01 Juli 2016 | Geschichte

Wo einst der Fuß des Kriegers trat, wächst heut der schönste Kopfsalat (Teil 23)

Der namibische Küstenort Swakopmund liegt voller Geschichten. Sie ranken sich um Gebäude und Personen der frühen Gründerjahre nach 1890 bis zu den Persönlichkeiten des späten 20.Jahrhunderts. Die Autorin Kirsten Kraft hat diese Vielzahl an Geschichten recherchiert und in dem Buch Kopfsalat zusammengefasst.

Missionar Heinrich Vedder ist vorbereitet. Seit Wochen hängt an allen sechs Litfasssäulen von Swakopmund die Ankündigung seiner ersten Predigt. Viel Platz gibt es auf den Säulen nicht, selbst die amtlichen Mitteilungen sind mit Plakaten der Unterhaltungslokale überklebt worden. Es kommt, wie es kommen muss: Es kommt keiner!
Dabei äußert doch Vedders Vorgänger, Missionar Johann Böhm, den Wunsch: „Swakopmund braucht seine eigene Kirche und seinen eigenen Pastor!“ Bedauerlicherweise nicht, weil Swakopmund so gottgefällig angehaucht ist. Böhm reist immer von Walvis Bay an, wenn Not am Mann ist. Er tut es gern, obwohl er sich für die „30-Kilometer-Strecke“ immer für ein ganzes Wochenende von zu Hause verabschieden muss. Als er dann immer öfter als geplant wegen Beerdigungen der vielen an Typhus gestorbenen Seelen diesen mühsamen Weg antreten muss, wird der sonst so bescheidende Missionar zum ersten Mal fordernd: Eine Kirche muss her und ein Pastor, zudem offizielle Sonntage. Die gibt es nämlich in Swakopmund nicht. Wenn die Ochsenwagen beladen werden müssen, werden Sonn- und Feiertage zu Fremdwörtern. Allerdings liegen zwischen den Löscharbeiten der Schiffe auch recht bedeutungslose Tage. Das wäre die perfekte Zeit, eine Kirche zu errichten. Doch der Hererokrieg (1904–1907) beansprucht die ganze Aufmerksamkeit für sich.
Schon Vedders Aufnahme in die Swakopmunder Gemeinde am 17. Januar 1905 findet nicht auf dem roten Teppich statt. Er wird in einer großen Holzkiste untergebracht, ohne Dach. Jeden Abend blickt er gen Himmel und kann nicht einschlafen. An der Schönheit funkelnder Sterne liegt es nicht; die vielen Schutztruppler haben ihm nicht nur die gemütlichen Zimmer genommen, sie schlagen sich nun die Nächte auf der Straße mit lautem Treiben um die Ohren.
Nach dem ersten Reinfall konzentriert sich Vedder auf die Herero-Kriegsgefangenen, leitet eine Kleiderspendenaktion ein und findet in deren Bretterkirche erwartungsvolle Zuhörer. Erst als für die Soldaten im Kasernenhof der Besuch des evangelischen Gottesdienstes dienstlich angeordnet wird, füllen sich dort allmählich die Kirchenstühle mit weißen Zivilisten. 1908 kommt Pastor Johannes Hasenkamp und entlastet den Missionar. Sein Start beginnt ähnlich enttäuschend. Von 144 beigetretenen europäischen Mitgliedern nehmen lediglich 26 Personen regelmäßig am Gottesdienst teil. Doch der Pastor gibt nicht auf. Er organisiert Informationsabende, hält Vorträge in der Hoffnung, so mehr Schäfchen in seine Gemeinde zu locken. Mit Erfolg: Die Gemeinde wächst und die Kirchenbaukasse durch Kollekten ebenfalls.
