13 Mai 2020 | Gesellschaft

Wir waren auch mal weg (Teil 7)

Pilgern auf einem Teil des spanischen Jakobsweges

Die Windhoekerin Agnes Hoffmann hat im vergangenen Jahr zusammen mit zwei Freundinnen vom 5. bis zum 18. September einen Teil des Jakobweges bewältigt. Über ihre Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse die sie auf dem Camino Francés erlebte, erzählt sie nun in der Rubrik WAZon Geschichte(n).

15. September: Nachmittags traf ich ein Ehepaar aus George, Südafrika, in der Herberge und unterhielt mich mit ihnen in Afrikaans. Es war herrlich, eine vertraute Sprache so fern der Heimat zu hören. Am späten Nachmittag und Abend regnete es leicht. Zum Abendessen saßen wir mit zwei deutschen Pilgerinnen am Tisch und hatten einen sehr netten, weinseligen Abend. Beide Pilgerinnen wollten bis nach Santiago de Compostella pilgern, allerdings wollte eine der beiden zwischendurch zwei Etappen mit dem Bus fahren.

Zu den Badezimmern der Herbergen sei noch gesagt, dass nur wenige Duschen über einen Platz verfügen, wo man seine Wäsche trocken ablegen kann. Manchmal stand ein Plastikhocker in der Duschkabine, der aber von dem Duschwasser patschnass gespritzt wurde. Man hängt also seine Kleidung und Handtuch an Haken, die sich aber auch oft in Spritzweite des Duschkopfes befunden haben, oder über die Duschtür und versucht nach dem Duschen irgendwie trocken in die Wäsche zu kommen, was oft ein ziemlicher Balanceakt war.

16. September: An diesem Morgen machten wir uns unser Frühstück wieder selbst mit Haferflocken und Instant Kaffee. Den Zucker für die Haferflocken besorgten wir uns immer in den Restaurants, in denen wir auch aßen. Da keiner von uns Zucker in Kaffee trinkt, packten wir die kleinen Tütchen eben für den späteren Gebrauch ein. Dann wurden die Schuhe angezogen, die Rucksäcke aufgeschnallt, die Pilgerstöcke genommen und los ging‘s. Die Luft war noch sehr feucht. Gleich hinter unserer Herberge ging es schon leicht, aber stetig bergauf in einen Wald. Der Anblick des Nebels zwischen den Tannen war einzigartig. Es duftete nach erdigem, feuchten Waldboden und dem Harz der Tannen. Durch den Regen der vergangenen Nacht mussten wir auf unserem Weg immer wieder größere Pfützen umgehen.

Wir liefen ein ganzes Stückchen mit zwei Pilgern aus Australien und unterhielten uns angeregt. Die Frau erzählte uns, dass ihre Mutter so gerne diesen Jakobsweg gelaufen wäre, aber sie erkrankte an Krebs und starb vor ein paar Monaten. Zusammen mit dem Vater pflegte die Pilgerin ihre Mutter bis zu deren Tod. Nach der Einäscherung füllte sie etwas Asche in ein Amulett und trug dieses nun auf ihrer Pilgertour, die bis nach Santiago de Compostela führen sollte, um ihrer Mutter posthum diesen Wunsch zu erfüllen.

Auf einer kleinen Lichtung, entdeckten wir Waldfiguren, die aus abgestorbenen Baumstümpfen herausgeschnitzt waren. Etwas weiter entfernt davon befand sich ein Steinhaufen mit Opfergaben drauf. Sogar ein Paar recht neue Wanderstiefel lagen dort. Auch trafen wir wieder auf ein Kreuz, dieses Mal mit dem Foto einer Radfahrerin, die in der Nähe dieser Stelle 2017 tödlich mit dem Rad verunglückte. So fit und voller Leben, wie die etwa Anfang dreißigjährige Frau auf dem Bild aussah, kann man sich kaum vorstellen, dass sie nicht mehr lebt. Wieder einmal wird man daran erinnert, dass der Jakobsweg nicht nur schöne Seiten hat, sondern bestimmt viele tragische Geschichten zu erzählen weiß.

