20 September 2019 | Gesellschaft

Sind ma net zu lekker!

Namdeutsch als Forschungsobjekt – Besonderheiten auf allen sprachlichen Ebenen

Drei Jahre lang beschäftigte sich ein Forschungsprojekt der Universität von Namibia – in Kooperation mit der Freien Universität Berlin und der Humbold-Universität zu Berlin – mit den sprachlichen Besonderheiten des deutsch-namibischen Dialekts. Das Ergebnis: Namdeutsch zeichnet mehr aus, als Wörter wie kwaai, babalaas, gatvol und amper.

Wie reagiert ein Deutsch-Namibier, wenn er zum Grillen eingeladen wird? Vielleicht ist er erst einmal irritiert. „Grillen“ mag in Deutschland ein gängiger Begriff sein – in Namdeutsch sieht das ganz anders aus. In Namibia trifft man sich zum Braai: Ein Dop und Chop beim ordentlichen Feuer – nicht diese Charcoal – sind ma net zu lekker!

„Wörter wie Braai, Pad und Oukie kennt vermutlich jeder Jerry, der sich in Namibia schon einmal mit Ortsansässigen auf Deutsch unterhalten und ein bisschen auf die Sprache geachtet hat“, weiß Sprachforscher Christian Zimmer von der Freien Universität Berlin. Dass hinter dem namibisch-deutschen Dialekt aber auch ganz eigene grammatikalische Strukturen stecken, ist schon weniger offensichtlich. Was sprachlich geht und was nicht – da sind sich die Deutsch-Namibier größtenteils einig, so das Ergebnis eines Forschungsprojekts in namibisch-deutscher Kooperation. „Das zeigt, dass Namdeutsch zwar anders ist als das Deutsche in Deutschland, aber keineswegs chaotisch. Es gibt implizite grammatische Regeln“, sagt Zimmer.

Satzkonstruktionen, wie „Mein Pa´s Ma“, klingen für Nicht-Namibier auf den ersten Blick zwar vertraut, auf den zweiten stolpert man aber doch darüber. Vieles was Namdeutsch heute auszeichnet, ist während der Kolonialzeit entstanden – als unterschiedliche Sprachen und Dialekte in Namibia aufeinander prallten. Plattdeutsch, Englisch und Afrikaans hatten Einfluss auf das spätere Südwesterdeutsch. So ist auch die Konstruktion „Mein Vaters Mutter“ an das Afrikaanse angelehnt: „My pa se ma“.

„Hochdeutsch und Namdeutsch unterscheiden sich auf allen sprachlichen Ebenen“, sagt Christian Zimmer. Da stellt sich doch die Frage: Ist Namdeutsch noch ein deutscher Dialekt oder schon eine eigene Sprache? „Es ist gar nicht so einfach zwischen Sprache und Dialekt zu unterscheiden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht handelt es sich dabei eher um einen Dialekt.“ Ihm ist wichtig zu betonen: „Der Ausdruck Dialekt ist nicht abwertend gemeint, es bezeichnet einfach eine andere Art zu sprechen.“

Generell gebe es nur wenig regionale Unterschiede in der Ausprägung des Namdeutschen – von vereinzelten grammatikalischen Feinheiten und Abwandlungen in der Aussprache abgesehen. „Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie groß das Gebiet ist, in dem Namdeutsch gesprochen wird. In Deutschland haben sich auf einem viel kleineren Gebiet viel mehr unterschiedliche Dialekte herausgebildet“, sagt Christian Zimmer, Mitarbeiter und Koordinator des Forschungsprojekts. Auch zwischen den Generationen habe das Forschungsteam nur wenig sprachliche Differenzen festgestellt. „Es gibt einige Slang-Wörter, wie die Begrüßung Aweh, die nur von Jugendlichen verwendet wird.“

Viele Namibier sind stolz auf ihren Dialekt – das stellten die Forscher während ihrer insgesamt drei Aufenthalte immer wieder fest. Anders als in anderen deutschsprachigen Gemeinden weltweit, sei die deutsche Sprache in Namibia sehr lebendig. „Deutsch wird in der Schule, in der Kirche und in der Familie gesprochen“, sagt Zimmer. Vielleicht, weil sich das namibische Lebensgefühl auf Namdeutsch einfach besser ausdrücken lässt, als auf Hochdeutsch: Unsere Bokkies schmecken dreimal so lekker wie das Schkaap aus Jerry-Bay, wo die Weide zu fett ist – von der Boerewors ganz zu schweigen, denn die Jerries kennen nur Bratwurst. Auch unsere Potjies werden mit Bok-Fleisch und ordentlichen Contents gemacht – schmeckt viel besser als dem sein Eintopf… Aktuell brauche man also keine Sorge haben, dass das Deutsche in Namibia in nächster Zeit verschwindet, so lautet die Prognose der Sprachforscher.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts stützen sich auf verschiedene Untersuchungsmethoden. Zum einen besuchte das Forscherteam deutschsprachige Schulen in Windhoek, Otjiwarongo und Swakopmund. Rollenspiele sollten zeigen, wie sich die Sprachgewohnheiten je nach Situation und Gesprächspartner verändern. Teil der Aufgabenstellung war es einen imaginären Autounfall einmal einem Lehrer und einmal einem Freund erst mündlich und dann schriftlich – per WhatsApp – zu schildern. „Das gab uns Aufschluss darüber, wie die Schüler ihre Sprache ihrem Gegenüber anpassen.“ Mit dem Lehrer hätten die meisten Standarddeutsch gesprochen, während sie ihm Gespräch mit Gleichaltrigen ins Namdeutsche wechselten.

Bei einem weiteren Experiment, ließen die Forscher Kleingruppen von Namibia-Deutschen mit einem Aufnahme-Gerät und einigen Vorschlägen für Gesprächsthemen alleine. „Dabei haben wir festgestellt, dass die Teilnehmer oft ganz anders sprechen, wenn wir nicht dabei sind“, sagt der Forscher. Da habt Ihr Oukies mal gechecked, was unsere Maats sich so beim Bier und Braai alles an Kak erzählen.

Neben der Forschung an Schulen und in Kleingruppen, zogen die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse aus einem Online-Fragebogen. Dabei griff das Team auf die sogenannten „Wenker-Sätze“ zurück. Bei der Methode, die auf den Georg Wenker aus dem späten 19. Jahrhundert zurückgeht, müssen die Teilnehmer 40 standardisierte Sätze aus dem Hochdeutschen in ihre jeweilige Umgangssprache übersetzen. Viele der Sätze kommen zwar etwas altertümlich daher, aber weil die Sätze immer wieder in Dialektforschungen zum Einsatz kommen, bieten sie den Forschern die Möglichkeit unterschiedliche Dialekte miteinander zu vergleichen.

Entwickelt sich Namdeutsch noch weiter? „Da beantworte ich mit einem eindeutigen Ja“, sagt Prof. Marianne Zappen-Thomson, Professorin der Abteilung für Sprachwissenschaften und Literatur an der UNAM in Windhoek. „Das ist kennzeichnend für eine lebendige Sprache, vor allem, wenn sie in ständigen Kontakt mit anderen Sprachen ist.“ Außerdem gebe es eine sich sehr schnell verändernde Jugendsprache – den NamSläng. Schnelle Veränderung sei ein Kennzeichen aller Jugendsprachen. „In dem Moment, wo ein Begriff von Erwachsenen als ‚akzeptabel‘ eingestuft wird und sie ihn benutzen, fällt er aus der Jugendsprache raus“, so die Professorin.

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