29 April 2020 | International

Weltkriegsende: Wurden die Deutschen von sich selbst „befreit“?

Die Erinnerung an Ereignisse der jüngeren Geschichte ändert sich über die Jahrzehnte wie das Bild in einem Kaleidoskop. Die Bestandteile sind weitgehend bekannt. Doch wenn eine neue Generation hineinschaut, entsteht ein anderes Muster. Das gilt auch für den 8. Mai 1945.

Berlin (dpa) - Welchen Maßstab sollen wir anlegen, wenn wir heute über die Schuld des Einzelnen und der Gemeinschaft in der Zeit des Nationalsozialismus sprechen? Zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa zeigt sich, dass die Diskussion darüber, welchen Platz der 8. Mai 1945 in der kollektiven Erinnerung hat, noch immer nicht beendet ist. Kann man heute wirklich uneingeschränkt vom „Tag der Befreiung“ sprechen? Oder öffnet dies der irreführenden Theorie Tür und Tor, wonach die Deutschen vor allem Opfer des Diktators Adolf Hitler gewesen sein sollen?
Der Blick, den wir auf den Tag haben, an dem das Deutsche Reich nach fast sechs Jahren Krieg und Millionen von Toten schließlich seine Niederlage eingestehen musste, ist heute noch stark geprägt von einer historischen Rede. Gehalten hat sie Bundespräsident Richard von Weizsäcker - am 40. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. In seiner Ansprache im Bundestag in Bonn 1985 sagte von Weizsäcker: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“
Das sahen damals, als noch viele Zeitzeugen lebten, nicht alle so. Vor allem die Menschen, die Jahre in Kriegsgefangenschaft verbracht hatten, zu Vertriebenen geworden oder bei der Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten Angehörige verloren hatten, empfanden das Kriegsende auch als Moment der Niederlage. Welche Stimmung in den 80er Jahren in der westdeutschen Bevölkerung herrschte, illustriert ein Bericht des ZDF über das gut besuchte Begräbnis von Großadmiral Karl Dönitz im Januar 1981. Dönitz stand nach Hitlers Selbstmord am 30. April für wenige Tage der Reichsregierung vor. Von der Beerdigung berichtete ein Reporter: „Ehemalige Offiziere hielten die Ehrenwache, dekoriert mit dem Ritterkreuz.“ - einem Orden, den noch die Nationalsozialisten vergeben hatten. Und: „Die Bundesregierung hat mit verständlichen Argumenten das Begräbnis nicht zur Kenntnis genommen.“
Der Journalist fand bei der Trauerfeier diejenigen vor, die in Dönitz einen „tapferen Mann, der nichts als seine Pflicht getan hat für das Vaterland“ sahen. Die Deutschen für die er schlicht „der Handlanger eines Verbrechers» war, verfolgten das Treffen der «alten Kameraden“ mit Staunen und Entrüstung aus der Ferne.
Ganz anders in der DDR. Hier war es über Jahrzehnte so, dass „die offizielle Erinnerungskultur ausschließlich das Bild von der siegreichen Roten Armee und der Befreiung vom Faschismus zuließ“, sagt Johannes Hürter, Historiker am Institut für Zeitgeschichte. Persönliche Erinnerungen an Gewaltexzesse der Sieger oder Vergewaltigungen durch Soldaten der Sowjetunion, die dieses Bild angekratzt hätten, wurden höchstens im privaten Kreis geteilt.
Hürter warnt davor, mit der Erzählung von der „Befreiung“ der Deutschen im Mai 1945 allzu sorglos umzugehen. Er sagt, wenn man bedenke, dass das von Adolf Hitler angeführte „kriminelle Projekt von Millionen Deutschen aktiv unterstützt wurde, lässt sich der Begriff der "Befreiung" anders hinterfragen, als das von rechtsnationalistischer Seite oft getan wird“. Denn die meisten Deutschen seien schließlich nicht von einem Regime befreit worden, das sie gegen ihren Willen unterdrückt und zu Untaten gezwungen habe, „sondern sie mussten mit militärischer Gewalt dazu gebracht werden, vom nationalsozialistischen Irrsinn abzulassen“. Was dennoch bleibt, ist die Befreiung von einer verbrecherischen Ideologie, die auf Krieg, Nationalismus, Chauvinismus und Rassenwahn gründete.
