30 November 2007 | Kultur & Unterhaltung

Sie tanzte, wenn sie Sorgen hatte

Am Mittwochmorgen, 21. November, nahm Ismael Luanda wie gewohnt Abschied von seiner Freundin Marianne und ihrer sieben Monate alten gemeinsamen Tochter Nangula; dann machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Er konnte nicht wissen, dass es ein Abschied für immer war. Eine halbe Stunde später erreichte ihn der Anruf der Putzfrau. Sie hatte den leblosen Körper gefunden. Das Baby war wohlauf.

Es wird eines der großen Rätsel bleiben, warum die junge Künstlerin Marianne von der Lippe so plötzlich aus dem Leben scheiden musste. Bei zwei unabhängigen Autopsien konnte angeblich keine Todesursache festgestellt werden. Familie und Freunde sind mit einer tragischen Tatsache konfrontiert, ohne irgendeine Erklärung, die Trost spenden könnte.

"Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte, einen kleinen Wunsch nur, dann würde ich um ein kleines bisschen mehr Zeit fragen, damit deine Tochter Nangula dich kennenlernen kann." Das waren die Worte ihres Partners Ismael Luanda bei der Trauerfeier am Dienstag, verlesen von einem Familienmitglied. Ismael und Marianne hatten heiraten wollen, wissen Freunde, hatten sogar schon über ein zweites Baby nachgedacht. Seit Monaten waren sie mit der Renovierung ihres Hauses in Windhoek West beschäftigt gewesen.

Die Augen der Trauergemeinde folgten am Dienstag einem kleinen Mädchen mit brauner Haut und kurzem Lockenhaar. Es wurde herumgereicht vom Vater der Verstorbenen zur Schwiegermutter, kletterte mal auf dem Schoß eines Mitglieds der Oshivambo-sprachigen Familien herum, dann wieder beim norwegischen Teil der Familie. Die Eltern Von der Lippe waren aus Norwegen angereist, schon am Sonntag, als der Verein "Visual Artists of Namibia" (VAN) seine Jahresabschlussfeier in der Kê-rah-dah Gallery of Contemporary als Gedenkfeier für sein einstiges Mitglied Marianne ausrichtete, waren sie dabei gewesen. Letztendlich, um ihre Tochter wieder heimzuführen: Marianne von der Lippe soll in Norwegen begraben werden.

Am 4. März 1977 geboren, studierte die gebürtige Norwegerin Kunst in Oslo, Trondheim und Boston, USA. Ihr Spezialgebiet: Töpferei. Als die "Namibia Association for Norway", NAMAS, 1999 jemanden suchte, der einen Töpferkurs für die Frauen von Penduka, einem Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt in Katutura, leiten würde, schrieb die Organisation einen Brief an die Elverum Folkehoyskole, eine Kunsthochschule in Norwegen. "Ich glaube dieser Brief fiel Marianne per Zufall in die Hände", erinnert sich NAMAS-Mitarbeiterin Birgit Andresen. "Sie setzte alles daran, ihre Dozenten davon zu überzeugen, dass sie die richtige Kandidatin dafür sei." Im August 1999 landete Von der Lippe in Windhoek. Für ein halbes Jahr unterrichtete sie bei Penduka und baute dort ein Töpfereistudio auf. Dann musste sie zurück in ihre Heimat, um ihr Studium zu beenden.

Doch bereits nach diesen sechs Monaten stand für Marianne von der Lippe fest, dass sie zurück wollte nach Namibia. In das Land, das ihr wegen der Mentalität seiner Menschen so gefiel: "Manchmal ist es nur ein Lächeln, das man auf der Straße mit einem unbekannten Menschen austauscht", sagte sie in einem WAZon-Interview vom 25.7.2003. "Wenn ich bedrückt war, dann bin ich einfach durch Greenwell Matongo gelaufen und habe mit den Memes und Tates geredet oder mit den Kindern gespielt. Oder ich bin in eine Shebeen gegangen und habe getanzt."

