07 Juni 2019 | Natur & Umwelt

Weniger ist mehr

Mit nachhaltigem Konsum die Umwelt schonen

Weltweit wird immer mehr Müll produziert, doch auch die Stimmen nach mehr Umweltschutz werden lauter. In Windhoek leitet Christina Bohm einen Gebrauchtwarenladen, Brigitte Reissner eröffnet im kommenden Monat einen Zero-Waste-Laden. Beide setzen sich für nachhaltigen Konsum und weniger Ressourcenverbrauch ein.

Von Lisa Plank, Windhoek

Jedes Jahr werden laut der Weltbank weltweit über zwei Milliarden Tonnen Müll produziert, davon stammen 174 Millionen Tonnen aus den Ländern der Subsahara. Besserung scheint nicht in Sicht zu sein: In den nächsten 30 Jahren soll der Wert auf rund 3,4 Milliarden Tonnen pro Jahr steigen. Dieser Anstieg sei unter anderem auf die Entwicklung afrikanischer Länder zurückzuführen, durch die der Konsum und die Müllproduktion steigen. Immer mehr Menschen fragen sich, wie dieses Problem zu lösen ist – auch in Namibia. Zwei von ihnen sind Christina Böhm und Brigitte Reissner.

Die beiden Frauen wollen die Umwelt schützen, indem sie ihr Konsumverhalten verändern. Nur Recycling reiche nicht aus – viel ökologischer sei es, wenn man von vorneherein so wenig Müll wie möglich produziere. Als Inspiration diente ihnen Bea Johnson, eine Bloggerin und Autorin. Gemeinsam mit ihrer Familie produziert die Amerikanerin pro Jahr nur ein Einmachglas voll Müll, im letzten Jahr war sie für einen Vortrag in Windhoek.

Die beiden Frauen folgen ihrem Vorbild: Böhm leitet einen Gebrauchtwarenladen, Reissner eröffnet nächsten Monat einen verpackungs- und plastikfreien Laden. Die Idee dahinter nennt sich Zero Waste.

Während Böhm sich schon seit Jahren mit diesem Prinzip beschäftigt, wurde Reissner erst im vergangenen Jahr darauf aufmerksam. Das Thema begeistert sie, vor allem eine Frage lässt sie nicht mehr los: „Wie sollen wir in Namibia so einkaufen, dass wir keinen Müll produzieren?“
Sie befasst immer mehr mit Zero Waste, langsam reift eine Idee in ihr heran. Sie möchte einen Laden hierfür eröffnen. Dass sie sich beruflich einen Neuanfang wünscht, war ihr schon länger klar. „Ich habe 30 Jahre lang als Friseurin gearbeitet. Als ich 45 Jahre alt war, habe ich zu meinem Mann gesagt, dass ich mich mit 50 noch einmal etwas ganz Neues anfangen möchte“, erzählt sie.
Nun steht die Eröffnung des „Zero Waste Namibia Store“ in der Stein-Straße kurz bevor. In dieser Woche wurden die Wände gestrichen, nächste Woche wird der Laden eingerichtet. Im Juli können dort Lebensmittel wie Mehl, Nudeln, Nüsse, Saat, Kaffee oder Gewürze, Reinigungsmittel, Haushaltswaren und Kosmetikprodukte gekauft werden.

Aber wie funktioniert ein Laden ohne Verpackungen und Plastik überhaupt? „Meine Kunden dürfen ihre eigenen Gefäße mitbringen. Zuerst werden die Behälter gewogen, danach füllen sie die Lebensmittel hinein. Wir ziehen das Gewicht des Behälters ab und die Kunden kaufen nur das, was sie wirklich brauchen. Egal ob man zehn Gramm Nudeln will oder fünf Kilo“, erklärt Reissner. Dabei legt sie Wert darauf, dass die Preise im Rahmen bleiben. „Ich versuche, alles so günstig wie möglich anzubieten. Das soll kein Exklusivladen sein.“

Der Enthusiasmus, mit dem Brigitte Reissner von ihren Plänen spricht, ist ansteckend. „Ich will niemanden kritisieren, sondern zeigen, wie man es anders machen kann“, erklärt sie. Dass es nicht immer leicht ist, seine Gewohnheiten zu verändern, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Am Anfang war ich voller Tatendrang, aber plötzlich hatte ich überall Baustellen. Das war wahnsinnig frustrierend.“ Doch sie ließ sich nicht entmutigen. „Ich bin immer noch dabei, meinen Müll zu reduzieren – das passiert Schritt für Schritt“, erzählt sie.

