27 März 2020 | Kultur & Unterhaltung

Von einer Südenfarm in die Unabhängigkeit

„Dieses Buch ist ... die Geschichte einer Familie“, schreibt die Autorin Erika von Wietersheim im Nachwort, „die schon in vierter und fünfter Generation in Afrika lebt, deren Mitglieder sich als Afrikaner sehen, zwar zu Hause noch immer Deutsch sprechen und sich mit der deutschen Kultur verbunden fühlen, aber gleichzeitig fest in einem afrikanischen Land verwurzelt sind.“ „Guten Morgen Namibia“ handelt sich um „... eine Entdeckungsreise auch zu mir selbst, als weiße Afrikanerin, eine Expedition mit tausend Fragen im Gepäck ...“ Leser, ob mit Namibia verbunden oder nicht, werden bei der Lektüre mit der Autorin auf etliche erstaunliche, ja erhellende Antworten stoßen, inmitten des Milieus des politischen Umbruchs und Wandels um die Unabhängigkeit.

Das Buch ist rechtzeitig und sinngemäß zum 30-jährigen Gedenken an die namibische Unabhängigkeit Namibias erschienen. Der komplexe, auch blutige Anlauf auf die Souveränität des Landes im März 1990 bildet über 16 Jahre der lebhaften Familiengeschichte der von Wietersheims auf der riesigen Farm Gras am oberen Fischfluss die aktuelle Zeitkulisse. Man könnte geneigt sein, den persönlichen Tatsachenroman mit dem Film- und Buchepos der dänischen Karen von Blixen-Finecke, „Out of Africa“, zu vergleichen, aber da hinkt das Nebeneinaderstellen schon, denn Blixen kam aus Europa und ist dorthin zurückgekehrt.

In ihrer Bemühung, Afrika/Kenia zu verstehen, gelangt Blixen zur Schlussfolgerung „Wir sind nicht hier zu bleiben.“

Als europäisch erzogene Frau, zuerst in Lüderitzbucht aufgewachsen, erfährt Erika von Wietersheim in der Farmexistenz im weitläufigen Süden - im eigenen Land - plötzlich afrikanisch-namibische Kultur und Denkweisen, mit denen die gebürtige Nambierin sich nicht verbal, sondern nur durch „gemeinsames Leben und Arbeiten auseinandersetzen kann“. Sie erfährt namibisches Gemeinschaftsgefühl auf einer Ebene, die über weite Strecken ohne Worte auskommt.

Die soziale Spannung, wie Soziologen sagen würden, die sie in dem extremen Gegensatz zwischen Farmbesitzer und der Belegschaft an Namafamilien und einem langjährigen Ovambo-Hausgehilfen erfährt, sowie das Gefühl, „zu keiner Seite zugehörig“ zu sein, arbeitet sie konstruktiv auf. Unterstützt von ihrem Mann Anton und moralisch beigestanden durch Namachef Hendrik Witbooi in Gibeon - er wird später Vizepräsident der Swapo - gründet sie eine private Farmschule, die heute leider nicht mehr existiert. Eine Farmschule kann neben dem Routine-Farmbetrieb mit den Unwägbarkeiten der Witterung, Tiergesundheit, Personalfragen zu einer großen Belastung werden. Die Farmschule wird jedoch ein erstaunlicher Erfolg und ein lebendiger Beitrag, den Menschen auf dem Weg zur Gleichberechtigung einen Anschub zu geben. Sogar ihre eigenen Kinder, es sind fünf Geschwister, besuchen diese Schule, die sie zuerst selbst leitet und an der sie selbst unterrichtet, bis an die Grenze ihrer Kräfte. Wie auch anderswo bei solcher Belastung findet sie Ablenkung in Gängen durch die großartige Landschaft am oberen Fischfluss, an dessen Ufer das herrschaftliche Farmhaus steht, in der kaieserlichen Kolonialzeit ursprünglich errichtet vom Konzern Woermann.

Ein nennenswerter Vorfall der Farmschule: Die Kinder der Farmarbeiter bemitleiden Jakob, einen deutschen Praktikantenv aus Übersee, der sich als dogmatischer Atheist zu erkennen gibt. Die Kinder sind erstaunt und verwundert, da sie ganz natürlich im Gottesglauben ihrer Eltern und der ländlichen Umgebung aufwachsen. Der Gegensatz in der Mentalität könnte nicht größer sein.

Die Autorin fügt die Handlung auch mit historisch exakten Details in den brisanten politischen Rahmen der letzten Jahre vor der Unabhängigkeit 1990 ein, ohne Partei zu ergreifen. Sie versteht sowohl die Rolle von Hererochef Clemens Kapuuo und dem Apartheidsaussteiger Dirk Mudge als auch die Ambitionen der nationalistischen Befreiungsbewegung Swapo zu würdigen. Die Familie von Wietersheim kommt bei manchen Weißen unter Beschuss, weil der Mann der Autorin vor 1990 in den offenen Dialog mit der Swapo einsteigt.

Das Werk ist ein authentisches Stück Namibiana, mit hohem Wiedererkennungswert für Namibier und zugleich ein packender Lehrgang für auswärtige Leser, die sich mit diesem Land anfreunden möchten.

Eberhard Hofmann

Guten Morgen Namibia - Erika von Wietersheim. Eine Farm, eine Schule und unser Weg von der Apartheid zur Unabhängigkeit. Palmato-Verlag Hamburg 2019. Ein persönlicher Tatsachenroman, fester Einband, 380 Seiten. ISBN 978-3-946205-30-2. Unverbindlicher Richtpreis: 400 N$.

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