03 Mai 2018 | Sport

Tour-Sieg nach Commonwealth-Trauer

Dan Craven findet sein Glück mit deutschem Team

Der Saisonbeginn hielt für Namibias Radsportstar Dan Craven einige Tiefpunkte bereit. Doch nach den niederschmetternden Commonwealth Games tröstete sich der mehrfache namibische Meister mit dem Gesamtsieg bei der Tour du Senegal. Die AZ sprach exklusiv mit Craven über seinen Triumph, mit dem er für sein neues Team EmbraceTheWorld Cycling aus Deutschland Geschichte schreibt.

Von Florian Pütz,

Windhoek

Verloren und vergessen stand Dan Craven am Flughafen. Niemand holte ihn ab. Die Organisatoren der Tour du Senegal hatten ihn offenbar einfach vergessen. Um acht Uhr abends war der Namibier gelandet, nach langem hin und her lag er um drei Uhr nachts endlich im Hotelbett. „Dann musste ich am nächsten Morgen um halb sieben für die erste Etappe aufstehen. Ich war bereits fertig von meiner Reise aus London und dem Jetlag von Australien. Und dann hatte ich nur dreieinhalb Stunden Schlaf“, sagt Craven der Allgemeinen Zeitung und lacht. „Da kann man sich vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe und wie ich mich gefühlt habe.“

Es hätte ein weiterer niederschmetternder Tiefpunkt von Cravens Saisonbeginn sein können, wenn ihm das Glück, beziehungsweise die mangelhafte Planung der Tour-Orgainsatoren, nicht noch zugute gekommen wäre. Denn der Rennkommission fehlte kurz vor dem Start des Rennens ein Arzt, der die Auftaktetappe hätte begleiten sollen. Nach drei Stunden des Wartens wurde die erste Etappe abgesagt. „Niemand hat so sehr gefeiert, wie ich das gefeiert habe“, freut sich Craven heute noch. „Ich war so kaputt. Dann durften wir uns ausruhen. Ich hatte drei Stunden Mittagsschlaf. Am nächsten Tag ging es mir besser.“ Dann startete die Tour mit der 2. Etappe - und Craven begann, sich für seinen misslungenen Saisonstart zu entschädigen.

„Einfach traurig“

Der hatte seinen Tiefpunkt bereits Mitte April an der australischen Gold Coast erreicht, wo die Commonwealth Spiele stattfanden. Wenn Craven über die Spiele spricht, klingt er immer noch niedergeschlagen. „Das war eigentlich mein großes Ziel für das Jahr. Da habe ich drauf hingearbeitet. Da habe ich gedacht, darum geht es in diesem Jahr für mich“, sagt er der AZ. „Es ist einfach traurig, weil es nicht so gelaufen ist, wie ich es wollte. Ich war traurig, weil ich keine Chance hatte, das zu erreichen, was ich erwartet hatte.“

Wochen und Monate hatte sich der in Otjiwarongo geborene Craven auf das Highlight seines Radsportjahres vorbereitet. Dann machte ihm Schnee in Tunesien, der dort seltener ist als eine Herde Elefanten in Windhoek, einen Strich durch die Medaillenrechnung. Ausgerechnet während Cravens Vorbereitungsrennen rund um die Hauptstadt Tunis fielen die Flocken und der in Spanien lebende Afrikaner wurde in der Kälte krank.

Optimismus

Eine Woche lang lag der 35 Jahre alte Namibier im Bett, um sich auszukurieren. An Rennen und Training war in dieser Zeit nicht zu denken. Dabei waren in Tunesien eigentlich elf Renntage geplant, sie sollten dem mehrfachen namibischen Meister und Africa-Tour-Sieger von 2009 den letzten Schub für einen erfolgreichen Start bei den Commonwealth Games geben. Nach der Krankheit war daran aber nicht mehr zu denken. Natürlich ging Craven an der australischen Gold Coast aber trotzdem an den Start und belegte im Straßenrennen den 40. Platz. „Als ich dann doch dort war bin ich viel besser gefahren, als ich gedacht habe“, erklärt er: „Da war ich schon glücklich.“

Nichtsdestotrotz war das große Ziel dahin. Es folgte die unrühmliche Anreise in den Senegal. Und auch der Beginn der achttägigen Tour ließ zu wünschen übrig, denn der Algerier Youcef Reguigui kaufte allen Sprintern den Schneid ab und gewann gleich drei Etappen in Folge. Erst am fünften Tag wählte Cravens Team EmbraceTheWorld Cycling schließlich die richtige Renn- und Sprint-Taktik, um den als unschlagbar erscheinenden Reguigui doch zu besiegen. „Einen Kilometer vor dem Ziel habe ich so richtig stark attackiert, damit Reguigui lossprintet und mich jagd“, erklärt Craven. „Aber dadurch sprintete er so früh, dass mein Teamkollege Jan-Niklas Jünger an seinem Rad blieb und ihn schlagen konnte. Die Teamtaktik hat super geklappt, wir haben uns super gefreut.“