Am Nachmittag kamen wir endlich in unserer Herberge El Peregrino gleich am Ortseingang von Atapuerca an. Da man telefonisch keine Buchungen für die Schlafsäle entgegennahm, nur für ein Apartment im Nebengebäude, hatten wir eben dieses gebucht und das war gut so, denn der Andrang von Pilgern war groß. So konnten wir in der letzten Nacht vor unserem Ziel nochmal in Ruhe schlafen. Abends aßen wir in einer kleinen Bar eine Pizza. Wie auch in andern Herbergen gab es auch hier eine kleine Büchersammlung, unter anderem mit Reiseführern aus denen einige Seiten fehlten und andere Seiten mit Anmerkungen beschrieben waren. Diese Bücher wurden von Pilgern bestimmt aus Gewichtsgründen zurückgelassen. Unsere Idee, nur die nötigen Seiten aus dem Reiseführer zu fotokopieren war also richtig.



17. September: Auf ging‘s zur letzten Etappe unseres Jakobsweges. Dummerweise kam gleich am Ortsausgang wieder ein ziemlicher Anstieg mit viel Geröll, der uns einiges an Kraft abverlangte. Es folgte ein Feldweg und danach durchliefen wir eine kleine, aber noch sehr neue und schicke Ortschaft mit einer großen Schwimmbadanlage, Golfplatz und allen Schikanen. Den teuren Autos vor den Apartments nach zu urteilen wohnt hier offensichtlich die „Hautevolee“.

Für den weiteren Weg nach Burgos gab es laut Reiseführer zwei Alternativen. Wir entschlossen uns für den schöneren, aber nicht offiziellen Weg. Dieser führte uns an einem kleinen Flugplatz entlang, durch eine kleine Ortschaft und einen Park, in dem wir ein Mittagspäuschen machten. Dann kamen wir wieder auf den offiziellen Weg, der uns einige Kilometer entlang des Flusses Rio Arianzon führte, durch einen Park und dann in Richtung Innenstadt von Burgos brachte. Wir hatten es geschafft – doch waren wir zu erschöpft, um diese schöne gothische Kathedrale entsprechend zu würdigen. Unsere Unterkunft, dieses Mal ein Apartment befand sich auch nur unweit der Bischofskirche. Erleichtert und auch ein wenig stolz machten wir es uns in unseren Räumlichkeiten gemütlich. Da die Siesta bis um 17 Uhr ging, und Restaurants erst ab 19 Uhr öffnen, war vorerst nichts mit shoppen und Essen gehen. Doch wir nutzten die Zeit, uns nach der Buszentrale umzuschauen, von wo aus wir am nächsten Mittag nach Bilbao fahren mußten, um am übernächsten Tag die Flieger nach Deutschland zu unseren Kindern zu erreichen. Als die Geschäfte öffneten, besorgten wir ein paar Souvenirs und schlenderten durch die Stadt, bis wir am Marktplatz in einem Restaurant diesen Abend ausklingen ließen.

18. September: Morgens gingen wir noch mal los, um die Kathedrale zu besichtigen und einen letzten Stempel für unseren Pilgerpass zu holen. Gemütlich bummelten wir dann noch eine Weile durch die mittelalterliche Innenstadt in der es zahlreiche Bronzefiguren von Nationalhelden, Heiligen und müden Pilgern gibt. Doch letztendlich mussten wir unsere Rucksäcke holen und zum Busterminal laufen, um in eineinhalb stündiger Fahrt in einem schicken Bus komfortabel nach Bilbao gefahren zu werden. Auch dort hatten wir wieder ein Apartment gemietet. Im Gegensatz zu den eher beschaulichen Ortschaften, durch die wir in den vergangenen knapp zwei Wochen gepilgert sind, ist Bilbao ist eine große, pulsierende Stadt und liegt am Camino del Norte, der Küstenroute des Jakobsweges.

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