27 April 2017 | Natur & Umwelt

Regen und Daten tröpfeln nur langsam

Eine Initiative will die größte digitale Sammlung von Klimadaten schaffen

„Wie viel hat es bei dir geregnet?“, „Was ist der Stand der Dämme?“ oder „Sind die Riviere gelaufen?“ sind typische Fragen, die morgens auf der Arbeit in Namibia zu hören sind, wenn es am Tag zuvor geregnet hat. Private und zusätzlich wissenschaftlich erhobene Wettermessungen will die Initiative SASSCAL nutzen, um dem Klima- und Landnutzungswandel zu begegnen. Das kommt Farmern, Entwicklungsplanern, Wissenschaftlern und der namibischen Öffentlichkeit zu Gute. Doch noch gibt es zu wenige Daten.

Von Anne Odendahl, Windhoek

Freie Daten über das Klima, das ist ein zentrales Anliegen des wissenschaftlichen Dienstleistungszentrums für Klimawandel und anpassungsfähige Landbewirtschaftung im südlichen Afrika SASSCAL (Southern African Science Service Centre for Climate Change and Adaptive Land Management). Mit diesen Daten sollen nicht nur Wissenschaftler und die großen politischen Entscheidungsträger fundierte Erkenntnisse zum Klimawandel erlangen, sondern auch Farmer in ländlichen Gebieten Zugang zu den wichtigen Wetterdaten erhalten. Je mehr Menschen mitmachen, desto umfassender wird die größte digitale Datensammlung zu Regen und weiteren Klimafaktoren in Namibia und im südlichen Afrika.

Grenzübergreifend gegen den Klimawandel

Um den komplexen Umweltverӓnderungen zu begegnen, hat die Afrikanische Union 2007 in Addis Abeba vorgeschlagen, ein Netzwerk von Institutionen zu etablieren, das wissenschaftlich fundierte Klimadienstleistungen bereitstellen kann. Mit diesen ist es möglich, Regelwerke anzupassen und Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels zu ergreifen. Mit Unterstützung durch die deutsche Bundesregierung haben die Länder Namibia, Angola, Botswana, Südafrika und Sambia 2012 SASSCAL gegründet. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat den Partnerländern mehr als 700 Mio. N$ für die Initiative bereitgestellt, knapp die Hälfte davon für 88 meist grenzübergreifende Forschungsprojekte in den Bereichen der Land- und Forstwirtschaft, Biodiversitӓt, Klimabeobachtung und -wandel sowie dem Wassermanagement. Mehr als 500 afrikanische und deutsche Wissenschaftler, Techniker und Studenten bearbeiten gemeinsam mit Entscheidungsträgern in den Partnerländern die Vielzahl der Forschungsprojekte, die von der Universität Hamburg koordiniert werden.

Daten sammeln mit Wetterstationen

In Namibia werden 18 dieser Forschungsprojekte vorrangig von der Universität von Namibia, der Universität für Wissenschaft und Technik, dem Landwirtschaftsministerium und der Wüstenforschungsstation Gobabeb durchgeführt. Eines der größten Projekte ist der Aufbau des „WeatherNet“. Ein regionales Netz von Wetterstationen, die fast in Echtzeit Wetterdaten über das Mobiltelefonnetz oder Satelliten an das zentrale Datenverarbeitungszentrum OADC (Open Access Data Centre) liefern. Das WeatherNet hat rund 150 Wetterstationen, davon stehen mit 55 die meisten in Namibia. Die Stationen messen den Niederschlag, die Sonneneinstrahlung, Windstärke und -richtung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Über die Internetseite www.sasscalweathernet.org können diese Daten jeder einzelnen Wetterstation oder auf einer Karte zusammengefasst abgerufen werden. Die Niederschlagskarte wird in den nächsten Tagen um verschiedene Funktionen erweitert. So wird es möglich sein, nicht nur die tagesaktuelle Karte zu sehen, sondern ein Datum auszuwählen. Auch wird eine Zoom-Funktion eingebaut.

Daten teilen

Ein weiteres Projekt ist die Rainfall-App, die eigentlich keine App ist, sondern auch eine Webseite (www.rain.sasscal.org), aber so intuitiv gestaltet ist, dass sie auch vom Handy aus gut genutzt werden kann. Sie hilft den Bürgern, einfacher und schneller Klimainformationen zu sammeln. Nachdem man sich registriert hat und der Standort automatisch abgerufen und gespeichert wurde, können täglich Regenmeldungen eingetragen werden. Zudem kann man auf einer Karte sehen, welche Werte in der Umgebung eingetragen wurden.