Kurze Zeit später sollte ihr Wunsch in Erfüllung gehen: Als eine der ersten Kandidatinnen nahm Marianne von der Lippe an einem neu gegründeten Austauschprogramm zwischen der Elverum Kunsthochschule, NAMAS, dem College of the Arts (COTA) und dem John Muafangejo Arts Centre (JMAC) an einem norwegisch-namibischen Austauschprogramm teil. Für einen Zeitraum von zwei Jahren sollte sie Studierende von COTA und JMAC in der Kunst der Keramikskulptur unterrichten. In dieser Zeit arbeitete sie auch mit traditionellen Töpferinnen im Caprivi und Ovamboland zusammen. Für Marianne gehörten diese Begegnungen zu ihren beeindruckendsten Erlebnissen in Namibia, wie sie damals WAZon gegenüber erzählte. Sie hatte eine Unterkunft in einem benachbarten Hotel abgelehnt und lebte stattdessen mit den Töpferinnen in deren Hütten. "Ich musste zwar damit fertig werden, jeden Tag Eingeweide zu essen, aber ich war Teil des Dorfes und habe unglaublich viel gelernt", sagte sie.

Als sie Ende Juli 2003 Abschied nehmen musste, um in Norwegen ihren Verpflichtungen im Rahmen des Austauschprogrammes nachzukommen, stand für sie abermals fest: Es sollte kein Abschied für immer sein. Namibia, das wusste sie nun, war ihre Wahlheimat, sie wollte um jeden Preis zurückkehren. "Irgendwie muss das klappen", sagte sie kurz vor ihrem Abflug. "Ich habe zwar noch keine Ahnung wie, aber mein Flugticket zurück nach Namibia habe ich schon in der Tasche!"

Sie habe schon sehr früh einen starken Willen entwickelt, sagt Vater Jon von der Lippe über seine Tochter. Sie sei stur gewesen, sie sei immer ihren eigenen Weg gegangen, "aber sie war nie allein auf ihren Wegen. In vielen Hinsichten bereitete sie den Weg für Andere".

Zurück in Norwegen jagte Marianne ihre Studenten an der Elverum Kunsthochschule über die Wiesen, um Kuhdung aufzusammeln. Sie wollte den Norwegern das Töpfern auf traditionelle namibische Weise beibringen, sie sollten lernen, ihre Tonarbeiten mit Kuhdung in einem Loch in der Erde zu brennen. Erst drohte das Experiment zu scheitern: am untauglichen Mist der norwegischen Kühe, er ist, wegen der vielen Düngemittel, einfach nicht fest genug. Doch die Künstlerin gab nicht auf: Pferdemist musste her, wochenlang trocknete er in den Kellern der Elverum Hochschule und verbreitete in den Klassenzimmern ungewohnte Gerüche. "Wenn Marianne etwas tat, dann immer hundertprozentig", lacht ihre ehemalige Kollegin Birgit Andresen.

Zuletzt kehrte Marianne als Büroangestellte für NAMAS nach Namibia zurück. Dann übernahm sie die Leitung eines neuen Projektes der Hilfsorganisation: Im Rahmen des "Traditional Lifeskills Project" half sie Menschen in der Karasregion, althergebrachte Lebensweisen und Traditionen an Schülerinnen und Schüler weiterzugeben. "Sie war eine wunderbare Lehrerin", sagt nicht nur Annaleen Eins, ehemals Direktorin der namibischen Nationalgalerie, über die lebensfrohe junge Künstlerin.

Viele namhafte Mitglieder der namibischen Künstlergemeinde zollten ihr bei der Trauerfeier in Windhoek Tribut. Elemothos Lied zählte zu den bewegendsten Beiträgen, es beschrieb in wenigen Worten das Wesen von Marianne von der Lippe: "Sie lächelt, wenn sie verärgert ist, sie weint, wenn sie glücklich ist, sie tanzt, wenn sie Sorgen hat."

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