19 Juli 2019 | Kultur & Unterhaltung

Wie Kunst verbindet

In zwei Ausstellungen rücken Windhoek und Berlin ein Stückchen näher zusammen

Zurzeit präsentiert die Namibische Gesellschaft e. V. in Berlin künstlerische Perspektive auf die namibische Kultur und Gesellschaft in zwei parallelen Ausstellungen. „Basterland“ arbeitet die Geschichte der Baster fotografisch auf. In der Ausstellung „ZUSAMMEN WACHSEN“ haben sich vier deutsch-namibische Künstler zusammen getan, um den Austausch zwischen den Kulturen zu fördern.

Mehr als 12000 Kilometer liegen zwischen Berlin und Windhoek. Mit dem Auto rund eine sechs Tage und 22 Stunden lange Fahrt. Zwischen Deutschland und Namibia liegen Angola, der Kongo, Gabun, Kamerun, Nigeria, Niger und Algerien, Spanien und Frankreich - kein Katzensprung, aber manchmal braucht es weder Auto noch Flugzeug um diese Distanz zu überwinden.

Die beiden Länder sind nun noch ein Stückchen näher gekommen: Derzeit finden in Berlin zeitgleich zwei Kunstausstellungen in Zusammenarbeit mit der Namibischen Gesellschaft e. V. statt. In der Ausstellung „Basterland“ in der Fotogalerie Friedrichshain zeigt Fotografin Julia Runge Bilder aus der namibischen Hardap-Region, kombiniert mit historischen Aufnahmen aus der Geschichte der Baster. Teilweise gestellt, teilweise spontan entstanden, spielen die Fotos hundert Jahre nach dem Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft mit dem Zwiespalt zwischen alten Traditionen der Baster und den Einflüssen der Globalisierung. Dieser Kontrast prägt auch Julia Runges Rolle als Fotografin. Sie hat sich zwar viel mit der Kultur der Baster beschäftigt, gleichzeitig ist sie sich aber auch stets ihrer europäisch geprägten Perspektive auf deren Kultur bewusst. Bis zum 18. August lässt sie die Besucher an den Einblicken teilhaben, die sie während zahlreicher Aufenthalte in und um die namibischen Baster-Hochburg Rehoboth gewonnen hat.

In der kommunalen Galerie des Stadtbezirks Berlin-Lichtenberg im Kulturhaus Karlshorst präsentieren Xenia Ivanoff-Erb, Shia Karuseb, Imke Rust und Kirsten Wechselberger Grafiken, Zeichnungen, Mixed Media, Fotografien und dreidimensionale Objekte zum Thema „ZUSAMMEN WACHSEN - Perspektiven namibischer Kunst“. Kuratiert werden beide Ausstellungen von Jürgen Becker. Seit 20 Jahren engagiert er sich für die Deutsch-Namibische Gesellschaft und damit für den kulturellen Austausch zwischen beiden Ländern. Die Idee zum Titel der Ausstellung - „ZUSAMMEN WACHSEN“ stammt allerdings nicht von ihm, sondern von den Künstlern selbst, von denen drei mittlerweile in und um Berlin leben. „Die drei sind sozusagen Pendler und Botschafter zwischen den Kulturen“, sagt Becker. Beide Ausstellungen sind außerdem Beiträge zur Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Windhoek, die im kommenden Jahr ihr 20. Jubiläum feiert.

