05 Oktober 2020 | Glosse

Treffen an einer Straßenecke in Otjiwarongo

Wir sind mos noch immer im Wandel der Befreiung. Zuerst kam die Befreiung von der Apartheid und von der hegemonialen südafrikanischen Verwaltung der einsamen letzten Kolonie Afrikas. Und nun befinden wir uns schon seit gut drei Jahrzehnten und seit den Reden des Gründungspräsidenten, der Speerspitze der Nation, Comräd Osema Shafiishuna Nujoma, im Kampfe der Befreiung aus Armut und Krankheit. Im zweiten Struggle, wie ´s heißt.

Zum wirtschaftlichen Wandel findet schon länger die Transformation öffentlicher Gedenkstätten statt. Das herausragende Beispiel is die Nacht- und Nebelaktion der Nordkoreaner im Auftrag von Omupräsidente II, Comräd Hifikepunye Pohamban, der Einzigartige, und seiner Partei-Oberen zur illegalen Aushebelung des Reiterstandbilds von Ovenduka. Und der Reiter träumt noch immer invalid und notdürftig im Hofe der Alten Feste vor sich hin, anstatt wenigstens als Museumsobjekt zu fungieren. Gleichzeitig geht die Benennung neuer und die Umbenennung alter Straßen weiter, wobei neues Lokalkolorit entsteht. Es begann mit der Umbenennung der Windhoeker Kaiserstraße, ursprünglich und anfangs Store-Straße genannt, die seit 1990 nunmehr als Indeppedenz-Äwwenjuh im Raum steht. Die Straße wird öfter – und das nich nur wegen dem Steinbock – so ausgesprochen, intoniert und teils sogar ähnlich vom Informationsministerium auf dem Transparent-Band über der Independence Avenue auf Nämlisch so buchstabiert. Aber das is mos `ne andere Story.

In Otjiwarongo geht ein städtischer Ausschuss nun daran, Straßen zu benennen. Der Stadtrat spricht von sage und schreibe 490 existierenden Straßen, die Hälfte davon angeblich namenlos. In der informellen Siedlung allein sollen 99 Straßen benannt werden. Die Hauptachse von Otjiwarongo, die Hage Geingob-Straße, hat vorher einmal Voortrekker-Straße geheißen, wenn wir uns nich irren. In diese Straße mündet an prominenter Stelle die Hindenburg-Straße. Welch schillernde Begegnung in der namibisch-deutschen Verwandtschafts-Beziehung! Der Unterschied zwischen den zwei Gestalten könnte kaum größer sein. Dennoch haben beide Schilderhelden es kraft völlig ähnlicher Stellung auf die Straßenecke in Otjiwarongo geschafft. Hage Geingob is als Staatsoberhaupt verfassungsgemäß Oberbefehlshaber der namibischen Wehrmacht, deren Armee, Luftwaffe und Marine wir alle fleißig mitfinanzieren. Paul von Hindenburg war gefeierter Generalfeldmarschall der 8. Armee im 1. Weltkrieg, hat Schlachten gewonnen, was bei schamhaften Namensbereinigern der Teutonen net nich mehr gefragt is. In den Nachkriegswirren, nachdem deutsche Revoluzzer Kaiser Wilhelm II nach Holland verscheucht hatten, ernannten die Deutschen den Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg 1925 zum Reichspräsidenten.

Das Straßenschild in Otjiwarongo besagt, dass Hindenburg als monarchistische Vaterfigur in unserer Beestersavanne unter den Siedlern ernste Anhänger hatte. Der gestürzte Kaiser im niederländischen Exil war als Namensgeber untauglich geworden. Am Westrand von Ovenduka, nebenbei bemerkt, dient der Kaiser allerdings für einen Berg noch als Namensstifter, nich wegen Anhänger, sondern weil das Geltungsbedürfnis der neuen Landeselite sich noch nich auf Riviere und Berge ausdehnt und derzeit bei Straßen, Denkmälern und der Kaffeemaschine verharrt.

Der Umstand, dass Hindenburg kein Kolonialherrscher war, dürfte am Ende nich ausreichen, sein Straßenschild in der Beestersavanne zu erhalten. Und das nich nur wegen seiner Bedeutungslosigkeit für die aktuellen Stadtväter, sondern auch wegen der Hindenburg-Bereinigung, die in Otjindoitjielanda um sich greift. Denn dort macht man dem Hindenburg im herrschenden nachtragenden Zeitgeist – „wie herrlich weit ham wir`s geschafft“ – heute unter Anderem zum Vorwurf, dass er als schwächelnder Greis 1934 dem machthungrigen böhmischen Gefreiten die Staatsgewalt überlassen hat ...

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