1909 ist es dann endlich soweit. Der aus Bayern stammende Regierungsbaumeister Otto Ertl (damals 32 Jahre alt) regt den Bau einer evangelischen Kirche inklusive Pfarrhaus an. Die Grundsteinlegung durch Bauunternehmer Hermann Wille und unter Aufsicht von Ingenieur Friedrich Kramer (nach ihm ist Kramersdorf benannt) findet festlich zum 4. Advent am 18. Dezember 1910 statt. Geschickt hat Ertl das Gotteshaus im neubarocken Stil (auf dem Eckgrundstück Otavi-/Poststraße, heute Daniel-Tjongarero-Avenue) so positioniert, dass sie von allen Seiten und von Weitem – auch von den einlaufenden Dampfern – ins Blickfeld sticht. Dafür wird die Straßenachse der Poststraße kurzerhand nach Süden verschoben.
Viele Spenden erreichen den Gemeinderat: Die drei großen Bildfenster stiften der Senat sowie hohe Persönlichkeiten der Hansestadt Bremen. Die Glasmalerei Wilhelm Franke in Naumburg an der Saale fertigt 1911 die schmucken Fenster an. Die prächtige Orgel baut die Orgelbauanstalt Walcker in Ludwigsburg, und die Firma Richard Müller aus Kapstadt schickt ihren besten Orgelbauer, der sie mit großer Sorgfalt zusammensetzt. Sie besteht aus insgesamt 832 Pfeifen. Und als sie Jahre später nicht mehr richtig funktioniert, schafft es sogar der Tischler Adolf Winter, sie zu reparieren und zu stimmen. Im Glockenstuhl des 25 Meter hohen Kirchturms hängen drei Glocken auf Es, Ges und B gestimmt. Zusammen zwei Tonnen schwer. Sie stammen von Franz Schilling aus Apolda, wie auch die Glocken der Christuskirche in Windhoek. Die Turmuhr stiftet die damalige Stadtverwaltung. Auch die deutsche Kaiserin Auguste Victoria lässt sich nicht lumpen und schenkt der Swakopmunder evangelischen Kirche das Altargeschirr und eine in Gold gefasste Bibel.
Bei der Einweihungsfeier am 7. Juli 1912 singen 40 Mitglieder im Kirchenchor, sieben Pfarrer nehmen an der Feierlichkeit teil, unter ihnen sogar „Bockiebein“, der katholische Pater Alois Ziegenfuss (auch Aloisius genannt). Ehrengast ist Gouverneur Theodor Seitz. Hasenkamp hat geschafft, was nicht für möglich gehalten wurde: Swakopmund ist mit Begeisterung christlich geworden.
Zwei Jahre später beginnt der Erste Weltkrieg. Er wütet und hinterlässt seine Spuren. Auch im Gotteshaus. Irgendwer ist ja immer unverfroren und sammelt ungeniert „Erinnerungsstücke“. So verschwinden das Altargeschirr und die Bibel aus dem Gotteshaus. Auch die kaiserliche Zollamt-Flagge wechselt für einige Zeit ihren Eigentümer. Südafrikanische Matrosen bringen die Fahne ihrem Kapitän als Mitbringsel an Bord. Für lange Zeit gilt diese Flagge als verschwunden, bis eines Tages eine ältere Dame aus Durban dem damaligen Bürgermeister Jörg Henrichsen einen Besuch abstattet. „Mit der alten Zollamt-Fahne in der Hand“, weiß Gaby Tirronen-Henrichsen, die Schwester Jörg Henrichsens zu berichten. Ganz unentgeltlich habe die gute Frau die Fahne nicht hergeben wollen. Rentnerleben sei kein Herrenleben. So fordert die Frau verschämt von der Stadt „Almosen“. Henrichsen geht darauf ein. Die „Round-Table-Organisation“ bringt den Betrag auf.
Irrelevant was damals für so ein Stück Stoff gefordert wurde, Hauptsache die Flagge ist wieder da. Seitdem hängt sie dort, wo sie hingehört: im Zollamt-Schuppen an der Mole, dem jetzigen Museum.
Wer weiß, vielleicht finden ja eines Tages auf dem unergründlichen Weg des Herrn die Bibel und das Altargeschirr zurück zur evangelischen Kirche.

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