rucksack mit Beinen durch die Landschaft laufen. Naemi Antonius von der GCF stoppt die Schulklasse aber bereits nach einigen Metern wieder. „Holt einmal eure Hefte hervor und schlagt Seite 35 auf“, sagt sie, woraufhin die Schüler wild durcheinander zu den Rucksackträgern laufen, um ihre Hefte zu bekommen. Im von der GCF designten Lernmaterial findet sich ein Naturführer, die Tiere des Wildparks sind dort mit ihren Trittspuren und ihrem Kot abgebildet. Es beginnt eine Art Schnitzeljagd, vorsichtig gehen die Kinder den Weg ab und suchen nach Spuren. Der erste Abdruck ist schnell entdeck, fix schnappt sich einer aus der Gruppe einen Stock und zieht einen Kreis um die Stelle. „Nur bei einem Tier sind die Abdrücke in U-Form“, erklärt Antonius. Die Kinder blättern wild durchs Heft und bleiben auf Seite 36 hängen. „Ein Zebra“, schallt es aus der Gruppe.

Wenige hundert Meter weiter macht die Gruppe an einem dornigen und beinahe kahlen Baum Halt. Was soll daran denn interessant sein? Mit fragenden Blicken bildet die Klasse einen Kreis um das Gewächs. „Das ist ein Kameldornbaum. Der gehört zu den Leibspeisen der Giraffen“, sagt Antonius und zeigt auf die dornigen Äste mit den kleinen grünen Blättern dazwischen. „Doch wie kommen die Tiere bei den langen Dornen an die Blätter?“, fragt Antonius in die Runde und antwortet wenige Sekunde später selbst darauf: „Sie haben eine extrem lange Zunge von bis zu 50 Zentimetern. Damit können sie wunderbar die Blätter zwischen den Dornen wegpflücken und sogar ihre Nase berühren. Könnt ihr das auch?“ Direkt suchen um die 30 Zungen ihren Weg, keine aber trifft auf eine Nase.

Über 2500 Kinder seit 2016

Über das KEEP-Programm möchte die GCF Schülergruppen spielerisch an ihre Umwelt heranführen. Giraffen werden im Programm als Fallbeispiel genommen, an dem die Stiftung Umweltprobleme, den Einfluss des Menschen auf die Natur und Nachhaltigkeit veranschaulicht. Seit 2016 führt die Organisation regelmäßig dritte und vierte Klassen aus dem Großraum Windhoek durch den Wildpark. Das Programm richtet sich dabei vor allem an Schulen mit geringen finanziellen Mitteln, damit die Kinder dieser Schulen die Chance haben, mit der Natur in Kontakt zu kommen und wilde Tiere zu sehen. 2018 nahmen daran über 2500 Kinder aus 26 Grundschulen teil.

Die 33 Schülerinnen und Schüler der Bethold-Himumuine-Grundschule haben nach knapp 20 Minuten Wanderung die ersten wilden Tiere in weiter Ferne entdeckt. Die Kindern heben jeweils einen Arm, presse Daumen, Ringfinger sowie Mittelfinger aneinander und strecken die restlichen Finger nach oben. „Giraffe“ hat Antonius das Handzeichen getauft, das die Grundschüler immer dann machen sollen, wenn sie ein Tier entdecken und alle ruhig sein müssen. Am Horizont bewegt sich eine Gruppe Elanantilopen über einen Hügel, so weit entfernt, dass sie sich nicht von der Schulklasse gestört fühlen.

Spuren von Giraffen sind zunächst aber selten. Neben dem Wanderweg an einen Baum gestützt wartet aber etwas auf die Kinder, das zumindest einmal ein Teil einer Giraffe war. Ekandjo hebt einen weißen Gegenstand auf, der entfernt an einen großen Wikingerhelm mit zwei Hörnern erinnert. „Was könnte das sein?“, fragt er die Schulklasse. Die Kinder rätseln zunächst, kommen dann aber doch darauf: Ekandjo hält den oberen Teil eines Giraffenschädels in seiner Hand. Mit einem Unterschenkelknochen demonstriert er der Gruppe anschließend die Größe von Giraffen. Und die ist durchaus beachtlich: Einigen Kinder geht bereits der Unterschenkelknochen bis zur Brust.

Doch die Klasse ist nicht für alte Knochen in den Wildpark gekommen, sondern für lebendige Giraffe und andere Tiere. Deswegen steuert die GCF das Wasserloch am Koch- und Schutheiss-Damm als Höhepunkt der Wanderung an. Hier kommen die Tiere zum Trinken her, hier hoffen die Kinder endlich Giraffen sehen zu können. Doch am Wasserloch die große Ernüchterung: Außer einiger Streifengnus tummeln sich hier keine Tiere. „Eigentlich sehen wir bei unseren Touren immer Giraffen. Manchmal kann man aber Pech haben und die Tiere streifen gerade durch andere Teile des Parks“, erklärt Ekandjo. Bei nur 13 Giraffen auf dem gesamten Gelände könne das schon mal passieren, fügt er an.

Die Gruppe lässt sich in der Nähe des Wasserlochs nieder und beobachtet das Geschehen. Die Gnus ziehen nach wenigen Minuten ab. Zwei Warzenschweine tauchen danach auf, trinken kurz und suhlen sich im Schlamm. Wenige Minuten später erscheint noch ein Springbock. Doch ein langer Giraffenhals lässt sich zwischen den Baumwipfeln um das Wasserloch nicht blicken. Die Giraffe direkt hinter dem Parkeingang bleibt an diesem Tag die einzige Begegnung mit den bis zu sechs Meter großen Tieren. Ein wenig enttäuscht wirken die Kinder schon. „Sie haben im Vorfeld gedacht, dass sie etwas mehr Tiere sehen würden“, erklärt Lehrerin Florah Kakujaha. Dennoch: „Es war ein Abenteuer. So viele Möglichkeiten haben wir nicht, solche Ausflüge zu machen.“

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