Kirsten Wechselberger ist eine dieser Kultur-Botschafterinnen. Geboren in Swakopmund, lebt die Künstlerin seit 2006 in Berlin. Für die Ausstellung „ZUSAMMEN WACHSEN“ kreierte sie ein ganz besonderes Werk mit starkem Bezug zur kolonialen Vergangenheit Namibias. Unter dem Titel „Verschmelzende Schichten“ präsentiert sie ein überdimensionales Schachbrett. Viele der schwarzen Spielfelder fehlen, die weißen Felder sind zwar annähernd vollständig, aber teilweise schwer beschädigt. Auch viele der Schachfiguren stehen nicht mehr an ihrem Platz. Sie liegen zerschlagen in den Lücken zwischen den Spielfeldern. Das Strategiespiel Schach symbolisiere die Regeln und Systeme, die Europäer der namibischen Kolonialzeit aufgedrückt haben, deutet Wechselberger ihr Werk. „Die Erste Welt - die erfahrenen Schachspieler - haben einen entscheidenden Vorteil, wenn es darum geht mit den Ländern der Dritten Welt zu konkurrieren.“ Die dunklen Spielfelder und Schachfiguren sind daher stärker beschädigt als die weißen. Sie symbolisieren die traditionellen Wertesysteme und Strukturen der namibischen Bevölkerung. Weil die soziale Wirklichkeit aber nicht nur aus schwarz und weiß besteht sondern jede Gesellschaft von ihren Zwischentönen - den Graustufen - lebt, gibt es auch in Kirsten Wechselbergers Werk einige Figuren, die aus mehr als nur einfarbigem Sand bestehen. Sie sollen die Menschen repräsentieren, die „eine friedliche und gerechtere Welt erschaffen möchten“, so die Künstlerin. Dass Wandel möglich ist, bringt sie auch in der Auswahl ihres Materials zum Ausdruck. Bestehend aus Bioplastik und Sand würde sich das Objekt außerhalb der geschützten Galerieräume - bei Kontakt mit Wasser - langsam auflösen, solange bis die unterschiedlichen Farben des verarbeiteten Sandes nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Und nach der Ausstellung möchte Kirsten Wechselberger genau das tun: Sie will ihr Werk dem natürlichen Verfall überlassen. Bis zum 25. August können Besucher „Verschmelzende Schichten“ und alle anderen Werke der Ausstellung „ZUSAMMEN WACHSEN“ aber noch völlig unversehrt bestaunen.

Gleiche Nachricht

 

Lebenswege bis auf eine namibische Farm

vor 9 stunden | Kultur & Unterhaltung

Graphisch wirksame, einfache Schwarz-Weiß-Figuren aus dem großen Schatz namibischer Felsmalereien auf dem Buchumschlag des Romans „Afrika - Sonne Mond Sterne“ von Barbara Seelk mögen Exotik...

Indonesische Filmwoche in Windhoek

1 woche her - 11 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Von Eva-Marie BornAlle Interessierten waren eingeladen, sich im Franco-Namibian Cultural Center (FNCC) jeden Tag einen anderen indonesischen Spielfilm anzusehen und die fernöstliche Kultur besser...

Verkanntes Talent

1 woche her - 11 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Die Fine Art Gallery in Swakopmund, Namibias einzige private Galerie, bietet jeden Monat einem anderen Künstler die Plattform. Es soll vor allem auf diejenigen aufmerksam...

„Namibisch – authentisch –Ees“

1 woche her - 11 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Nachdem es 2018 ein wenig ruhiger um Kwaito-Sänger und Multitalent Ees wurde, gewann er Ende Oktober letzten Jahres zusammen mit seiner Yes-Ja! Band das Finale...

Mehr als Mode

vor 2 wochen - 04 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Für manche endet Mode beim morgendlichen Griff in den Kleiderschrank. Andere sehen darin eine Möglichkeit ihrer Persönlichkeit, Kreativität sowie vor allem auch ihrer Kultur und...

Afrikanisches Kulturerbe im Fokus

vor 2 wochen - 04 Oktober 2019 | Kultur & Unterhaltung

Die Museumsgespräche 2019 brachten vom 18-20 September Akademiker, Fachleute und Experten aus der Kunst- und Museumsszene in Windhoek zusammen. Ziel der Veranstaltung war es, sich...

Briefe 1893 - 1904

vor 3 wochen - 27 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Angekommen 16. Januar 1902 Hamakari, den 2. Dezember 1901 Es hat jetzt schon mit dem Regen hier begonnen. Dies Jahr können wir das...

Briefe 1893 - 1904

vor 4 wochen - 20 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Angekommen 16. Januar 1902 Hamakari, den 2. Dezember 1901 Lieber Vater! Gestern bin ich von Karibib gekommen. Ich habe die Sachen alle in...

Karneval-Schatz im Turm

vor 1 monat - 13 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Fremde verirren sich wohl nur selten in das Windhoeker Karneval-Museum. Versteckt im Turm der alten Brauerei in der Gartenstraße liegen die gesammelten Schätze aus 67...

Briefe 1893 - 1904

vor 1 monat - 13 September 2019 | Kultur & Unterhaltung

Angekommen 6. Dezember 1901 Hamakari, den 6. Oktober 1901 Lieber Vater! Ich fahre diese Tage nach Karibib hinunter, um Fracht fürs Handelsfeld...