24 März 2016 | Geschichte

Wo einst der Fuß des Kriegers trat, wächst heut der schönste Kopfsalat (Teil 9)

Der namibische Küstenort Swakopmund liegt voller Geschichten. Sie ranken sich um Gebäude und Personen der frühen Gründerjahre nach 1890 bis zu den Persönlichkeiten des späten 20.Jahrhunderts. Die Autorin Kirsten Kraft hat diese Vielzahl an Geschichten recherchiert und in dem Buch Kopfsalat zusammengefasst.

Insgesamt 179 Betonblöcke sind gesetzt, die Anlage ist planiert. Der Dampfkran, der am Steinbruch genutzt wurde, sowie eine Dampfwinde für die Flöße stehen nun bereit. Ein Schienengleis führt direkt in den Zollschuppen und weiter zu verschiedenen Kaufhäusern und zum Bahnhof. Der Schleppdampfer „Pionier“ und drei Leichterboote warten auf ihren Einsatz. Das Werk ist vollbracht. Swakopmund hat endlich einen Hafen.

Im großen Stil wird am 12. Februar 1903 die Mole von Swakopmund eingeweiht. 2,5 Millionen Mark an Kosten hat die gesamte Anlage verschlungen, einschließlich der gelegten Wasserleitung und der Häuser für die Bauherren. Durchschnittlich 75 Weiße und 185 Eingeborene haben von September 1899 bis Ende August 1902 Tag und Nacht geschuftet und 39.551 Kubikmeter Steinmaterial aus dem Steinbruch in den Molenkörper geschüttet. Jetzt kann endlich das Löschen der Fracht am Kai erfolgen, die waghalsigen Strandmanöver sind passé, glaubt man. Doch keine anderthalb Jahre später macht sich vor dem Molen-Becken eine Barre-Bildung bemerkbar. Die Versandung der Mole beginnt.

Zunächst ist die Störung verhältnismäßig gering, dennoch muss der Landungsbetrieb bei Ebbe eingestellt werden. Die Hafenarbeiter sind gezwungen, immer kürzere Arbeitszeiten zu kalkulieren, damit die Schlepper nicht auf Grund laufen. Der Terminplan für die Abfertigung von Passagieren und Fracht ist derart eng, dass der Betrieb immer hektischer wird. Auf Reede liegen die Dampfer „Schlange“, an Land wartet die Schutztruppe dringend auf Nachschub. Der Zeitdruck hat zur Folge, dass Unfälle und Beschädigungen an den Wasserfahrzeugen an der Tagesordnung sind. So auch am 2. November 1904. Die See schlägt um. Abends gegen halb sieben versucht der Bootsmann, den Schlepper „Südwest“ mit dem neuen 150-Tonnen-Leichter im Schlepptau parallel zwischen Strand und Barre zur Mole zu manövrieren. Die seitwärts heranrollenden Brecher schlagen gefährlich gegen Steuerbord. Dann kracht es. Der Schlepper läuft auf die am Ufer vorgelagerte Klippenbank auf und lässt sich nicht wieder flottmachen. Glücklicherweise können alle Personen und der Leichter geborgen werden, der Dampfer bleibt jedoch Spielball der Wellen.

Es stehen zwar inzwischen drei Dampfkräne an der Mole zur Verfügung, aber es wird immer schwieriger, den Kai zu erreichen. Unter dem Zwang dieser Verhältnisse werden die alten Landungsstellen am offenen Strand wieder freigegeben und die Brandungsboote eingesetzt. Der Traum von einem ruhigen Hafenbecken platzt wie eine Seifenblase. „Inzwischen gibt es keine Zweifel mehr an der Tatsache, dass die Schiffsverbindungen mit Swakopmund früher oder später durch die Launen Neptuns katastrophal enden werden, wenn man nicht unverzüglich mit kostspieliger Technik eine moderne Lösung aller Probleme anstrebt“, vermerkt die Hamburger Reederei Woermann-Linie in ihren Büchern. Die Verlust- und Beschädigungsliste wird immer länger. Zwischen 1904 und 1906 verliert das Unternehmen drei Schlepper, sieben Barkassen, zwölf 30-Tonnen-Leichter, zehn 10-Tonnen-Leichter, zwei Strandleichter und vier Flöße. Zudem schlagen dreizehn Schlepper, eine Barkasse, sechzehn 30-Tonnen-Leichter, dreizehn 10-Tonnen-Leichter, ein 100-Tonnen-Leichter, vier Flöße und vier Pontons leck. Am 10. Juli 1904 kentern gleich zwei 10-Tonnen-Leichter. Zwei Kru-Männer kommen dabei ums Leben, und auch ein 30-Tonnen-Leichter mit 21 Ochsen an Bord kentert. Zwölf der Tiere ertrinken.

