19 August 2020 | Meinung & Kommentare

Wenn Emotion die Realität verdrängt

Ein Lockdown ist kein Zuckerschlecken. Ausgangssperren machen keinen Spaß. Hygiene- und Abstandsregeln nerven ohne Ende. Warum können wir uns darüber einig und dennoch so gespalten in der Frage sein, ob diese Maßnahmen im Kampf gegen Corona notwendig sind?

Das hat mit menschlicher Ungeduld zu tun. Wir wollen für unsere Entbehrungen belohnt werden. Wollen sehen, dass unser Verzicht auf Reisen und Feiern wirkt. Wir wollen rasche Erfolge und beginnen an den Corona-Auflagen zu zweifeln, wenn die Infektionszahlen trotz aller Anstrengungen weiter steigen. Wir fragen uns, ob das alles einen Sinn hat, ob die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen im Verhältnis zu ihren gesundheitlichen Vorteilen stehen.

Und wir können es nicht aushalten, wenn wir keine Alternativen haben. Wenn wir uns vergeblich fragen, ob es keinen anderen, besseren Weg gibt. Ob es nicht ratsam wäre, alle Einschränkungen aufzugeben, vor dem Virus zu kapitulieren und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Vielleicht ist es das, was Corona so unerträglich macht: Dass wir nicht sicher sind, was eine Abschaffung der Auflagen für Folgen hätte und uns nicht trauen, es herauszufinden.

Und wir wollen wissen, wann das alles endlich ein Ende hat. Wann wir uns wieder umarmen, wann wir wieder feiern, fliegen und fröhlich sein können.

Wo solche Gewissheit fehlt, füllen Spekulationen und Verschwörungstheorien den Platz, der sonst von Tatsachen besetzt bleibt. Corona sei von der Regierung aus welchem Grund auch immer instrumentalisiert worden, heißt es dann. Der Staat habe zu spät reagiert, habe im Umgang mit der Pandemie versagt, hört man dann.

Weil die Abstinenz die uns Corona abverlangt einen Schuldigen braucht. Weil sich sonst niemand finden lässt, den wir für all das Leid verantwortlichen machen, den wir stellvertretend für das Virus verurteilen können. Weil wir nicht einsehen wollen, dass uns das Leben gelegentlich vor Probleme stellt, für die es keine Patentrezepte gibt.

Marc Springer

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