28 August 2015 | Geschichte

Teil 7 Vertrieben von geliebter Erde

Mit der freundlicher Genehmigung der Gondwana Collection, im Besonderen Mannfred Goldbeck und Sven-Eric Stender, veröffentlicht die Allgemeine Zeitung an dieser Stelle das Büchlein „Vertrieben von geliebter Erde“.
Es geht dabei um die Geschichte Deutscher Siedler im Süden Namibias zwischen Kolonialkrieg und dem Ersten Weltkrieg. Dabei steht das Leben der Brüder Alfons und Stephan Schandel im Hintergrund, die die Farm Karios am Fischfluss Canyon gründeten.

Der Fischfluss Canyon ist keinesfalls ein gefahrloses Gebiet, das weitab der Kriegshandlungen liegt. In der Nähe der Wasserstelle Kochas, an der Alfons und seine Kameraden rasten, schlagen ein paar Monate später, im Juni 1905, die aufständischen Nama aus der Gegend von Bethanien unter ihrem Kapitän Cornelius Frederiks ihr Lager auf. Zu ihnen stoßen hier die Führer der Bondelswart-Nama aus der Gegend von Warmbad, Johannes Christian und Abraham Morris – alles in allem etwa 200 mit Gewehren bewaffnete Kämpfer. Am 14. Juni wird Leutnant Thilo von Trotha, der Neffe von Oberbefehlshaber Generalleutnant Lothar von Trotha, als Unterhändler zu Cornelius gesandt, um ihn zur Kapitulation zu bewegen. Doch das Treffen endet tragisch: Einige Kämpfer von Morris treiben bei Kanebis Vieh ab, werden verfolgt und bei Kochas gestellt. Im Durcheinander der Schießerei wird von Trotha von einem Nama erschossen, der ihn verdächtigt, sie vor dem Angriff seiner Truppen in Sicherheit wiegen zu wollen. Die angreifende Einheit wiederum wusste nichts von der Mission des Leutnants. Noch heute kann man auf der Fischfluss-Wanderung in der Nähe von Kochas das einsame Grab Thilo von Trothas sehen.


Keine zwei Wochen nach dem tragischen Vorfall, der möglicherweise einen frühen Frieden verhindert hat, versuchen zwei Verbände der Schutztruppe, das Lager des Cornelius von Westen und Osten aus gleichzeitig anzugreifen. Als die östliche Abteilung unter Hauptmann Ludwig Pichler dort ankommt, findet sie Kochas verlassen. Späher melden, dass die Nama 10 km weiter nach Süden gezogen sind, nach Keidorus, einem im Schatten hoher Felswände liegenden Kolk, der auch am Ende einer Trockenzeit noch Wasser enthielt. Ohne auf die westliche Abteilung unter Major Gräser zu warten, rückt Pichler mit seinen 150 Mann auf Keidorus vor. Beim Versuch, den Gegner im Dunkel der Nacht zu überrumpeln, laufen die Soldaten in eine geschickt gestellte Falle: Die Nama haben an den Hängen des Canyons Steinschanzen errichtet und nehmen die Deutschen unter Feuer. Pichler und ein weiterer Offizier fallen, mehrere Mann werden verwundet. Nur mit Mühe kann sich die Abteilung in eine günstigere Stellung zurückziehen. Auch als am übernächsten Morgen endlich die sehnlichst erwartete Abteilung Gräser dazustößt, leisten die Nama-Kämpfer noch stundenlang erbitterten Widerstand. Die Steinschanzen und einige Soldatengräber zeugen bis heute von der blutigen Schlacht von Keidorus; die Grabplatten finden sich heute auf dem Friedhof von Bethanien (siehe Anhang).


Die Geschütze und Maschinengewehre der Deutschen zwingen die Nama schließlich zum Rückzug. Obwohl die Schutztruppe ihnen hart auf den Fersen bleibt, gelingt es ihnen, den Canyon hinab zu ziehen bis zum Oranje – und das mit Frauen und Kindern, mit Rindern und Ziegen. Immer wieder bleiben Kämpfer zurück, um die deutschen Truppen aufzuhalten. Am Oranje schickt Cornelius Frauen, Kinder und Vieh auf britisches Gebiet und zieht mit seinen Kriegern weiter nach Osten – um später seine Taktik der Nadelstiche fortzusetzen.


Alfons ist an diesen Kämpfen nicht beteiligt und erfährt von ihrem Verlauf nur durch die immer wieder hin und her gesandten Lichtsignale. Denn seit Wochen befindet sich das Hauptquartier bei Kanebis, und er und seine Kameraden pendeln zwischen Lager und Station hin und her. Wie Kräfte zehrend und Material verschleißend es für die Soldaten ist, die Nama im Fischfluss zu verfolgen, verrät ein Heliogramm, das Major Gräser Anfang Juli aus dem Süden des Fischflusses ans Hauptquartier schickt: „Sendet Stiefel, Hufeisen, Nägel, Strümpfe“. Am Oranje muss die Verfolgung abgebrochen werden.


