10 Januar 2020 | Natur & Umwelt

Regenzeit ist Schildkrötenzeit - Besuch bei Namibias Schildkröten-Papa

Regen ist für Tiere lebensnotwendig. Nach einem Populationsrückgang der Schildkröten während der Dürrezeit pflanzen sich die Reptilien jetzt vermehrt wieder fort. Was man beim Umgang mit ihnen beachten muss, erklärt der Schildkröten-Experte Alfred Schleicher. Ein Hausbesuch.

Von Evelyn Rosar

Es ist nicht schwer zu erkennen, welches Hobby Alfred Schleicher hat. Schon über der Haustür des 63-Jährigen in Pionierspark hängen drei Deko-Schildkröten aus Messing. Im Vorgarten versucht sich eine 76-jährige Pantherschildkröte hinter einem Strauch neben dem Pool zu verstecken, zu spät - mit 50 Zentimeter Länge und 25 Kilogramm Körpergewicht entdeckt man sie schnell. Hinter dem Haus tummeln sich noch mehr Schildkröten: insgesamt über 70 beherbergt der Schildkröten-Papa von Namibia. Zelt-Schildkröte, Buschmannland-Zelt-Schildkröte, Kalahari-Strahlen-Schildkröte und und und... Willkommen im Schildkröten-Zoo Windhoeks!

Viele seiner Tiere hat der frühere Pfleger aus Süddeutschland gerettet. „Der Süden Afrikas hat weltweit die größte Anzahl an Schildkröten. Für Schmuggler leider ein Paradies“, sagt er. Es gibt 59 Arten weltweit, allein 16 im südlichen Afrika. Es gibt sieben Arten von Landschildkröten in Namibia, die populationsstärkste ist die Panther- oder Leopardenschildkröte. Bis zu zehn Exemplare können sich in einem Biotop tummeln.

Manche Schmuggler bekommen bei der Ausreise kalte Füße, trauen sich doch nicht, die Tiere illegal aus dem Land zu befördern, um sie für viel Geld anderorts weiterzuverkaufen. „Dann rufen sie hier an, wollen sie abgeben, was mir aber auch lieb ist“, sagt Schleicher.

1993 ist er mit seiner Frau Monika und seiner ältesten Tochter Sarah von Ulm nach Namibia ausgewandert. Gerade ist Joseph, der Mischlingshund seiner jüngsten Tochter Lisa auch noch zu Gast. Dass zu seiner Familie zudem noch mehrere Dutzend Reptilien gehören werden, das war nicht ganz Schleichers Plan. Doch bevor die Tiere in falsche Hände gelangen, kommen sie besser zu ihm, meint er.

Hier haben sie es gut. Statt wie viele Deutsche Blumenbeete hinter dem Haus, hat Familie Schleicher dort abgetrennte Territorien für die Schildkröten. Steine und Sand farblich passend zu den Panzern, jeder Bereich entspricht den natürlichen Lebensräumen der Bewohner. Oft muss man genau hinschauen, um die Tiere hier zu entdecken.

Reptilien müssen artgerecht gehalten werden. Was das bedeutet, wissen die meisten nicht - eine zusätzliche Gefahr für die bedrohte Tierart, deren Bestand wegen der Klimaerwärmung ohnehin weltweit kontinuierlich abnimmt. „Das Hauptproblem in Namibia ist, dass sich die Tiere ihren Weg in private Gärten verschaffen, die Leute glauben dann, dass sie nun ihnen gehören.“ Doch so ist das nicht. Wer die Schildkröte halten möchte, muss eine Erlaubnis beim Umweltministerium beantragen. Als Besitzer muss man sich registrieren lassen. Schleicher besitzt eine Haltungs- und eine Forschungsgenehmigung. . Zudem hat er den ersten Reptilienführer speziell für Namibia geschrieben („Reptilien Namibias“, ISBN 978-99945-76-30-2).

Keine artgerechte Haltung bedeutet, wenn man die Reptilien zusammen in eine Box packt und sie sich selbst überlässt. „Ist ein Tier krank, hat etwa Hexamiten oder Amöben, überträgt es diese auf die anderen Tiere, alle sterben möglicherweise“, klärt Schleicher auf. Zudem muss auf eine ausgewogene pflanzliche Ernährung geachtet werden, nur Salat ist zu einseitig. Sie brauchen verschiede Wildgräser, gerne auch Obst und Gemüse wie Kürbis, Gurke oder Äpfel.