Dass in der Öffentlichkeit neben der „Befreiung“ wieder stärker und häufig sogar wieder einseitig das eigene „Opfer“ gesehen werde, sei noch bis zum Aufkommen der AfD und der ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung ein gesamtdeutsches Phänomen gewesen, stellt Hürter fest. Heute sei diese Sichtweise hingegen in den neuen Bundesländern wohl stärker präsent – „jedenfalls macht sie sich, angeheizt durch nationalistische und rechtsextreme Gruppierungen, lauter bemerkbar“.
Der Berliner Politologe Hajo Funke glaubt, Bemühungen von Rechtsextremisten und Teilen der AfD, den Fokus weniger auf die Befreiung vom NS-Regime und mehr auf die Bombardierung von Dresden oder die Flucht vor der Roten Armee zu legen, „haben lediglich Wirkung in ihren eigenen Kreisen“. In der Gesamteinschätzung des Weltkriegsendes spiele dies keine Rolle, obgleich auch diese Aspekte Teil der öffentlich diskutierten Erinnerung seien.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg stößt sich vor allem daran, welche Maßstäbe manche Historiker anlegen, wenn sie die Taten von Menschen beurteilen, die während der Nazi-Diktatur versuchten, mit ihren Mitteln Widerstand zu leisten. Er fordert: „Die Erinnerungskultur muss wieder realistischer werden.“ Denn im „warmen Sessel behüteten Wohlstands“ und vor dem Hintergrund umfassender Meinungsfreiheit und Informationsangebote werde oft vergessen, wie begrenzt der Handlungsspielraum sein konnte und welches persönliche Risiko Widerstand in einer brutalen Diktatur wie dem Dritten Reich bedeutete.
Das hat sich aus seiner Sicht in der Debatte um die Beurteilung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg gezeigt, der erst als Offizier der Wehrmacht den Vernichtungskrieg aktiv beförderte und dann hingerichtet wurde, nachdem er und seine Mitverschwörer am 20. Juli 1944 vergeblich versucht hatten, Hitler mit einem Sprengsatz zu töten. Ein weiteres Beispiel ist für Middelberg der Streit um die Beurteilung des Juristen Hans Calmeyer, mit dessen Wirken als „Rassereferent“ der deutschen Besatzungsmacht in den Niederlanden sich der CDU-Politiker in seiner Dissertation beschäftigt hat.
Der Rechtsanwalt aus Osnabrück hatte durch die Anerkennung gefälschter Dokumente und seine eigene, sehr großzügige Auslegung der nationalsozialistischen „Rassenpolitik“ zwischen 1941 und 1945 viele Juden vor dem Abtransport in ein Vernichtungslager bewahrt. Die israelische Gedenkstätte Yad Vaschem führt seinen Namen daher seit 1992 auf der Liste der „Gerechten unter den Völkern“. Einige Historiker, vor allem in den Niederlanden, bezweifeln jetzt, ob es richtig ist, Calmeyer zu würdigen. „Er war unstreitig Teil der Mordmaschinerie, aber nur in dieser Stellung konnte er tausende Leben retten“, sagt Middelberg. Den „Widerständler mit der weißen Weste“, der zugleich etwas bewirken konnte, „den gibt es nicht in einer totalitären Diktatur“.

BU
Eine Gruppe Jugendlicher steht am Straßenrand (r) und beobachtet den Einmarsch von US-Soldaten und Panzern gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (Archivbild) Foto: dpa

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