Ende der Profi-Zeit

Weil sein Profivertrag bei der Israel Cycling Academy im vergangenen Jahr nicht verlängert worden war, fährt Craven, der 13 Jahre lang als Profi in der Radsportwelt unterwegs war, seit kurzer Zeit für das deutsche Amateur-Team EmbraceTheWorld. Über Kollegen wurde er auf die Bochumer aufmerksam. Vor allem die globale Rennausrichtung von ETW mit Zielen wie China, Indonesien, Schweden und der Türkei, überzeugte Craven: „Bei meiner Mannschaft gibt es einen Rennkalender, den ich richtig interessant finde. Es macht richtig Spaß, weil man auch interessant reisen darf.“

So zum Beispiel in den Senegal, wo ETW-Fahrer Jünger mit seinem Sprintsieg auf der fünften Etappe die Dominanz des Algeriers Reguigui brach. Craven drückte seine beste Leistung einen Tag später in die Pedale. Mit einer Ausreißergruppe setzte er sich weit vom Hauptfeld ab, die Mannschaft des immer noch Gesamtführenden Reguigui konnte nicht folgen. Im Sprint der Ausreißergruppe fasste sich Craven kurz vor dem Ziel ein Herz. „Ich glaube, weil keiner erwartet hat, dass ich als Erster antrete, habe ich sie überrascht und eine kleine Lücke gerissen. Mithilfe der Lücke und des ganzen Adrenalins habe ich dann auch die Etappe gewonnen“, erklärt der Mann mit dem markanten Bart. „Das war für mich die größte Überraschung, aber auch die größte Freude.“

Ganz in Gelb

Bei den letzten beiden Etappen wurde es nicht mehr gefährlich für Craven. Nur er selbst hätte sich noch besiegen können - wegen der etwas zu sorglosen Wartung seines Rades. Denn auf den letzten Kilometern des finalen Rundkurses in Dakar hätte ihm das hintere Schaltwerk seines Rades fast noch den Sieg gekostet. „Da ich das nie nachgeguckt habe, hat es sich auf den Schotterpisten und Unebenheiten auf der Straße gelockert“, erklärte Craven. „Da hatte ich auch wirklich Glück, dass das auf den letzten zwei Runden gehalten hat. Wäre die Runde noch viel länger gewesen, wäre ich in Schwierigkeiten gekommen.“

Als strahlender Gesamtsieger rollte Craven am vergangenen Wochenende über die Ziellinie in Dakar und reckte anschließend den goldenen Pokal in den blauen Himmel. „Auch wenn die Tour du Senegal nicht das größte Rennen ist, ging es nicht nur um das Gelbe Trikot“, meint er. „Es ging darum, wie ich mich fühle. Es ging darum, zu zeigen, dass ich mehr drauf habe als das, was ich Anfang des Jahres zeigen konnte. Das ist einfach für mich selber sehr wichtig.“ Aber natürlich habe sich auch die Mannschaft sehr über ihren ersten Gesamtsieg auf einer offiziellen Tour des Radsport-Weltverbandes gefreut.

Karriere-Zukunft

Doch auch für die kommenden Wochen und Monate hat Craven noch einige Ziele, auch wenn seine Radsportzukunft ungewiss scheint. „In Vollzeit Radfahren... Es sieht mir so aus, als seien diese Tage vorbei“, sagt er nachdenklich. „Ich würde gerne noch ein, zwei Jahre fahren. Aber in einem Amateurteam, wo das Geld knapp ist, ist das nicht unbedingt realistisch. Das finde ich richtig traurig. Aber das heißt noch nicht, dass es vorbei ist.“ Schließlich habe die Beziehung mit seinem neuen Team sehr gut angefangen.

Craven gibt sich kämpferisch, zumal er noch ein ganz großes Ziel vor Augen hat: Die Olympischen Spiele in Tokio 2020. Dann wäre Craven mit 37 Jahren immer noch in einem guten Radsportleralter. „Ich glaube, ich hätte die besten Chancen mich für Namibia in Tokio 2020 zu qualifizieren“, sagt Craven selbstbewusst. Dann würde ihn sicher niemand mehr am Flughafen vergessen.

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