15 April 2020 | Gesellschaft

Wir waren auch mal weg (Teil 3)

Pilgern auf einem Teil des spanischen Jakobsweges

Die Windhoekerin Agnes Hoffmann hat im vergangenen Jahr zusammen mit zwei Freundinnen vom 5. bis zum 18. September einen Teil des Jakobweges bewältigt. Über ihre Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse die sie auf dem Camino Francés erlebte, erzählt sie nun in der Rubrik WAZon Geschichte(n).

7. September

Am nächsten Morgen bereits um 5 Uhr in der Früh, standen die ersten Pilger auf. Leider machten sie damit den ganzen Schlafsaal wach, denn das Knistern von Plastiktüten und das Gezurre der Reißverschlüsse an den Rucksäcken sind nun mal nicht zu überhören. Außerdem störten die Stirnlampen, die mit jeder Bewegung des Kopfes den Lichtstrahl hin und her warfen. Ab 6 Uhr war dann allgemeine Unruhe im Saal was auch uns zum Aufstehen bewegte. Wir machten uns fertig und packten schon mal unsere Rucksäcke um nach dem Frühstück um 7 gleich loslaufen zu können.

Die ersten Sonnenstrahlen schienen auf die Felder und wir sahen in der leicht hügeligen Landschaft nicht weit entfernt kleinere Ortschaften mit ihren herausragenden Kirchtürmen. Zuerst war es noch etwas frisch, aber sowie die Sonne anstieg wurde es recht warm. Die vielen Pilger, die abends in den Herbergen zusammenkamen, verliefen sich tagsüber auf dem Weg. Somit hatten wir nie das Gefühl, dass der Pilgerweg völlig überlaufen war. Manchmal lief jemand ein kurzes Stückchen mit uns und fragten die üblichen Pilgerfragen - woher kommst Du, wie weit gehst Du, usw. und dann trennten wir uns wieder. So geht es auf dem Pilgerweg.

Gegen Mittag kamen wir nach Puente la Reina. Wir liefen durch die typischen schmalen Gassen mit den kleinen Geschäften, bestaunten die große, ursprünglich romanische Kirche mit ihrem üppig ausgestatteten Hochaltar. Danach holten Barbi und ich beim Tourismusbüro einen weiteren Stempel für unseren Pilgerpass. Am Ortsausgang ist die wunderschöne, ca. 800 Jahre alte Steinbrücke „Puente de los Peregrinos“, die über den Rio Arga Fluß führt und die auch auf dem Deckblatt des „gelben“ Pilgerführers abgebildet ist. Sie wurde damals extra für die Pilger gebaut. In Puente la Reina stößt der Camino Aragones auf den Camino Francés. Hinter der Brücke geht es eine ganze Weile leicht bergauf. Wir kamen an einem kleinen Holzkreuz vorbei, das an einen 74-jährigen Pilger erinnerte, der dort im Jahr 2014 an einem Herzinfarkt starb. Schweigsam und in Gedanken liefen wir weiter, immer langsam bergauf. Mittags war es sehr heiß. Die Sonne brannte gnadenlos auf uns herab und es gab auf einer langen Strecke an abgemähten Feldern entlang nur wenig Schatten. Wir nutzten einen hohen Stapel Heuballen, um uns in dessen Schatten ein wenig auszuruhen und unsere Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Das tat gut! Allzulange konnten wir aber nicht verweilen, denn wir mußten um spätestens 15 Uhr bei der Herberge sein, sonst würden unsere gebuchten Betten weitergegeben. Wir liefen an diesem zweiten Pilgertag etwa 20km bis nach Cirauqui. Ziemlich k.o. und durstig kamen wir bei der Herberge an.

Bis zum Abendessen machten wir es uns gemütlich. Wir aßen in der kleinen Bar eine leckere Paella und ich trank im Laufe des Abends drei große Radler. Anscheinend hatte ich in der Hitze wohl nicht genug getrunken - sie gingen jedenfalls runter wie nichts. Nach dem Abendessen schrieben wir noch die wichtigsten Erlebnisse in unsere Tagebücher und waren dann bald im Bett. Gut, dass wir diesmal ein Sechsbett Zimmer hatten. Das war doch wesentlich angenehmer als der Schlafsaal vom Vortag.

