18 Mai 2020 | International

Tod auf der Ostsee vorgetäuscht - Ehering wird Mann zum Verhängnis

Der Fall liest sich wie ein Krimi: Ein Kieler soll seinen Tod in der Ostsee vorgetäuscht haben, um Versicherungen zu betrügen. Monate später zerren Polizisten ihn hinter Kisten hervor.

Kiel (dpa) - Sein Ehering wird ihm zum Verhängnis. Zwei Stunden suchen Polizisten am 7. Mai in einer alten Stadtvilla im niedersächsischen Schwarmstedt nach einem mutmaßlichen Betrüger. Dann leuchtet ein Beamter auf dem Dachboden mit seiner Taschenlampe herum. „Er hat dabei ein Aufblitzen gesehen“, sagt ein Ermittler der Kieler Polizei. „Beim genauen Hinsehen hat der Kollege erkannt, dass es ein Ehering an einer Hand war.“ Wenige Augenblicke später nehmen Polizisten den 52 Jahre alten Kieler fest. In einer Ecke hockend, hinter Kartons auf dem Dachboden seiner Mutter taucht der Norddeutsche sieben Monate nach seinem vermeintlichem Ertrinken in der Ostsee wieder auf.
Die Kieler Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrfachen versuchten Betrugs. „Bereits 2018 sind für den Beschuldigten gut ein Dutzend Lebens- und Unfallversicherungen bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften abgeschlossen worden“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Die Gesamtsumme liege bei mehr als 4,1 Millionen Euro. „Wir waren relativ schnell der Auffassung, dass hier lediglich der Tod vorgetäuscht worden ist, um die Versicherungssumme zu kassieren.“ Sie sollte im Todesfall an Frau und Mutter ausgezahlt werden.
Rückblende: Am 7. Oktober 2019 bricht der Mann von Kiel aus mit einem kleinen Motorboot zu recht später Stunde in Richtung Dänemark auf. Das Wetter ist nicht schlecht. Drei Tage später meldet seine Frau ihn als vermisst. Eine großangelegte Suche verläuft ohne Erfolg. Am 11. Oktober entdeckt ein Zeuge das gekenterte Boot vor dem nordöstlich von Kiel gelegenen Ort Schönberg. Der Bug ragt noch aus dem Wasser, das Boot ist vom Strand aus zu sehen. Offensichtliche Schäden gibt es nicht, Schwimmwesten und Schlauchboot fehlen.
Die Kieler Polizei stößt bei den Ermittlungen auf Ungereimtheiten und wird schnell skeptisch. Für einen 23 Jahre alten Ermittler ist es überhaupt der erste Vermisstenfall. Erst wenige Monate vorher hat er seine Ausbildung abgeschlossen. „Die Ermittlungsarbeit gestaltete sich wie ein Puzzle“, sagt er.
Ein Gutachter stellt schließlich Manipulationen am Boot fest. „Das hat für uns einen Unfall ausgeschlossen“, sagt der Ermittler. Weitere Indizien kommen hinzu. „Das Verhalten der Ehefrau beispielsweise wies Fragen auf“, sagt eine Ermittlerin. Sie habe angeblich keine Kenntnis von alltäglichen Dingen aus dem Leben ihres Mannes gehabt und „recht spät eine Vermisstenmeldung erstattet“. Zudem beantragen mehrere Versicherungen Akteneinsicht.
„Der Plan war durchdacht und gut vorbereitet“, sagt die Ermittlerin. „Da steckte ein Haufen Arbeit dahinter.“ Die Polizisten gehen davon aus, dass der Mann, seine gleichaltrige Ehefrau und die 86 Jahre alte Mutter des Kielers den Plan gemeinsam ausgeheckt haben. Die Ehefrau sitzt seit Ende April in Untersuchungshaft. Ihr Mann schweigt zu den Vorwürfen, seine Mutter ebenfalls.
Antrag auf Auszahlung des Geldes sei bereits gestellt worden, sagt Oberstaatsanwalt Bieler. Bei Seeunfällen gelte eine sechsmonatige Frist. Sonst könne eine Person erst nach fünf Jahren für tot erklärt werden. Der 52-Jährige ist für die Staatsanwaltschaft kein Unbekannter: Er wurde in Kiel bereits wegen Kreditbetrugs verurteilt, das Urteil ist aber nicht rechtskräftig.
Der aktuelle Fall weist deutliche Parallelen zu einem Hamburger Verbrechen auf. In der Nacht zum 29. April 1994 setzt der ehemalige Betreiber eines Hamburger Tauch- und Segelshops auf der Elbe seinen 18 Meter langen Kutter in Brand und verschwindet, um seinen Tod vorzutäuschen. Mit Hilfe seiner Ehefrau will er Lebensversicherungen von rund einer Million Mark kassieren.
Für tot erklärt wird er aber nicht, die Lebensversicherungen zahlen nicht aus. Schließlich wird er im März 1999 in Berlin vor dem Haus seines Vaters gefunden. 2001 verurteilt das Landgericht Itzehoe den damals 50 Jahre alten Kaufmann wegen versuchten Betrugs zu 13 Monaten auf Bewährung. Die Motive liegen nach Überzeugung der Richter in hohen Schulden und Unterhaltsrückständen.
In dem spektakulären Kieler Fall haben die Ermittler bislang nur die Ehefrau vernommen. „Wir haben Hinweise, dass sich der Mann längere Zeit bei seiner Mutter aufgehalten hat“, sagt der Ermittler. Gesichert seien diese Erkenntnisse aber nicht. Unklar ist auch die Staatsangehörigkeit des in Deutschland geborenen Kielers. Offen ist zudem, welchem Beruf er zuletzt nachging. „Wir haben verschiedene Angaben und Hinweise“, sagt der Oberstaatsanwalt. Noch in diesem Jahr soll das Trio angeklagt werden.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat keine Zahlen zu Fällen, bei denen Menschen mit dem Vortäuschen ihres Todes Versicherungsbetrug versuchen. Eine Sprecherin geht aber davon aus, „dass dieses Phänomen sehr selten vorkommt“.