Dieser Tage finden viele Schildkröten ihren Weg in die Gärten. Das Ende einer jahrelangen Trockenzeit ist dafür verantwortlich. „Vor sechs Jahren fing die Dürreperiode an, seit drei Jahren hat es kaum geregnet - bis jetzt“, fängt Schleicher an, zu erklären. Der Start der Regenzeit eine regelrechte Wiedergeburt der Reptilien. „Schildkröten schlüpfen bei mindestens 18 Millimeter Nässe. Da es momentan häufig regnet, schlüpfen ungewöhnlich viele Schildkröten auf einmal, Tausende!“ Weibchen legen bis zu 17 Eier, und das kann derzeit alle paar Wochen passieren. Pro Regenzeit legen sie diese dreimal.

Was fasziniert den Auswanderer so an Reptilien? Genau das, was gerade passiert: Anpassungsfähigkeit, Genügsamkeit. „Bei der namibischen Wasserschildkröte ‚Pelomedusa subrufa‘ haben wir festgestellt, dass sie sich sechs Jahre einbuddeln kann, bis endlich wieder der nötige Regen fällt. Reptilien passen sich der Umgebung an, können ihren Körper regulieren. Das ist beeindruckend“, sagt er.

Schleicher erzählt von Krokodilen in Botswana, die 17 Jahre in Löchern verbracht haben. Sie können ihren Herzschlag auf einen pro Minute reduzieren. Als ihre Umgebung wieder feucht genug war, krochen sie raus. „Man kann im Leben nicht alles haben und nicht alles steuern. Reptilien kommen damit klar, Menschen nicht. Ich finde, wir können viel von ihnen lernen.“

Wer noch mehr lernen möchte oder sich unsicher ist, was er mit unerwünschten Besuchern im Garten machen soll, soll den Schildkröten-Experten anrufen.

Bei anderen Reptilien kann er die Anrufer gerne weitervermitteln. Ungebetene Gäste sind beispielsweise auch Schlangen, die bei der Feuchtigkeit aus ihren Verstecken kriechen. Tipp Nummer eins: Keine Panik bekommen, denn damit erschreckt man die Schlangen. Nummer zwei: Sie behutsam mit einem Besen nach draußen kehren.

Kaum verlässt man den Schildkröten-Zoo in Pionierspark, vorbei an lebenden Schildkröten im Innenhof, entlang an Deko-Schildkröten aus Ton im Wohnzimmer, gibt es noch eine Bitte vom Schildkröten-Papa mit auf den Weg nach draußen auf die Straßen Windhoeks: „Läuft eine Schildkröte auf der Straße, setzt sie doch am Rand ab“, sagt er. Ganz wichtig: immer in die Richtung, die sie angesteuert hat. Auf keinen Fall sollte man Schildkröten mitnehmen und Kilometer weiter aussetzen. In einem anderen Biotop kann sie eingehen.




So halten Sie Schildkröten richtig:

- Die Pantherschildkröte ist die meist verbreitetste in Namibia.
- Schildkrötenhalter brauchen einer Genehmigung des Ministeriums für Naturschutz und Tourismus (MET).
- In Namibia dürfen Pantherschildkröten von Privatleuten nur nach Geschlechtern getrennt gehalten werden.
- Das Freigehege muss mindestens 15-20 m² groß sein.
- Als Boden eignet sich Sand, in dem sich die Tiere einbuddeln können.
- Das Gehege sollte gleichermaßen Grün- und Sandflächen aufweisen.
- Auf Schattenplätze achten!
- Pantherschildkröten ernähren sich von verschieden Wildgräsern, Gemüse und Obst. Nur Salat ist zu einseitig.
- Neuzugänge nicht zu eingewöhnten Tieren setzen: Parasitengefahr!
-Wasserschale ins Gehege stellen, in der sie sich auch baden können.
- Hunde ggf. fern halten, da sie mit den Schildkröten spielen und sie verletzen können.
- Schildkröten nicht in einem Karten halten, sie brauchen ihr natürliches Umfeld.


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