Oft sei es jedoch einfacher als man denkt, verpackungsfrei einzukaufen. „In vielen Supermärkten kann man schon jetzt seine eigenen Behälter mitbringen und sie an der Theke füllen lassen“, erklärt sie. Und auch in der Gemüseabteilung kann auf Plastik verzichtet werden. „Man kann das Obst und Gemüse einfach einzeln wiegen und dann in sein eigenes Baumwolltäschchen packen. Die Sticker klebt man dann alle außen auf den Beutel“, erklärt sie. Alleine durch unsere Gewohnheiten beim Einkaufen könne viel verändert werden. „Solange es eine Nachfrage nach einem Produkt gibt, wird es auch ein Angebot geben. Deshalb haben wir als Konsumenten eine wahnsinnig große Macht“, erklärt sie. „Wenn niemand mehr Wasser in Plastikflaschen kauft, wird es irgendwann nicht mehr angeboten.“

Um Müll zu vermeiden, muss man jedoch nicht nur seine Gewohnheiten beim täglichen Einkauf im Supermarkt verändern, wie Böhm erklärt. Wir müssen unser Verhältnis zu Besitz im Allgemeinen hinterfragen. „Wir haben alle so viel, aber schätzen die Dinge gar nicht richtig“, findet sie. „Wir müssen wieder ein Bewusstsein dafür bekommen, dass all die Dinge, die wir besitzen, einmal produziert wurden. Viele Dinge nutzen wir aber gar nicht, sondern kaufen lieber etwas Neues.“ Dass sei nicht nur eine finanzielle Belastung, sondern verbrauche auch unnötig Ressourcen.

Damit genau das nicht passieren muss, hat Böhm vergangenes Jahr einen Gebrauchtwarenladen eröffnet. Angefangen hat sie mit Kinderbüchern, später kamen Büroartikel, Deko und Haushaltswaren hinzu. „Wer Dinge zuhause hat, die er nicht mehr braucht, kann sie einfach zu mir bringen. Entweder mache ich ihnen ein Preisangebot, oder sie geben mir die Sachen als Spende – dann gebe ich das Geld dafür an eine wohltätige Organisation“, erklärt sie. Besonderen Wert legt sie darauf, dass die Produkte nicht wahllos im Laden herumstehen. „Die Sachen sind richtig ausgestellt, man soll Freude am Einkaufen haben. Das ist auch eine Form der Wertschätzung.“ Wichtig sei, dass die Leute ein Bewusstsein für ihren Konsum entwickeln. „Wir verbrauche unsere Ressourcen, damit wir morgen das neuste Handy kaufen können“, so Böhm. Durch das Kaufen von gebrauchten Waren werden keine weiteren Ressourcen benötigt und die Umwelt wird geschont.

Als Böhm früher von Zero Waste erzählt hat, reagierten viele Menschen verständnislos. „Da habe ich schon einige schräge Blicke kassiert“, erinnert sie sich heute. Doch das Bewusstsein wandelt sich, vor allem junge Menschen beginnen, ihr Konsumverhalten zu verändern. „Leute in meinem Alter sind in einer Zeit groß geworden, in der sie nicht viel hatten. Ich glaube, sie neigen deshalb dazu, an den Dingen, die sie haben, festzuhalten“, überlegt sie. Junge Menschen seien minimalistischer eingestellt, weniger zu besitzen liege im Trend. Das sei jedoch nicht der einzige Grund, warum junge Menschen leichter für das Thema Nachhaltigkeit zu begeistern seien. „Die jungen Leute wissen, dass ihre Kinder einmal im Dreck verrecken.“

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