23 September 2019 | Meinung & Kommentare

Vom Fluch der Vorverurteilung

Es ist eine typisch namibische Neigung: Mutmaßungen, Gerüchte und Spekulationen zu einer Verschwörungstheorie zu verdichten und daraus Vorwürfe gegen eine vermeintlich korrupte Regierung zu destillieren. Jüngstes Beispiel: Die angebliche Selbstbedienung beim staatlichen Pensionsfonds (GIPF). Dort hätten sich Regierungstreue an Rücklagen der staatlichen Rentenversicherung bereichert, hieß es. Es seien 660 Millionen N$ Startkapital an politisch gut vernetzte aber namentlich unbekannte Existenzgründer vergeben worden und anschließend verschwunden. Das alles sei symptomatisch für die Beutementalität betrügerischer SWAPO-Funktionäre und müsse strafrechtliche Konsequenzen haben.

Die voreilige Schlussfolgerung entwickelt ein Eigenleben, wird durch die ständige Wiederholung zur Tatsache, weil sie vom GIPF unwidersprochen bleibt. In der öffentlichen Wahrnehmung erhärtet sich der Eindruck, eine kleine Elite einflussreicher SWAPO-Getreuen habe den GIPF gekapert und werde von der Regierung protegiert, die Beihilfe zum Betrug geleistet habe.

Aus diesem Verdacht scheint schließlich Gewissheit zu werden, als Generalstaatsanklägerin Martha Imalwa verkündet, eine Strafverfolgung der mutmaßlich Beteiligten sei mangels Beweisen unmöglich. Der abschließende Beweis für eine angebliche Verschwörung scheint erbracht. Dann passiert es: Der GIPF erklärt juristisch korrekt, er habe sich während der noch laufenden Ermittlungen zu dem Fall nicht äußern dürfen. Er benennt 21 Firmen und dokumentiert, welche von ihnen wann, wie viel Geld erhalten und entweder ganz, teilweise oder gar nicht zurückgezahlt hat. Und er klärt auf, dass zwar Kredite von 386 Millionen N$ abgeschrieben wurden, die verbleibenden Investitionen jedoch Einnahmen von 1,1 Milliarden N$ generiert haben.

Aus der vermeintlichen Veruntreuung von 660 Millionen N$ ist plötzlich ein profitables Geschäft geworden. Aber wen interessiert das jetzt noch, wo sich eine Verschwörungstheorie zum Fakt verfestigt hat?

Marc Springer

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