26 Mai 2010 | Afrika

Streiks kratzen am Image von WM-Gastgeber Südafrika

Pünktlich zur Weltmeisterschaft im eigenen Land nutzen die Gewerkschaften die Gunst der Stunde, um ihren Gehaltsforderungen Nachdruck zu verleihen. Gefährdet ist dadurch nun vor allem die Benzinversorgung des Landes. Erst zu Wochenbeginn erklärte die südafrikanische Petroleum Industry Association (Sapia), sie befürchte durch einen längeren Streik vor allem Probleme an den Zapfsäulen im Landesinneren, da zwei der drei Großraffinerien an der Küste liegen. Immerhin konnte Ende vergangener Woche ein Streik der Hafenarbeiter zumindest teilweise beendet werden. Seit Montag werden die meisten Schiffe nun wieder be- und entladen, auch wenn sich in den letzten beiden Wochen Tausende von Containern in den Hafenanlagen angestaut haben.

Während die eine der beiden Transportgewerkschaften die vom halbstaatlichen Transportunternehmen Transnet offerierte Lohnerhöhung von elf Prozent als unzureichend ablehnte, nahmen die Mitglieder der anderen Gewerkschaft das Angebot der Arbeitgeber am Wochenende mehrheitlich an. Die von der Gewerkschaft akzeptierten 11% liegen bereits um mehr als das Doppelte über der gegenwärtigen Inflationsrate von 5,1 Prozent.
"Der Streik selbst hätte zu keinem schlimmeren Zeitpunkt kommen können", sagt Colin Garrow vom der Investmentbank Brait. Zum einen gefährde er die Logistik der WM, zum andern kratze er am bereits ramponierten Image eines Landes, das sich gerade zur WM von seiner besten Seite zeigen müsste.

Neben der Benzinversorgung hat der Streik auch direkte Auswirkungen auf die Auto-, Wein- und Fruchtexporte des Landes. Auch dringend benötigte Ausrüstungsgegenstände für die Fußball-WM dürften in den Häfen feststecken und nun womöglich erst verspätet angeliefert werden. Letzte Woche hatte der Streik zeitweise auch auf den Personenverkehr bei der Bahn übergegriffen. Betroffen waren hier Millionen von Pendlern in Johannesburg und Kapstadt. Fernreisende traf der Streik vor allem deshalb kaum, weil in Südafrika nur Wenige die Bahn zwischen den großen (und oft weit entfernten) Städten benutzen. Hier dominieren eindeutig Flugzeug und Bus, auf die der Streik keine Auswirkungen hat.

Albert Schuimaker, Chef der Kapstädter Handelskammer, bezeichnete den Streik als verheerend. "Wir befinden uns gerade auf dem Höhepunkt der Frucht- und Gemüseernte im Westkap und können nun praktisch keine Container nach Europa verladen", sagte Schuimaker. Er selbst habe von Unternehmen gehört, die bis zu 60 vollgeladene Container wieder im Hafen abholen mussten, weil diese nicht verladen werden konnten. "Bereits jetzt passieren eine Reihe von Schiffen Südafrika und fahren stattdessen nach Singapur weiter, was vor der Rückkehr eine Verzögerung von mindestens acht bis zehn Tagen verursacht." Anton Rabe, Chef der südafrikanischen Fruchtindustrie, befürchtet den Verlust internationaler Kunden - und damit verbunden auch von Arbeitsplätzen am Kap. Bereits jetzt würden saisonale Arbeitskräfte entlassen.

Auch die Automobilbranche schlägt Alarm - zum einen, weil sie ihre Fahrzeuge nicht exportieren kann, zum anderen, weil nun wichtige Ersatzteile fehlen. Der Ökonom Kevin Lings sagt, es sei schwer, die Kosten des Streiks für die Gesamtwirtschaft am Kap zu beziffern "Bislang dauere der Arbeitsausstand knapp über zwei Wochen. Sollte er länger anhalten, dürfte dies gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben und auch auf die Wachstumsraten durchschlagen."

Bereits jetzt wappnet sich Südafrika für weitere Streiks: In Kürze wollen nun auch die Arbeiter beim staatlichen Stromkonzern Eskom die Arbeit niederlegen, was die Stromversorgung in Afrikas größter Volkswirtschaft zur WM beeinträchtigen könnte. Aber auch andere Angestellte im öffentlichen Dienst, darunter Krankenschwestern, Polizisten und Lehrer, könnten in den Streik treten, wenn die nun angelaufenen Vermittlungsversuche scheitern.

Sollte der Streik länger dauern, könnte dies das Wachstum am Kap schon deshalb beträchtlich dämpfen, weil Südafrika bereits zuletzt erheblich langsamer als die Konkurrenz in Brasilien oder Indien aus der Rezession herausgefunden hat, in die das Land vor 18 Monaten geschlittert war. Die nur langsame Erholung zeigt aber auch, wie sehr die vergleichsweise offene Wirtschaft Südafrikas inzwischen in die Weltwirtschaft eingegliedert ist.

Besonders stark leidet das Land am Kap zudem unter der starken Landeswährung Rand, die die Ausfuhr seiner Rohstoffe und anderen Industriegüter enorm verteuert. Die Aufwertung des Rands um 30% gegenüber US-Dollar und Euro erklärt sich weniger mit dem Zutrauen der Anleger in die südafrikanische Wirtschaft, als mit den vergleichsweise hohen Zinsen am Kap. Diese machen es für ausländische Anleger attraktiv, billig Geld in Dollar oder Euro daheim aufzunehmen und wegen der am Kap offerierten Zinsen von fast zehn Prozent in südafrikanische Staatsanleihen zu stecken.

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