03 Mai 2012 | Reiseberichte

St. Helena begrüßt den Rest der Welt

Es gibt nicht mehr viele Plätze auf der Welt, die nur mit dem Schiff erreichbar sind. Einer davon ist die Insel St. Helena im Südatlantik: 2000 Kilometer westlich von Angola, 3000 Kilometer östlich von Brasilien. Die nächstgelegene Landmasse ist die nicht weniger abgelegene Insel Ascension, rund 1100 km nach Nordwesten.
St. Helena - knapp 17 km lang und 10 km breit - ist ein erloschener Vulkan des Mittelatlantischen Rückens. Die Insel erhebt sich mehr als 800 Meter hoch aus dem Ozean. Bewohnt ist sie seit Mitte des 17. Jahrhunderts. Derzeit hat sie rund 4000 Einwohner. Die einzige Transportverbindung zur Außenwelt ist RMS St Helena, das letzte Royal Mail Ship der Welt. Alle drei Wochen wird Kapstadt angesteuert. Fünf Tage dauert die 2400 km weite Seereise mit Zwischenstopp in Walvis Bay. Das Schiff befördert Passagiere und Fracht, alles, was die isolierten Insulaner brauchen. Die Beziehungen zu Kapstadt sind seit jeher besonders eng, aber zwei Mal im Jahr schippert das Postschiff bis nach Großbritannien, und Ascension mit seinen rund 800 Bewohnern wird ebenfalls bedient. Zusammen mit Ascension und der Inselgruppe Tristan da Cuñha (2800 km südwestlich von Kapstadt) bildet St Helena eine Verwaltungseinheit als britisches Übersee-Territorium mit eigener Flagge, eigener Währung und eigener Bank.

Die Abgeschiedenheit soll in wenigen Jahren zumindest für die Insel St. Helena der Vergangenheit angehören. Schon vor Jahren wurde erkannt, dass die akute Schrumpfung der Bevölkerung infolge von Abwanderung nur durch wirtschaftliche Entwicklung aufgehalten werden kann. Die britische Entwicklungsbehörde genehmigte 2005 den Bau eines Flughafens. Bald darauf schien das Projekt wegen der Finanzkrise in Europa bereits wieder vom Tisch zu sein, aber Ende letzten Jahres wurde schließlich doch der Bauvertrag mit einem südafrikanischen Ingenieursunternehmen unterzeichnet. Im Dezember 2015 soll der Flughafen mit einer 1500 m langen Start- und Landebahn fertig sein.

Große Hoffnungen werden auf den Tourismus als Triebfeder für wirtschaftliches Wachstum gesetzt, denn außer ihrer Einzigartigkeit - Lage, Flora und Fauna, Geologie, Geschichte - hat die Insel nicht viel mehr zu bieten als Fischfang, etwas Kaffeeanbau, Landwirtschaft für den Eigenbedarf und Kunsthandwerk. Nicht zu vergessen eine Brennerei, die Kaktusfeigenschnaps, Rum, Kaffeelikör und einen besonders milden Gin aus Bermuda-Wachholder herstellt.

Derzeit verzeichnet St Helena durchschnittlich 2000 Besucher im Jahr, hauptsächlich von Dezember bis Februar. Es gibt 74 Gäs-tebetten in Hotels und Pensionen und weitere 100 in Ferienwohnungen, plus Campingplätze. Seit jeher ist die Insel mitten im Atlantik ein beliebter Stopp für Weltumsegler (300 Jachten letztes Jahr), inzwischen wird sie auch zunehmend von Kreuzfahrtschiffen angelaufen. Ist der Flughafen erst in Betrieb wird auf bis zu 30000 Besucher pro Jahr gehofft. Diese Zahl wurde aus dem internationalen Besucheraufkommen in Südafrika und Namibia errechnet, und mehr sollen es aus Rücksicht auf die empfindliche Umwelt auch nicht werden. Voraussichtlich werden Linienflüge aus Namibia und Südafrika einen guten Teil der künftigen Gäste nach St Helena bringen. Und sie alle brauchen mehr Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants und vielerlei Dienstleistungen, die Arbeit und Einkommen schaffen.

Mit nur 4000 Einwohnern über die ganze 122 km2 große Insel verteilt ist St. Helena zwar wie ein Dorf, aber dennoch sind alle Annehmlichkeiten einer kleinen Stadt vorhanden. Es gibt rund 300 Unternehmen, ein gut funktionierendes Fernmeldewesen, ein öffentliches Verkehrssystem, vier Schulen, Cricket-, Golf- und Fußballplätze und ein öffentliches Schwimmbad.
Die Haupstadt Jamestown im nördlichen Teil der Insel hat 840 Einwohner. Andere kleine Ortschaften wie Half Tree Hollow, Longwood, Blue Hill, Levelwood und Sandy Bay sind in 10 bis 40 Minuten erreichbar. Die ganze Insel umrundet man in drei Stunden gemütlicher Fahrt. Der Flughafen entsteht 14 km von Jamestown entfernt.
Dank Abgeschiedentheit und geringer Einwohnerzahl gehen die Uhren auf St Helena noch anders: Jeder kennt jeden, es gibt so gut wie keine Kriminalität, die Polizei ist unbewaffnet. Der Lebensstil ist britisch geprägt, Jamestown hat die Atmosphäre einer kleinen ländlichen Ortschaft irgendwo in England. Alle britischen Baustile des 18. Jahrhunderts sind vertreten. Insbesondere die Häuser an der Grand Parade und Main Street atmen Geschichte.