Unzählige Frachten und mitunter das gesamte Hab und Gut vieler Einwanderer gehen in den Fluten unter. „Vor der Küste Swakopmunds liegt unter dem Meeressand garantiert ein gigantischer Schatz von unschätzbarem Wert begraben“, behauptet der Taucher Mike Thygesen. Seit 1982 taucht er bei gutem Wetter vor der Küste auf der Suche nach Geschichtlichem und entdeckt so mit seinem Magnetometer den Schlepper „Südwest“.

Für den zunehmenden Landungsbetrieb heißt die „moderne Lösung“ eine Holzbrücke, die 1905 südlich der Mole gebaut wird. Der Hafenumschlag erweist sich aber auch hier als ein Wagnis. Dennoch werden zwischen 1904 und 1906 in Swakopmund – ob an der Mole, am Strand oder an der Brücke – insgesamt 531.900 Kubikmeter Fracht gelöscht. Und Neptuns Wut bleibt Programm. „Eine Brandung, wie man sie selten vor Swakopmund gesehen hat, ließ am Freitag die See um die Landungsbrücke herum wie einen ungeheuren Kessel brausend kochenden Wassers erscheinen“, berichtet die Zeitung am 20. Juli 1911. Ein gewaltiges Schauspiel von unheimlich großen, hintereinander folgenden Wellenbergen sei zu beobachten. „Auf Reede liegen die ‚Gundrun‘, der ‚Arnold Amsink‘ und noch ein dritter Dampfer. An eine Landung der Passagiere ist nicht zu denken. Der ‚Arnold Amsink‘ will abfahren, harrt nur noch seiner letzten Papiere. Der schnelle Schlepper ‚Windhuk‘ legt mit dem Offizier der Woermann-Linie, Herrn Beuster, ab. Er will noch eben die Dokumente zum Dampfer bringen.“

Es ist kurz nach vier. Gellende Sirenensignale ertönen. Was ist passiert? Ein ungeheurer Brecher hat die „Windhuk“ mit sieben Personen an Bord kentern lassen und in die Tiefe gerissen. Eigentlich war der Schlepper schon über die Brecher-Region hinaus, doch plötzlich tauchen drei weitere, turmhohe Wellenberge auf. Das Schiff schafft die erste Welle, die zweite trifft den jetzt tiefliegenden Schlepper mit Wucht von vorn und zerschlägt den Führerstand mit Steuerruder und den Signalapparat für die Maschine. Der Bootsmann versucht noch seine Befehle in den Maschinenraum zu rufen, vergebens. Der steuerlos gewordene Schlepper liegt nun quer. Die dritte Welle rollt über das Schiff hinweg und drückt es unter Wasser.

Ungeachtet der Gefahr legt Herr Okun mit der „Hamburg“ ab und fährt auf die Unglücksstelle zu. Er will versuchen zu retten, was zu retten ist. In den Fluten ringen mit letzter Kraft Landungsoffizier Beuster, Kapitän Albert Berndson, Bootsmann August Nielson und ein Kru-Mann um ihr Leben. Sie haben es gerade noch rechtzeitig an die Oberfläche geschafft und werden geborgen. Vom Maschinisten Kurt Fimmel und zwei weiteren Kru-Männern fehlt jede Spur.

Ein paar Tage später wird Fimmels Körper weit nördlich von Swakopmund von der inzwischen friedlicher gewordenen See an Land gespült, die beiden Kru-Männer aber gibt Neptun nicht mehr her.

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