Ein halbes Jahr später, im Jahr 1906, wird Alfons versetzt. Die Kompanie in Keetmanshoop braucht jemanden, der die Geschütze im Artilleriedepot repariert und instand hält. Die Wahl fällt rasch auf Alfons, der von Beruf Schlosser ist. Nachdem er ein Jahr als Waffenmeister dient, wird er 1907 in die Wagenbauanstalt nach Aus versetzt. Es tut Alfons gut, dass seine Fähigkeiten gebraucht und geschätzt werden – anders als in Deutschland, wo er ein Handwerker unter vielen war und der Meister immer etwas auszusetzen hatte. Für ihn steht endgültig fest: Er geht nicht wieder zurück. Als eine Nama-Gruppe nach der anderen kapituliert und ab Mitte 1907 mehr und mehr Soldaten wieder in die Heimat zurückgesandt werden, sieht er sich nach geeignetem Farmland um.


Und Land gibt es nun, nach dem Sieg gegen die Nama-Völker, im Überfluss. Vor dem Krieg hatten Minen- und Landgesellschaften sowie Siedler mit den Einheimischen verhandeln müssen, um von ihnen Schürfrechte oder Land zu erhalten. Obwohl man die Verhandlungs­partner oft genug über den Tisch zog und hier und da auch mit Alkohol nachhalf, erhielten die betroffenen Volksgruppen oder ihre Führer immerhin eine – wenn auch lächerlich niedrige – Gegen­leistung. Nun jedoch zieht die Kolonialverwaltung das Land der Aufständischen als Wiedergutmachung für erlittene Kriegsschäden ein. Ein harter Schlag: Die Einheimischen sind in ihren Gebieten nicht mehr zu Hause, sie finden sich in Reservaten wieder und sehen sich auf den Ländereien der neuen Herren lediglich als Arbeitskraft geduldet. In kleinen Grüppchen auf viele Farmen verstreut, können sie nicht mehr in der Gemeinschaft leben wie zuvor.


Um einen Teil der hohen Kriegskosten wieder herein zu bekommen und die Besiedelung der gewonnenen Kolonie voranzutreiben, verkauft das Kaiserreich das konfiszierte Land zu sehr günstigen Konditionen an Siedler und noch günstiger an ehemalige Angehörige der Schutztruppe. Was sich für die besiegten Bondelswart-Nama im Südosten des Landes als Katastrophe erweist, bedeutet für Alfons die Chance seines Lebens, die er in Deutschland nie bekommen würde. „Als Schutztruppler stand ihm billiges Regierungsland zur Verfügung“, so seine Schwester Elisabeth später, obwohl es sich – in heutige Währung umgerechnet – noch immer um beträchtliche Preise handelt. Alfons hat ein schönes Fleckchen im Blick: Die Gegend zwischen Holoog-Berg und Kanebis, am Rande des Fischfluss-Canyons, die er während seines Einsatzes bei den Signalisten so oft durchritten hatte.


Euphorisch schreibt er seiner Familie von den Aussichten, die sich ihm bieten. Sein jüngster Bruder Stephan, der gelernter Buchbinder und Buchhalter ist und in Deutschland offenbar auch auf dem Trockenen sitzt, lässt sich von der Begeisterung anstecken. Eine Farm in Südwestafrika ist groß genug für zwei, lädt Alfons ihn ein. Zu zweit ist man auch besser gewappnet für Zeiten der Trockenheit: Der eine führt die Farm, der andere verdient mit Arbeit in der Stadt etwas dazu.


Am 12. August 1907 sichert das Kaiserliche Gouvernement in Windhoek Alfons das gewünschte Land zu, das in den Karten unter dem Farmnamen Karious verzeichnet ist: „Sobald Sie von der Truppe entlassen werden oder Ihr Bruder im Schutzgebiete eintrifft, kann Karious von Ihnen bzw. Ihrem Bruder bezogen werden“, formuliert der Bezirksamtmann von Keetmanshoop, Blumhagen, in seinem Bestätigungsschreiben im Auftrag des Gouvernements. Daraufhin beantragt Alfons seine Entlassung und sagt seinem Bruder Bescheid. Am 1. April 1908 verlässt er die Truppe, nach genau dreieinhalb Jahren – der erforderlichen Mindestzeit für den Dienst in Südwestafrika. Für seinen Einsatz erhält er offenbar eine Auszeichnung, wie seine Schwester Elisabeth stolz bemerkt: „Ein Orden schmückt seine Brust!“ Wahrscheinlich handelt es sich um die Südwestafrika Denkmünze, die der Kaiser vielen Schutztrupplern als Zeichen der Anerkennung verleiht.





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