João da Nova, ein spanischer Seefahrer in portugiesischen Diensten, entdeckte die Felsmasse im Atlantik am 21. Mai 1502 und nannte sie nach Helena, der Mutter von Kaiser Constantin dem Großen. In den darauffolgenden 150 Jahren nutzten portugiesische, niederländische und britische Seeleute die Insel als Versorgungsstation auf dem Rückweg von Indien, bis die in London gegründete Ostindien-Gesellschaft 1658 beschloss, St. Helena für ihre Zwecke zu besiedeln. Erst 1834 ging die Insel als zweite britische Kolonie in den Besitz der Krone über.

Die ersten "Saints", wie sich die Bewohner von Saint Helena nennen, wurden 1659 für die East India Company auf der Insel abgesetzt. Es waren Siedler aus England und Sklaven von den Kapverdischen Inseln. Später kamen Sklaven aus Indien, Madagaskar und in geringer Zahl vom afrikanischen Festland hinzu. Auch Arbeiter aus China bereicherten den Mini-Schmelztiegel der Nationen.

Bekannt ist St Helena vor allem als die Insel, auf die Napoleon verbannt wurde. Kaum einer weiß, dass die Royal Navy sie von 1840 bis 1872 als Auffanglager für die menschliche "Fracht" von aufgebrachten Sklavenschiffen nutzte. In dieser Zeitspanne waren um die 26 000 befreite Sklaven in Ruperts Bay untergebracht, und mindestens 5 000 von ihnen starben auf der kleinen Insel. Auch befreite Sklaven suchten im 19. Jahrhundert Zuflucht auf der Insel.
Und wenngleich Napoleon zweifellos der prominenteste Gefangene war, so war er keinesfalls der einzige. Die britische Regierung machte St Helena während des Burenkriegs 1901 zum Internierungslager und hielt dort mehrere tausend Buren gefangen. Nur wenige Jahre später wurden 25 Zulu-Führer, unter ihnen Dinizulu kaCetshwayo, nach St. Helena verbannt.
Eine ganze Reihe namhafter Besucher kamen jedoch freiwillig. Astronomen interessierten sich für die vulkanische Insel mitten im Atlantik, allen voran der Physiker Edmond Halley, oder auch Captain Cook und Captain Bligh, der Herzog von Wellington und nicht zuletzt Charles Darwin.

Auf St. Helena gedeiht eine vielfältige Fauna und Flora mit 400 endemischen Arten - hauptsächlich Spinnen und Farne, wie aus einer anderen Zeit. Urig sind auch die eigenwilligen Felsformationen, an deren Sockel Lava erstarrt ist. Die kleine Insel ist ein erstaunlicher Mikrokosmos der Natur: subtropische Wälder gehören ebenso dazu wie wüstenhafte Gegenden mit Dünen. In den tieferen Lagen unter 500 m bestimmen nackter Fels und karges Gelände das Bild, das höher gelegene "Inland" ist grün, vor allem jedoch dank importierter Vegetation. Ursprünglich gab es dort vermutlich dichten subtropischen Wald, der jedoch im Laufe der Jahrhunderte rücksichtslosem Raubbau, eingeführten fremden Pflanzen und weidenden Ziegen zum Opfer gefallen ist. Einige Arten, wie der heimische Olivenbaum, sind gänzlich ausgestorben.

Die einstigen großen Sturmvogelkolonien sind ebenfalls verschwunden, aber nach wie vor können zahlreiche Seevögel beobachtet werden. Unter den gefiederten Freunden weiter landeinwärts ist ein Mitglied der Regenpfeiferfamilie besonders hervorzuheben: der wegen seiner dünnen Beinchen "Wirebird" genannte Vogel kommt nur auf St. Helena vor. Endemische Säugetiere gibt es nicht. Seit Beginn der Besiedelung wurden Haustiere mitgebracht, die mit der Zeit verwilderten.
Das Klima ist mild, geprägt vom südatlantischen Hoch und der äquatorialen Tiefdruckrinne. Fast unaufhörlich wehen die Passatwinde und sorgen für rasche Wetteränderungen. Die Temperaturen liegen dauerhaft zwischen 20 und 27 Grad, nur morgens ist es im "Winter" (Juni bis August) etwas frischer. An der Küste ist es wärmer als im höher gelegenen Inneren der Insel. Regenfälle beschränken sich weitgehend auf April und August.

Am besten lässt sich die Insel zu Fuß erkunden. Denn es gibt weitere Befes-tigungsanlagen zu entdecken, die ab dem 16. Jahrhundert angelegt wurden, sowie versteckte Denkmäler und nicht zuletzt Schiffswracks. Verschiedene Wanderwege führen an felsiger Steilküste entlang, durch beschauliche Wiesen und über üppig bewachsene sanft geschwungene Hügel.

Wie überall wird auch auf St. Helena gerne gefeiert, und das nicht nur am Nationalfeiertag am 21. Mai. Anfang November veranstalten die Saints ein Food Festival, gefolgt vom zweiwöchigen Festival of Art & Culture in der ersten Dezemberhälfte. Alle zwei Jahre findet ein Festival of Walking und gleichzeitig ein Festival of Running statt, zu dem zahlreiche internationale Teilnehmer antreten. Zunehmende Beachtung findet auch die Segelregatta Governors Cup Yacht Race von Kapstadt nach St. Helena, die erst seit einigen Jahren durchgeführt wir. Weitere Infos unter:
www.sthelenatourism.com

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