20 Juni 2019 | Meinung & Kommentare

Wenn Politik Vernunft verdrängt

Staatsoberhaupt Hage Geingob hat den Hinterbliebenen des von einem Soldaten erschossenen Taxifahrers sein Beileid ausgesprochen und „bedauert“ diesen scheinbar sinnlosen Tod im Rahmen eines ohnehin umstrittenen Sondereinsatzes. Doch hier endet offenbar das Mitgefühl und Verständnis des namibischen Präsidenten.

In dem Moment, wo Geingob mit deutlich mehr Empathie und Menschlichkeit hätte punkten können, entschied er sich, auf Konfrontation zu gehen. Anstatt die Kritik an Operation Hornkranz und Operation Kalahari Desert konstruktiv aufzugreifen, anstatt den Gegnern eines zivilen Einsatzes von Soldaten mit Verständnis zu begegnen, unterstellt der Staatschef den Kritikern des Einsatzes politische Motive, und lässt sich damit auf infantile Schuldzuweisungen ein.

Denn genauso einfach wäre es, dem Präsidenten denselben Vorwurf zu machen und hinter den Sondereinsätzen – die schließlich zum Wahljahr eingeläutet wurden – ein strategisches Wahlkampmanöver zu vermuten. Denn eine Regierung, die den Eindruck erweckt, hart gegen Gewalt und Verbrechen vorzugehen, hofft damit das Vertrauen der Wähler zu steigern. Dessen waren sich auch schon US-Politiker wie Richard Nixon und Ronald Reagan bewusst, die mit ihrem Strafpopulismus den Grundstein für die weltweit höchste Gefangenenpopulation gelegt haben: Im Jahr 2016 waren fast 2,2 Millionen US-Bürger in Haft – fast so viele Menschen wie Namibia Einwohner hat.

Doch auch ohne dem namibischen Präsidenten Strafpopulismus vorwerfen zu wollen, ist es auffällig, dass hochrangige Entscheidungsträger versuchen, eine konstruktive Debatte rund um den zivilen Einsatz von Soldaten zu unterbinden. Dabei sollte spätestens nach dem Tod eines Zivilisten eine ernste Diskussion stattfinden. Denn wäre es auch zu diesem menschlichen Verlust gekommen, wenn es den Sondereinsatz nicht gegeben hätte? Wahrscheinlich nicht.

Clemens von Alten

Gleiche Nachricht

 

Gefühllosigkeit der Stadt

vor 5 tagen - 26 Mai 2020 | Meinung & Kommentare

Die Stadt hat den kleinen, informellen Markt längs der Nelson-Mandela-Avenue, gegenüber des neuen US-Botschaft-Geländes, auf die übelste Art zerstören lassen – im Rahmen eines Einsatzes...

Strittige Gesinnung der Banken

1 woche her - 19 Mai 2020 | Meinung & Kommentare

In den Finanzberichten von dreien der größeren Banken in Namibia ist im Jahr 2019 die Rede von einer Milliarde Namibia-Dollar Gewinn nach Steuern und 4...

COVID-19 führt zu Entmündigung

vor 2 wochen - 12 Mai 2020 | Meinung & Kommentare

Die Verfassung einer politischen Partei ist im übertragenen Sinne das gemeinsame DNA seiner Parteiangehörigen - sie grundiert auf den Ideen und Zielen dieser Menschen. So...

Führungsqualitäten sind gefragt

vor 3 wochen - 07 Mai 2020 | Meinung & Kommentare

Nach dreißig Jahren Unabhängigkeit hatte sich der namibische Arbeitsmarkt weitgehend beruhigt - dafür sorgte ein modernes Arbeitsgesetz. Dass dies Gesetz grundsätzlich dem Arbeitnehmer den Vorteil...

Wie der Herr, so das Gescherr

vor 1 monat - 29 April 2020 | Meinung & Kommentare

„Das Land wird faktisch am 5. Mai wieder aus der Ausgangssperre entlassen“, hatte Präsident Hage Geingob behauptet, als er die Verlängerung der drastischen Maßnahme angekündigt...

Warum eigentlich Alkoholverbot?

vor 1 monat - 28 April 2020 | Meinung & Kommentare

Seit einem Monat dauert die Durststrecke schon an. Mit Inkrafttreten des Lockdowns am 28. März ist der Verkauf alkoholischer Getränke in Namibia wie in Südafrika...

Reaktion anstelle von Planung

vor 1 monat - 24 April 2020 | Meinung & Kommentare

Keiner macht der Regierung den Ausbruch der COVID-19-Pandemie zum Vorwurf. Die Art, wie diese Krise allerdings verwaltet wird, entpuppt sich zunehmend zu einem Armutszeugnis. Den...

Vom Feiern in Krisenzeiten

vor 1 monat - 22 April 2020 | Meinung & Kommentare

Eine politische Partei, die in Zeiten wie diesen eine im Staatsfernsehen direkt übertragene Jubiläumsfeier veranstaltet, demonstriert damit unfreiwillig zweierlei: Dass sie den Bezug zur Bevölkerung...

Wenig Sympathie für Mitbürger

vor 1 monat - 21 April 2020 | Meinung & Kommentare

Die Verlängerung und Verschärfung der Ausgangs- bzw. Reisebeschränkung in Namibia war wohl abzusehen - auch wenn einige Wirtschaftsexperten davon abgeraten hatten. Dass Präsident Hage Geingob...

Pressefreiheit wird zur Farce

vor 1 monat - 17 April 2020 | Meinung & Kommentare

Namibia ist der Geburtsort der weltweit anerkannten „Deklaration von Windhoek“, die knapp ein Jahr nach der Unabhängigkeit, offiziell am 3. Mai 1991 unter der Schirmherrschaft...