06 März 2020 | Gesellschaft

Wann ist ein Mann ein Mann?

Dieser Frage geht der 55-jährige Pastor Andreas Bernhardt an seinen monatlichen Männerabenden nach. Im Old Wheelers Club wird angestoßen und gelacht. Was das Treffen von normalen Kneipenabenden unterscheidet: Hier dürfen die 30 Teilnehmer über ihre Gefühle reden. Am 8. März ist Weltfrauentag, WAZon feiert den Mann.

Von Evelyn Rosar, Windhoek

Volker (65), Gert (48), Konrad (59) und sein Sohn Jörn (29). Alle sitzen sie an einem Tisch. Wie jeden letzten Dienstag im Monat. Heute gibt es Braten mit Bratkartoffeln und, wie immer an diesem Dienstag, Bier. Denn dann ist Männerabend im Old Wheelers Club im Windhoeker Stadtteil Suiderhof.

Mit ihnen sitzen insgesamt 33 Männer an fünf Tischen verteilt. Man duzt sich. Einer sitzt nicht, sondern geht zwischen den einzelnen Gruppen umher, redet mit Volker, Gert oder Stefan. Lacht oder schaut mal ernst, klopft auf die ein oder andere Schulter, lacht wieder. Dann tritt er vor die Gruppe, so dass jeder ihn sehen kann, positioniert sich zwischen den Tischen und einem Diaprojektor mit Leinwand. Beide hat er wenige Minuten zuvor aufgebaut. Dann fängt der knapp 1,70 m große Mann mit tiefsitzender Brille und geflochtenem Zöpfchen an zu reden.

„Wer ist heute wegen des Themas hier?“, fragt Pastor Andreas Bernhardt und schaut über seine Brille, die ganz vorne auf der Nasenspitze sitzt, hinweg in die Runde. Da sich niemand meldet, fangen alle an zu lachen, auch Andreas. Alle sind noch zu sehr damit beschäftigt, anzustoßen und sich auszutauschen. Doch dann wird es ruhiger, als Andreas die Frage des heutigen Treffens stellt: „Wer bin ich?“ Identität ist das Thema. Was macht uns aus?

An den von Andreas initiierten „Männerabenden“, die unter seiner Leitung seit einem Jahr stattfinden, wird nicht nur getrunken, gegessen und gelacht. Es werden ernste Themen angesprochen. Jeder wird sich gleich trauen, sich zu öffnen und etwas zu sagen. Denn was der studierte Sozialpädagoge aus Lünen bei Dortmund zu Beginn der Sitzung festgehalten hat, daran hält sich jeder: „Das ist ein sicherer Raum. Niemand wird ausgelacht. Nichts wird nach außen getragen. Wir sind eine Gemeinschaft.“ Darauf folgt erstmal ein „Prost!“.

Dann stellt jeder nach und nach sein Glas auf den Tisch, dreht seinen Kopf Richtung Leinwand. Dort läuft nun ein Werbefilm der Sparkasse aus den Neunzigern. Der Pastor hat nun die Aufmerksamkeit von jedem seiner Teilnehmer. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ sagt ein Schauspieler zu seinem Gegenüber, legt dazu die passenden Fotos auf den Tisch. Die Frage, die Andreas aus diesem Spot ableitet und an die Teilnehmer zur Diskussion weitergibt: „Wer bin ich und worüber definiere ich mich?“ Es ist still wie in einer Schulklasse, kein Klirren der Biergläser. Jeder scheint nachzudenken.

Diese Frage ist nicht nur Gegenstand des heutigen Männerabends. Sie taucht in ähnlicher Form immer wieder auf. Denn was den ausgewanderten Pädagogen und Theologen beschäftigt, ist das Bild des Mannes. „Wann ist ein Mann ein Mann? Unser Image stimmte noch nie. Ein Mann kann weinen und ist dennoch ein Kerl. Gefühle werden als Schwäche gewertet, obwohl sie keine sind.“ Dieses Umdenken will der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter bewirken.