8. September: Der nächste Morgen war ein Sonntag. Am Abend davor zeigte man uns, wie wir uns quasi selbst am nächsten Morgen „entlassen“ können und so die Hausbesitzer nicht bitten mußten, uns die Tür auf zu schließen. Man wollte in der Frühe nicht gestört werden. Frühstück gab es auch nicht, deshalb hatten wir uns wohlweislich abends zuvor noch eine Pizza bestellt, die wir mit aufs Zimmer genommen haben um sie am nächsten Morgen als Frühstück zu essen. Leider funktionierten weder die Kaffeemaschine noch die Mikrowelle. So gab es halt kalte Pizza und keinen Kaffee.

Wir waren wieder um 7.45 Uhr unterwegs. Der Weg führte uns durch Felder und kleinere Waldstückchen. Auch mussten wir an einer Autobahn entlanglaufen und diese schließlich unterqueren. Weiter ging es dann auf einer Landstraße und schließlich über an- und absteigende Wege wieder vorbei an Weinbergen, Sonnenblumen- und abgemähten Getreidefeldern und Gehöften. Kurz vor Lorca passierten wir ein weißes Gebäude aus dem alle paar Minuten ein lauter, explosionsartiger Knall kam, der schon von weitem zu hören war. Man erklärte uns, dass dieser Knall die Vögel vertreiben sollte, damit sie nicht die Ernte auffressen.

Am Ortseingang von Lorca sahen wir zwei große Hunde an Ketten, die nicht mal fünf Meter lang waren. Kleine Plastikhütten dienten diesen Tieren als Schutz vor Regen. Leider ist das eine gängige Form der Hundehaltung in Spanien. Selbst auf umzäunten Grundstücken werden die Hunde oft an Ketten gehalten.

Wir durchliefen den Ort in Richtung Estella. Dort war trotz dass Sonntag war, tatsächlich ein Café geöffnet. Wir erholten uns bei Kaffee Latte und einer Kartoffelquiche (ich dachte es wäre ein Apfelkuchen, bis ich reinbiss). Es ging ein ziemliches Stück durch den Ort, bis uns die gelben Pfeile auf eine Schotterstraße zu einer Bodega unterhalb des Klosters Irache führten. Vorher sahen wir noch ein Schild, was den Weg zu einem Schmied anzeigte, aber leider nahmen wir uns nicht die Zeit, uns die Schmiede anzuschauen, was wir hinterher bereuten. Neben der Bodega gab es ein Weinmuseum mit einem Weinbrunnen, an dem man aus einem Zapfhahn Rotwein und aus einem zweiten Hahn kaltes Wasser zapfen konnte. Ich fand den Rotwein ziemlich sauer und spülte ihn schnell mit Wasser herunter. Dann wurden die Rucksäcke wieder aufgeschnallt und weiter ging es Richtung Azqueta und die letzten knapp zwei Kilometer in Serpentinen immer bergauf zu unserer Herberge Hogar Mojardin in dem winzigen Ort Villamajor del Monjardin. Das ging an die Substanz. Dazu war es recht heiß. Da die Herberge erst um 15 Uhr für die Pilger aufmachte und wir aber schon gegen 14 Uhr dort waren, gönnten wir uns eine Pause und legten uns flach auf den Steinboden in den spärlichen Schatten einer Sitzbank auf dem Vorplatz. Gut, dass wir auch hier gebucht hatten, denn mehr und mehr Pilger kamen angelaufen. Am Ende wurden in dieser von einer ökumenischen Gemeinde geführten Herberge 56 Pilger untergebracht, trotz der eigentlichen Kapazität von 28 Leuten. Weitere Pilger wurden von Helfern auf die umliegenden Unterkünfte im Umkreis von sechs Kilometer verteilt, so dass am Ende alle einen Schlafplatz hatten. Als wir unser Zimmer mit insgesamt drei Etagenbetten zugeteilt bekamen, machten wir uns erst frisch und gesellten uns bis zum Abendessen zu den Pilgern aus aller Welt und führten interessante Gespräche. Beim schmackhaften Abendessen herrschte eine sehr familiäre und harmonische Atmosphäre und wir Pilger hatten das Gefühl, uns irgendwo schon mal begegnet zu sein.

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