15 August 2018 | Lokales

Urbanisierung vernachlässigt

Podiumsdiskussion: Fast Hälfte der Bevölkerung lebt in der Stadt

Der weltweite Trend der Urbanisierung setzt Städte sowie Wirtschaftsmärkte auf der einen Seite enorm unter Druck, liefert auf der anderen Seite auch gewisse Vorteile. In Namibia wurde das Thema der Bevölkerungsmigration in städtische Gebiete allerdings grob vernachlässigt.

Von Clemens von Alten, Windhoek

Laut des jüngsten Zwischenberichts zur Volkszählung leben 48 Prozent der namibischen Bevölkerung bereits in städtischen Gebieten. Und während die urbane Bevölkerung in Afrika Schätzungen zufolge im Jahr 2030 die Anzahl der auf dem Land lebenden Menschen allmählich überholen werde, nähere sich Südafrika bereits der 60-Prozent-Marke. „Diese Entwicklung findet gegenwärtig statt und da zwängt sich die Frage auf, wie gut sind wir vorbereitet?“, sagte gestern die Direktorin des Zentrums für Multidisziplinäre Forschung (MRC) der Universität von Namibia (Unam), Professor Nelago Indongo, die im Vorfeld eines Podiumsgesprächs das Publikum in das Thema einführte.

Zu wenig Aufmerksamkeit

In der anschließenden Diskussion kam der Unam-Soziologiedozent Ellison Tjirera zu Wort, der Namibias „beiläufigen“ Umgang mit dem städtischen Bevölkerungswachstum der Urbanisierung bemängelte: „Im aktuellen Entwicklungsplan NDP5 wird die Urbanisierung gar nicht erwähnt und im Vorläuferdokument NDP4 nur einmal, während das Thema mehr als sechsmal in der alten NDP3-Strategie vorkommt.“ Der Akademiker hinterfragte vor diesem Hintergrund das in Namibia vorherrschende Verständnis hinter dem Konzept der Entwicklung. „Man muss bedenken, dass die Urbanisierung in bspw. Europa von der Industrialisierung begleitet wurde, was in Afrika aber nicht der Fall ist“, so Tjirera, der betont: „In der Stadt zu leben ist nicht mit Entwicklung gleichzusetzen.“

Als Leitfaden der gestrigen Diskussionsrunde in Windhoek diente die Fragestellung: „Ist Urbanisierung eine Gelegenheit und ein Werkzeug für Entwicklung in Namibia?“ Allgemein werde den durch Urbanisierung entstehenden Bedürfnissen und Notwendigkeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den eigentlichen Auswirkungen und den daraus resultierenden Möglichkeiten, sagte Indongo. „Was wir brauchen, ist eine neue Debatte, die sich mit dem städtischen Bevölkerungswachstum als Mittel zur Wertschöpfung und zu Wohlstand beschäftigt“, sagte die Unam-Professorin.

Städte unter Zugzwang

Die Diskussionsteilnehmer kamen allerdings immer wieder auf die Herausforderungen zu sprechen. Während die Khomas-Koordinatorin der Shack Dwellers Federation of Namibia (SDFN), Elizabeth Amakali, von Problemen berichtete, vor denen besonders mittellose Menschen bei der Migration in urbane Gegenden stehen, klärte Faniel Maanda von der Stadt Windhoek, die Gäste auf, was es koste, den Zuzug aus ländlichen Regionen unterzubringen: „Die informellen Siedlungen Windhoeks aufzuwerten, würde die Stadt rund eine Milliarde N$ kosten“, so der Fachexperte. Entsprechend groß ist somit der Druck, den die Landflucht auf dicht besiedelte Gebiete ausübt: „Das Problem ist, das der städtische Zuzug von einer Migration der Armut begleitet wird“, ergänzte Tjirera, der sich für mehr ländliche Investitionen bzw. eine intensivere Entwicklung auf dem Land aussprach. „Was wir unter Entwicklung verstehen, ist die Grundlage dieser Problematik“, so der Unam-Dozent.

Wie Indongo erklärte, war Namibias Unabhängigkeit ein entscheidender Faktor der hiesigen Urbanisierung: „Die Verfassung sprach jedem Namibier das Recht auf Bewegungsfreiheit zu, was der Migration den Weg bereitete“, so die Unam-Akademikerin, laut der bspw. die Windhoeker Bevölkerung von weniger als 100000 in den 1980er Jahren auf derzeit weit über 300000 Menschen angewachsen ist. „Die informellen Gebiete Windhoeks wachsen viel schneller als die Stadt selbst und verdoppeln sich Hochrechnungen zufolge alle neun bis zehn Jahre“, so Maanda von der Stadtverwaltung.

Tjirera unterstrich indes einen oft vergessenen Aspekt der namibischen Verstädterung: „Die Neueinteilung gewisser Regionen hat auch eine Rolle gespielt“, so der Unam-Dozent, der diesen Vorgang als „erzwungene Urbanisierung“ bezeichnet: „Beispielsweise galt Outapi stets als ländliches Gebiet, bis es über Nacht zu einer Ortschaft proklamiert wurde und die Anwohner seither zur städtischen Bevölkerung gehören.

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