03 Mai 2018 | Gesellschaft

Ruth Kuehhirt wird 100 – Ein Rückblick auf ihr Leben

Ruth Margarete Ilse Kuehhirt wurde am 4. Mai 1918 in Helmstedt, Deutschland, geboren. Ihre Mutter Dagmar Pulsack war in Ramoutswa, Bechuanaland, als Tochter des Bauernsohns und Soldaten Christian Nissen-Lass aus Schleswig-Holstein und seiner Frau Luise Schulenburg aus Transvaal geboren worden. 1891 zog Dagmar Pulsack im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie aus dem Transvaal über Kapstadt nach Avis in Windhoek. Dort heiratete sie 1913 den aus Wilmshagen, Vorpommern, stammenden Wilhelm Pulsack. Im gleichen Jahr wurde das Paar nach Deutschland versetzt, da Wilhelm Pulsack als preußischer Beamter bei der Reichspost angestellt war.

So wuchs Kuehhirt in Deutschland auf und war mit zwei Jahren für ein halbes Jahr zu Besuch in Südwest, der Heimat ihrer Mutter. Durch wiederholte Versetzungen ihres Vaters wohnten sie in Helmstedt, Braunschweig, Stettin und Berlin. Durch ihre Berufsausbildung als landwirtschaftliche Lehrerin und auf Ferienfahrten mit dem Fahrrad lernte sie fast ganz Deutschland kennen und lieben. Den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erlebte Kuehhirt als Erntehilfe an der damals polnischen Grenze. Im deutschen Roten Kreuz ausgebildet, hatte sie manchen Einsatz in Bombennächten erlebt – besonders im brennenden Hamburg. Schleswig-Holstein wurde ihre Wahlheimat, in der sie über sieben Jahre als landwirtschaftliche Lehrerin tätig war. Ab Mai 1943 galt das U-Boot ihres damaligen Verlobten als im Atlantik verschollen. Die Bestätigung der Versenkung durch ein amerikanisches Flugzeug bei den Azoren erhielt sie erst 2017 durch Recherchen von freigegebenen amerikanischen Kriegsunterlagen im Internet.

Nach Ende des Weltkrieges zog Kuehhirt am 8. Juli 1949 vom schönen Wald- und Seenstädtchen Mölln aus und landete am 12. Juli 1949 auf dem Flugplatz in Windhoek. Hier heiratete sie den 1914 in Keetmanshoop geborenen, aber 14 Jahre in Deutschland geschulten und zum Lehrer ausgebildeten Mann Georg Kuehhirt, Sohn des Missionars Christian Kuehhirt (1907 bis 1951 rheinischer Missionar in Südwestafrika). Ihr Mann war 1936 nach Südwest zurückgekehrt, um seine im Sterben liegende Mutter noch einmal zu sehen. Bis zu seiner südafrikanischen Internierung 1939 arbeitete er als Lehrer in Grootfontein und Windhoek. Nach der Rückkehr aus Südafrika 1947 bekam er als Ex-Internierter keine Lehreranstellung und arbeitete als Viehagent. Durch Vermittlung von Familie Lilly Frey, der Schwester Kuehhirts Mutter, lernte sie ihren Mann kennen.

Nach der Hochzeit begann das Paar 1950 als Farmer auf Farm Schöngelegen, rund 100 km von Windhoek entfernt, mit bloßen Händen, ohne Kapital, ohne Vieh und nur mit einer Maultierkarre als Fahrzeug eine neue Existenz aufzubauen. Kuehhirts Mutter hatte die Farm 1937 vom Erbe ihres Stief-Grossvaters Gathemann erworben. Sie war aber seither nicht bewohnt worden und nur teilweise erschlossen. Die erste Küche war im Freien unter einem Prosopisbaum neben dem Haus, in dem im Wohnzimmer ein Termitenhaufen bis zum Dach reichte. Ein Besuch in der Stadt war nur etwa alle drei Monate möglich. Obst und Gemüse wurde möglichst selbst angebaut und eingekocht. Einmal im Monat brachte ein Frachtfahrer bestellte Ware und Materialien auf die Farm. Es waren harte, aber sehr glückliche Jahre, in denen Ruth und Georg Kuehhirt die Farm zusammen aus- und aufbauen konnte, einschliesslich einer anerkannten Simmentaler Zucht. Zwischen 1950 und 1956 wurden ein Sohn und drei Töchter geboren. Leider verstarb die erste Tochter mit einem Jahr 1952, da der Weg in das Krankenhaus in Windhoek ohne Fahrzeug nicht schnell genug absolviert werden konnte. Erst 1957 erhielt die Familie einen Telefonanschluss.

Eine schlimme Dürre 1961 veranlasste Georg Kuehhirt in Swakopmund den Lehrberuf wieder aufzunehmen. Dazu kam 1963 eine landesweite Maul- & Klauenseuche. So lebte die Familie von 1961 bis 1966 an der Küste und die Kinder brauchten nicht mehr im Internat wohnen. Ende 1966 kehrten wir auf die Farm zurück. Es war schließlich eine der ersten Farmen, die im kleinen Rahmen mit Trophäenjagd ein zweites Standbein aufbauten. 1983 war Georg Kuehhirt so krank, dass die Familie nach Windhoek zog, wo er 1988 an Parkinson verstarb. Die Farm wurde lange verpachtet und noch heute durch den Sohn von Windhoek aus betreut. Die beiden Töchter leben in Deutschland am Bodensee und bei Bremen.

Seit dem Tod ihres Mannes hat Ruth Kuehhirt über die Jahre die Chronik der Familie zusammengestellt, sowie die in Sütterlin geschriebenen Tagebücher ihres Stief-Urgroßvaters Gathemann von seinen ersten Jahren in Südwestafrika (1889 bis 1896) in die lateinische Schrift übertragen und zusammengefasst. Auch heute nimmt Ruth Kuehhirt noch Anteil am politischen Geschehen in der Welt, und liest jeden Monat ein paar Bücher aus dem Goethe-Institut.

Im Rückblick kann Ruth Kuehhirt über ihr Leben sagen: „Wen stets ein Lied begleitet, der ist nie allein. Wem letztes Lied verklungen, kann wirklich einsam sein.“

Jens Kuehhirt

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