Er will seinen Seminarteilnehmern dazu verhelfen, ein klares Selbstbild zu entwickeln. Unabhängig von dem, was sie geleistet haben, unabhängig davon, was ihr Umfeld von ihnen erwartet. Was Frauen den Männern voraushaben: sie vertrauen sich Freundinnen an. Männer tun sich damit schwer, da es als unmännlich gilt, über Gefühle zu reden. „Es ist Zeit, dieses Klischee zu beseitigen, Zeit, den Männern Gehör zu verschaffen“, meint Andreas.

Gert bricht als erster sein Schweigen. Jede Tischgruppe im Old Wheelers Club soll diskutieren, was einem zu dem macht, was man ist. „Ich habe gelernt, dass mich Fehler nicht definieren. Mich macht aus, mir zu verzeihen, mich und meine Makel zu mögen“, sagt der Tischler. Das sei er gerade am Lernen. Erwachsen zu sein bedeute nicht, dass man nichts mehr dazulernen kann. Man müsse immer offen für neue Erfahrungen sein. Die anderen nicken.

„Man sollte sich selbst genügen und sich nicht mit anderen vergleichen. Man sollte nicht bedauern, nicht das erreicht zu haben, was andere geschafft haben“, sagt Konrads Sohn Jörn. Er weiß, wovon er redet. Er war anderthalb Jahre trotz IT-Ausbildung arbeitslos. Hier beim Männerabend weiß das jeder, denn im sicheren Raum kann er offen darüber sprechen. Er bekam von den Teilnehmern Zuspruch, als er an sich gezweifelt hatte. Die Gemeinschaft hat ihm Kraft gegeben. Jörn hat jetzt eine Zusatzausbildung abgeschlossen und einen Job bei einer Sicherheitsfirma, die Alarmanlagen installiert, bekommen. Er ist zufrieden.

Auch sein Vater ist mit ihm zufrieden. Und mit sich selbst? Da ist sich Konrad, wie viele Leute, nicht immer so sicher. Er arbeitete bis vor Kurzem als Berater im Windhoeker Eisenbahnmuseum. Jetzt ist er in Rente. Die Tätigkeit fehlt ihm. Der Beruf wird ein Teil von einem, wenn man ihm sein halbes Leben widmet. Die Frage „Wer bin ich?“ ist für ihn daher aktuell. Worauf sich alle an diesem Abend einigen können: „Identität ändert sich mit dem Alter und durch die Erfahrungen.“

Auch Andreas Bernhardt war auf der Suche nach sich selbst. Sein erstes Studium der Sozialpädagogik hatte er mit einem zweiten der Theologie ergänzt, um in Herford als Gemeindepädagoge mit Jugendlichen arbeiten zu können. Später ergänzte er seine Fachkenntnisse durch eine Ehe- und Lebensberaterausbildung. Er zog von Deutschland nach Pretoria, arbeitete dort sechs Jahre als Jugendpfarrer. Dann ging er nochmal zurück nach Deutschland, seit vergangenem Jahr lebt er in Windhoek.

Wann ist ein Mann ein Mann? „Wenn man seine Identität gefunden hat“, antwortet Andreas Bernhardt. Als Berater und Pastor in der Evangelischen Stadtmission zu arbeiten, sei genau sein Ding. Er scheint in Namibia und bei sich angekommen zu sein. Seine Brille, die er ganz vorne auf der Nasenspitze trägt, nimmt er manchmal ab. Dann, wenn ihm die Tränen kommen. Das passiert beim Predigen, erzählt Andreas. Er sei eben ein sensibler Mann, sagt seine Frau Claudia dann zu ihm.

Die nächsten Männerabende sind am 31. März, 28. April und 19. Mai. Wer an intensiveren Gesprächen interessiert ist, kann sich bei Andreas Bernhardt über die „Männerreise“ informieren: 061-252 751, [email protected] . Weitere Infos gibt es hier: www.stadtmission.org.za/windhoek .

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