16 April 2018 | Natur & Umwelt

"Vier Minuten an der Kehle"

Außergewöhnlicher Leopardenangriff wird vom Umweltministerium untersucht

Hardy Specker wurde aus der Intensivstation entlassen: Der deutsche Tourist, der am Donnerstagmorgen im Kuiseb Canyon von einem Leopard angegriffen worden war (AZ berichtete), erholt sich nach einer sieben Stunden dauernden Operation im Welwitschia-Privatkrankenhaus in Walvis Bay.

Von Erwin Leuschner, Swakopmund/Walvis Bay

„Ich habe mir die ganze Zeit nur gedacht, ich darf nicht ohnmächtig werden. Ich wusste, wenn ich einschlafe, dann ist es vorbei“, sagte Hardy Specker (61) am Freitag der AZ. Es war dieser Instinkt, der ihn nach dem Leopardenangriff das Leben gerettet hat: „Ich kann es noch nicht fassen, dass ich lebe.“

Ironischerweise war es das erste Mal, dass das Ehepaar aus Konstanz am Bodensee einen Leoparden überhaupt gesehen hatte. „Und dabei war ich schon viermal in diesem Land und habe Namibia mit Mietwagen getourt“, sagte Hardy Specker. Genau aus diesem Grund ist dieser außerordentliche Angriff auch für ihn ein Rätsel.

Specker und seine Frau Petra (60) waren zwei Wochen vor dem Angriff in Namibia angekommen. Sie hätten Bekannte in Windhoek und Swakopmund besucht, bevor sie letztlich mit dem aus Deutschland eingeschifften Lkw, der als Wohnmobil umgebaut ist, das südliche Afrika bereisen wollten. „Wir haben uns zuerst den Kuiseb-Canyon angeschaut. Ich hatte dafür ein entsprechendes Permit beim Büro des Umweltministeriums besorgt“, so Specker.

Insgesamt drei Tage hätten sie am Kuiseb verbracht. Die letzte Nacht hätten sie nicht unter der Brücke im Kuiseb-Rivier (C14), sondern einige hundert Meter davon entfernt, verbracht. „Als wir dort ankamen, war eine andere Gruppe, die dort campiert hatte, gerade am abreisen“, ergänzte Petra Specker.

Daumen in die Augen

Am frühen Donnerstagmorgen ist das Unheil passiert. Der Leopard habe Hardy Specker angegriffen, als er das kleine Fenster des Wohnmobils habe schließen wollen. Der Leopard habe sich an seiner Kehle festgebissen und ihn mit den Krallen am Kopf zerkratzt. „Ich habe meine Daumen in die Augen des Tieres gepresst, doch das Tier ließ nicht nach. Dann habe ich um ein Messer geschrien“, so Specker. Vier Minuten lang habe der Leopard an seiner Kehle gehangen, bis das Tier endlich losgelassen habe. „Es hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt“, so Specker weiter.

Was für Specker besonders merkwürdig ist: An dem Wohnmobil ist eine besonders laute Hupe angebracht. Seine Frau habe diese lange gepresst, doch das habe den Leopard überhaupt nicht gestört. Vier Stunden lang habe dieser auf dem Dach des Campingfahrzeuges gesessen und weiter „gekratzt“.

Nach Sonnenaufgang wurde das Paar von Wilfred Andreas vorgefunden. Andreas habe den Lkw nach Walvis Bay gefahren und seine Bekannte Tanja Bednarek benachrichtigt, die wiederum den Ambulanzdienst E-Med 24 angerufen habe. „Die Frau bei der Notstelle wollte mir anfangs nicht glauben“, sagte Bednarek der AZ. Auf dem Weg nach Walvis Bay sei ihnen die Ambulanz entgegengekommen.

Specker wird vorerst weiter im Walvis Bayer Krankenhaus bleiben. Sobald die Ärzte es erlauben, werde das Paar allerdings zurück in die Heimat fliegen. „Ich bin über die deutsche Botschaft in Namibia enttäuscht. Sie haben uns nur gesagt, dass sie für uns nichts weiter tun können“, so Specker.

Zahmer Leopard?

Inzwischen hat der Tierarzt Dr. Diethardt Rodenwoldt, der bei der AfriCat-Stiftung aktiv ist, verschiedene Theorien über die Attacke und vor allem das außergewöhnliche Verhalten der Raubkatze geäußert.

So vermutet er, dass der Leopard eventuell als zahmes Tier großgezogen und später ausgesetzt worden sei. „Das würde erklären, warum der Leopard keine Angst vor Menschen oder dem Wagen hatte“, so Dr. Rodenwoldt. Ferner meint er, dass der Leopard entweder extrem hungrig gewesen oder vielleicht sogar mit Tollwut infiziert sei.

Indessen hat das Ministerium für Umwelt und Tourismus angekündigt, den Vorfall untersuchen zu wollen. „Es ist ein sehr, sehr bedauerlicher Vorfall“, sagte Pressesprecher Romeo Muyunda auf AZ-Nachfrage. Er ergänzte, dass sein Ressort den Fall untersuchen werde und nach Abschluss der Ermittlungen und daraus sich ergebenden Rückschlüssen die Zukunft des Tieres bestimmen werde. Mehr dazu konnte er bis Redaktionsschluss nicht sagen.

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