08 April 2020 | Gesellschaft

Wir waren auch mal weg (Teil 2)

Pilgern auf einem Teil des spanischen Jakobsweges

Die Windhoekerin Agnes Hoffmann hat im vergangenen Jahr zusammen mit zwei Freundinnen vom 5. bis zum 18. September einen Teil des Jakobweges bewältigt. Über ihre Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse die sie auf dem Camino Francés erlebte, erzählt sie nun in der Rubrik WAZon Geschichte(n).

5. September

Leider war Pamplona mit Pilgern und Studenten überfüllt. Die Betreiberin der öffentlichen Herberge, die schräg gegenüber unseres Apartments lag, meinte, dass in diesem Jahr so viele Pilger wie selten unterwegs seien. Einige von ihnen liefen am späteren Nachmittag noch etwas verloren herum. Sie hofften wohl noch ein Bett in irgendeiner Herberge zu ergattern. Aber alle Herbergen in der Stadt waren knacke voll, so blieb diesen Pilgern nichts anderes übrig als zur sechs Kilometer entfernten nächsten kleinen Ortschaft zu laufen in der Hoffnung dort ein freies Plätzchen zu finden oder sonst halt einfach irgendwo im Freien zu übernachten. Wenigstens sah es in der Nacht nicht nach Regen aus. Im Laufe des Abends trafen sich hunderte Studenten genau in unserer kleinen Gasse und machten es sich mit Fastfood und meist alkoholischen Getränken direkt auf der engen Straße bequem und erzählten und lachten bis um Mitternacht. Gut, dass unsere Fenster doppelt verglast waren - draußen war ein enormer Krach. Der Müll, den die jungen Leute dann auf der Straße zurückließen war sagenhaft. Früh am nächsten Morgen fuhr jedoch die Straßenreinigung durch. Die Stadt Pamplona kennt wohl solche Szenarien. Mit Reinigungsfahrzeugen und Straßenfegern für die Feinarbeit waren die Müllberge in etwa einer dreiviertel Stunde weggeräumt und die Straße für die nächsten Touristen und Pilger blitzblank.

6. September: Nach einem einfachen Frühstück zogen wir erst mal ohne Rucksack los, um den ersten Stempel für unseren Pilgerpass zu besorgen und uns die Stadt ein wenig anzuschauen. Den Pilgerpass hatte uns Barbi‘s Sohn Stefan schon vorher in Deutschland besorgt. Der nette Beamte im Rathaus machte auch gerne ein paar Fotos von uns und wir gingen nach einer kleinen Erkundungstour zum Apartment zurück, um dann gegen 9 Uhr mit Sack und Pack los zu laufen. Wir hatten immerhin etwa 17km Fußweg vor uns.

Es war gar nicht so schwer, sich zurecht zu finden. Wir mußten nur erst lernen, wie die Muscheln als Wegweiser zu lesen sind, aber gelbe Pfeile an Bürgersteigkannten, Gebäuden und Verkehrsschildern halfen bei der Orientierung. Wir entfernten uns vom alten Stadtkern Pamplonas und langsam lichteten sich die Häuser. Jetzt waren wir so richtig auf dem Jakobsweg. Neben uns lagen Sonnenblumenfelder und andere bereits abgeerntete Getreidefelder. Manchmal ging es durch Gebüsch und nicht selten standen Brombeersträucher mit herrlichen reifen Beeren am Wegesrand, die wir natürlich probierten. Freundliche Spanier und Pilger kamen uns entgegen oder überholten uns und grüßten mit „Buen Camino“. Zuerst grüßten wir als echte Camino-Greenhorns mit einem freundlichem „Hallo“, „Thank you“ oder „Gracias“ zurück, aber schnell passten wir uns dem Brauch des Jakobsweges an und riefenjedem Pilger ein fröhliches „Buen Camino“ zu.

Nachdem wir eine Weile an Feldern entlang gelaufen sind, stieg der Weg ein wenig an. Vor uns lag die Bergkette Alto del Perdón mit vielen Windrädern drauf. In der winzig kleinen Ortschaft Cizur Menor kauften Barbi und ich uns eine Jakobsmuschel, die wir an unseren Rucksäcken befestigten und die uns als Pilger auszeichnete. Bald nach der Ortschaft wurde der Weg recht steil. Als wir oben auf dem Berg bei dem bekannten Brunnen mit dem bronzenen Pilgerzug ankamen wehte der Wind so stark, dass wir uns kaum auf dem Beinen halten konnten. Fotografieren war nahezu unmöglich und die Windräder drehten auf Hochtouren. Wir ruhten uns etwas aus und begannen dann den Abstieg auf der anderen Seite des Berges. Der Weg war voller Geröll, so dass wir im Zickzack gehen mussten um nicht auf den Steinen abzurutschen.

Der Abstieg war mindestens genau so anstrengend wie der Aufstieg und ging ordentlich in die Knie und Knöchel. Wir waren wirklich froh, als wir in unserer Herberge in Uterga ankamen.

Wegen der vielen Pilger haben wir unsere Unterkünfte immer zwei Tage im Voraus gebucht, um uns einen Schlafplatz zu sichern. Noch weiter vorauszubuchen nützt nichts, da man nie weiß, was dazwischen kommen kann und man eine geplante Strecke eventuell nicht einhalten kann. So haben wir es die gesamten zwölf Tage gehalten.

Leider hatte Barbi von Anfang an Schwierigkeiten mit ihren Schuhen und holte sich im Laufe des Weges große Blasen an den Füßen. Täglich wurden diese verarztet, aber für Barbi blieb es auf dem gesamten Weg ein schmerzhaftes Handicap. Aber sie biß tapfer die Zähne zusammenund lief die ganze Strecke mit uns. Hut ab!

Unsere Herberge hatte einen Schlafsaal mit etwa 28 Betten, die meisten davon waren Etagenbetten. Nach dem Luxus unseres eigenen Apartments in Pamplona war dies eine ziemliche Umstellung. Bei Pilgerherbergen ist es außerdem üblich, dass Männer und Frauen in einem gemeinsamen Schlafsaal schlafen. Ab und zu gibt es sogar gemeinsame Badezimmer.

Einer der Bräuche ist, Schuhe und Wanderstöcke an einer Ablagestelle am Eingang auszuziehen, bzw. abzulegen. Und - für uns Namibier fast unvorstellbar - am nächsten Morgen waren unsere Schuhe und Stöcke tatsächlich noch da.

Vor dem Abendessen duschten wir und ruhten ein wenig. Später wuschen wir noch unsere Kleidung aus und anschließend erkundeten Susan und ich ein wenig die Ortschaft. Damit waren wir allerdings sehr schnell durch, denn viel gab es nicht zu sehen. Die meisten Häuser waren unbewohnt und zu verkaufen. Wir setzten uns in das kleine Restaurant der Herberge genau gegenüber unserer Unterkunft und genossen eine Tasse Kaffee. Einige Pilger mit pflasterverklebten Füßen humpelten an uns vorbei. Diese waren vom Anfang dieses Jakobsweges, von Saint-Jean-Pied-de-Port über die Pyrenäen bis hierher gelaufen.

Nach dem Abendessen dauerte es nicht lange und alle gingen Schlafen. Während der Nacht hielten uns zwei Schnarcher etwas wach. Es sollten nicht die letzten sein!

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