17 Januar 2020 | Gesundheit

„Warum lebe ich noch?“

Marietjie de Klerk hat „Hope Village” 2008 in Katutura gegründet. Ein Dorf, in dem verwaiste, teils an HIV-erkrankte Kinder ein Zuhause gefunden haben. WAZon traf vor Ort Raphael Bamba, einen 20-jährigen Bewohner, und Kingston Makoni, den Manager des „Dorfs der Hoffnung“.

Von Evelyn Rosar, Windhoek

„Was ist Hoffnung?“ Raphael Bamba schweigt. Er schweigt lange. Bamba ist 20 Jahre alt. Er erinnert sich an kaum etwas, das vor seinem zehnten Lebensjahr passiert ist. Dann erinnert er sich an ein Krankenhaus. Dass die Ärzte sagten, er würde heute sterben, hat er nicht verstanden. Sprache wirklich gelernt hatte er bis dahin nicht. Vieles versteht er bis heute nicht. „Warum lebe ich noch?“ Auch darauf hat er zunächst keine Antwort.

Hope Village, Katutura: Inmitten von Blechhütten im Armenviertel Windhoeks hat Marietjie de Klerk vor rund zwölf Jahren einen Ort der Hoffnung für Kinder wie Bamba geschaffen. Vier bunte Häuser, ein Klettergerüst, drei Hunde, ein Blick über die Blechhütten hinweg auf die weite Savanne.

Damals lebten 14 Kinder hier, heute sind es 90. Die Jüngsten kommen direkt nach der Geburt hierher - weil die Eltern das Baby nicht wollen, weil sie im Gefängnis sind oder weil sie krank sind. Anfänglich wurden vor allem Kinder von Aidskranken aufgenommen. Doch mittlerweile finden dort auch diejenigen Zuflucht, die kein Zuhause haben.

„Die Ärzte sagten: ‚Geben Sie ihm Liebe, damit er wenigstens einen schönen Tod hat‘.“

„Manche Mütter sind erst 14 Jahre alt“, sagt Kingston Makoni, „das Baby entstand durch eine Vergewaltigung und sie sind mit der Verantwortung völlig überfordert.“ Der 44-jährige arbeitet seit über drei Jahren für Hope Village. In seinem Büro stapeln sich nach Farben geordnete Hosen und Pullis, daneben liegen weitere Säcke mit Kleidung. „Die kamen gerade aus Norwegen an“, sagt er mit Blick auf die Sachspende. Er ist der Manager des Dorfs. Die Kinder sagen aber Papa zu ihm, da seine Aufgaben weit über Organisatorisches hinausgehen. Sein Telefon klingelt rund um die Uhr. Auch nachts, wenn ein Kind krank ist und er es ins Hospital fahren muss. Oder wie jetzt, weil ein Kind seine Mathebücher verloren hat, und die Schule erwartet, dass er sofort vorbeikommt und dafür aufkommt. „Man macht es, weil es kein Job ist. Das hier ist Familie“, erklärt Makoni. „Viele haben im jungen Alter schon so Schlimmes erlebt, sind krank, und trotzdem wachen sie jeden Morgen mit einem Lächeln auf.“ Die Kinder haben ihn verändert. Er ist glücklicher, meint er mit einem Lächeln. Über Bamba sagt er: „Er wog mit zehn Jahren gerademal zehn Kilo. Die Ärzte sagten: ‚Geben Sie ihm Liebe, damit er wenigstens einen schönen Tod hat‘.“

Bamba ist der Beweis dafür, dass Liebe den Tod überlisten kann. Auch wenn alles dagegen spricht. Seine Eltern hatten sich damals nicht um ihn und seinen Zwillingsbruder gekümmert, waren manchmal Tage lang weg, zogen durch Bars. Der Bruder hat nicht überlebt. Wie seine Eltern hat auch Bamba den HI-Virus. Er ist einer von 22 Kindern mit Aids im Hope Village. Zudem lebt er mit einem künstlichen Darmausgang. Damit Aids nicht ausbricht, nimmt er er täglich Medikamente, bis an sein Lebensende. Die Tabletten werden für alle Kinder von den Krankenhäusern kostenlos gestellt.

Die Schule hat Bamba geschafft, auch wenn er wegen der jahrelangen Mangelernährung und der Medikation Lern- und Gedächtnisschwierigkeiten hatte und immer haben wird. Jetzt helfen ihm de Klerk und Makoni bei der Jobsuche. Der Klempnerberuf soll es sein. Wenn er später genügend Geld hat, will er eine eigene Wohnung haben und eine Familie gründen. Sein eigentlicher Traum ist allerdings, Fußballer zu werden und in andere Länder zu reisen. Für diesen Traum kickt er jede Woche mit den anderen Jungs auf dem Fußballplatz auf dem Gelände.

Die vier Gebäude auf dem Grundstück sind aufgeteilt in Babyhaus, Kinderhort und zwei geschlechtergetrennte Teenie-Heime. Bamba kennt die Namen aller Bewohner hier. Wenn er überlegt, was das Wort „Familie“ für ihn bedeutet, muss er wieder länger überlegen. Wie er die Kinder hier nennt, fällt ihm aber schnell ein: „Das sind alle meine Geschwister.“

„Heute rede ich mit Gott, um ihm zu danken“

Es ist 11.30 Uhr im Dorf der Hoffnung. Ein buntbemalter vollbesetzter Schulbus kommt an. Während Bamba hilft, Gemüsekisten für das Mittagessen zu schleppen, erzählt Manager und Dorfvater Makoni von einer Schwester Bambas, die gerade eingeschult wurde. Die Schüler sollten ihre Familie zeichnen. Während alle längst fertig waren, saß das Mädchen immer noch konzentriert mit Buntstiften in der Hand. „Du sollst doch nur deine Eltern und deine Geschwister malen“, sagte der Lehrer, und war erstaunt über die hohe Anzahl der Personen auf dem viel zu kleinen Stück Papier. Bambas Schwester war gerade erst bei Nummer vier aller ihrer Mütter und bei Nummer zwölf ihrer Geschwister, als sie unterbrochen wurde.

Auch Bamba merkte in seiner Schulzeit, dass er anders ist als die anderen Kinder. „Wieso werde ich nicht von Mama und Papa abgeholt?“, fragte er sich. Er erinnert sich, dass ihn der Gedanke traurig gemacht hat. Auch eine Antwort auf diese Frage hat er bis heute nicht. Daher steht er täglich um fünf Uhr auf, geht in die Kirche und spricht mit Gott. Bamba betet, so lange er sich zurückerinnern kann. „Als ich damals im Krankenhaus lag, habe ich Gott gebeten, dass er mir hilft. Heute rede ich mit Gott, um ihm zu danken“, sagt der junge Mann.

„Familie“ ist schließlich Bambas Antwort auf die Frage, was für ihn „Zuhause“ bedeutet. „Zuhause“ sind elf Mamas, zwei Papas, zehn freiwillige Helfer und 89 Geschwister zwischen bunten Blechhütten mit Blick auf die weite Savanne Namibias. „Warum lebe ich noch?“ Weil es Hope Village gibt. Bamba ist die Antwort auf die Frage, was Hoffnung bedeutet.

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