Gleiche Nachricht

 

Forscher: Pingeliges Essen bei Kindern wächst sich nicht immer...

vor 2 tagen - 26 Mai 2020 | International

Ann Arbor (dpa) - Kleine Kinder, die mäkelig essen, ändern dieses Verhalten zwar möglicherweise auch später nicht, behalten aber einer neuen Studie zufolge trotzdem meist...

Inhaftierte Straftäter nehmen Geisel und brechen aus Psychiatrie aus

vor 2 tagen - 26 Mai 2020 | International

Bedburg-Hau/Essen (dpa) - Es ist schon später Abend, als am Montag zwei Patienten der forensischen Psychiatrie in Bedburg-Hau in Nordrhein-Westfalen Küchenmesser in die Hand nehmen...

Corona-Lockerungen in Südafrika

vor 2 tagen - 26 Mai 2020 | International

Johannesburg (dpa) • Nach einem wochenlangen Alkoholverbot im Rahmen der Corona-Restriktionen in Südafrika will Präsident Cyril Ramaphosa diese Regelung nun lockern. Anfang Juni würden die...

Sehnsuchtsort in Afrika: Angelina Jolies Tochter als Elefanten-Patin

1 woche her - 20 Mai 2020 | International

Windhuk/Johannesburg (dpa) - Ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk hat es für Shiloh Jolie-Pitt schon gegeben. Als Patin durfte die Tochter von Angelina Jolie und Brad Pitt einem...

Krieg in Libyen: Milizen, Minderjährige und deutsche Militärtrucks

1 woche her - 19 Mai 2020 | International

Tripolis/Istanbul (dpa) - Zwei Landebahnen in der Wüstensonne. Mehr als 40 kleine Hangars. Die Rollfelder wirken in der Weite der Sahara wie ein Fremdkörper. Der...

Studie: Teenager in Europa berichten häufiger von mentalen Problemen

1 woche her - 19 Mai 2020 | International

Kopenhagen (dpa) - Jugendliche im Pubertätsalter haben in Europa häufiger mit mentalen Problemen zu kämpfen. Das geht aus einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Europa-Büros...

19. Mai: „Der ewige Korea-Krieg“: Scharmützel ohne Aussicht auf...

1 woche her - 18 Mai 2020 | International

Berlin (dpa) - Der 38. Breitengrad bildet eine der schärfsten Demarkationslinien weltweit. Die einst willkürlich gesetzte Grenze teilt seit bald 70 Jahren Nord- und Südkorea....

Tod auf der Ostsee vorgetäuscht - Ehering wird Mann...

1 woche her - 18 Mai 2020 | International

Kiel (dpa) - Sein Ehering wird ihm zum Verhängnis. Zwei Stunden suchen Polizisten am 7. Mai in einer alten Stadtvilla im niedersächsischen Schwarmstedt nach einem...

Schlagfertig und stark wie keine andere - Pippi Langstrumpf...

1 woche her - 17 Mai 2020 | International

Stockholm (dpa) - Die wohl größte Erfolgsgeschichte der Weltliteratur für Kinder begann am Bett eines siebenjährigen schwedischen Mädchens. „Pippi Langstrumpf wurde in dem Moment geboren,...

Zunahme der Corona-Todesfälle in Lateinamerika

1 woche her - 17 Mai 2020 | International

Brasilia/Mexiko-Stadt (dpa) - In mehreren Ländern Lateinamerikas steigen die Infektionszahlen mit dem neuen Coronavirus und auch die Zahlen der Todesopfer deutlich. Allein der brasilianische Bundesstaat...