„Mit Hilfe der Daten der Wetterstationen und manuellen Ablesewerten ist es uns möglich, genauere Aussagen zum Wetter zu liefern. Das langfristige Ziel ist es, eine umfassende Datensammlung zu erstellen“, erklärt Sylvia Thompson, GIS-Analystin bei SASSCAL. Diese soll auch historische Daten umfassen. „Wir wissen, dass jeder Farmer fein säuberlich den Niederschlag notiert. Teilweise gibt es Aufzeichnungen, die mehrere Generationen zurückreichen, allerdings nur auf Papier“, weiß Thompson.

Die SASSCAL-Aufzeichnungen laufen seit etwa einem Jahr, aber um weiter zurückzugehen, sind die Wissenschaftler auf die Hilfe von Privatpersonen angewiesen. Sie können in der Rainfall-App auch rückwirkend Daten eintragen. Leider hätten sich noch keine hundert Personen registriert, die dann auch noch die Daten zuverlässig und kontinuierlich eintrügen: „Dabei interessieren sich immer mehr Menschen für die klimatischen Entwicklungen, nicht nur diejenigen, deren direkte Lebensgrundlage davon abhängt“, sagt Peter Erb, Nationaler Direktor von SASSCAL in Namibia. Die grenzübergreifende Initiative hat nationale Büros in den fünf Partnerländern sowie ein regionales Sekretariat in Windhoek. „Wir wissen, dass Namibia in Zukunft trockener und heißer wird. Die großen Datenmengen benötigen wir, um sowohl kurzfristige als auch langfristige Prognosen erstellen zu können. Langfristige, um sich dem Klimawandel möglichst frühzeitig anzupassen, was wiederum die Wasser- und Lebensmittelversorgung im Land sichert. Kurzfristige, damit die Farmer validere Managemententscheidungen treffen können für das laufende oder kommende Jahr“, erklärt Erb.

Freier Zugang

SASSCAL hat den Anspruch, alle Klimadaten öffentlich zugänglich zu machen, und zwar so, dass sie auch jeder nutzen kann. Bisher können die personalisierten Daten, die über die Rainfall-App gesammelt wurden, zum Beispiel in Grafiken zum monatlichen Regenfall abgerufen oder verschiedene Monate miteinander verglichen werden. Um allerdings die Daten der Wetterstationen und aller einzelnen Regenmeldungen zu bündeln und einen besseren Überblick geben zu können, wird an einem Werkzeug gearbeitet: dem sogenannten „Dashboard“. Darüber lassen sich dann sehr genau positionsbestimmte Klimadaten auswerten. Karten und Grafiken angepasst auf eine Farm, Region oder Jahreszeit lassen sich dann herunterladen. „Ohne meteorologische Fachkenntnisse kann jeder umfangreiche Datenauswertungen generieren, die einfach über eine Website oder das Handy aufgerufen werden können“, sagt Direktor Erb.

Mehr Partner gewinnen

Welche weiteren Projekte in Zukunft realisiert werden können, hängt von der nächsten Finanzierungsrunde ab. Im Oktober läuft das erste Forschungsprogramm aus. Das BMBF hat weitere Fördermittel für die Forschung zugesagt, aber die Förderung für die laufenden Kosten der Initiative, wie Personalkosten, wird in den nächsten Jahren auslaufen. Die afrikanischen Partner haben ihre finanzielle Unterstützung zugesichert, aber wünschenswert wäre es laut SASSCAL, wenn noch mehr Länder im südlichen Afrika teilnehmen würden, denn das Klima mache nicht an Ländergrenzen Halt. Für die nächsten Projekte sind ein intensiverer Austausch zwischen den afrikanischen Ländern sowie zwischen den Wissenschaftlern und den Bürgern geplant. Aufklärungsarbeit und nachhaltige Landwirtschaft sollen zu einem adaptiven Landmanagement führen. Dabei sind sowohl die Bürger auf die Daten der Forscher als auch diese auf das Wissen der Bürger angewiesen.


Kontakt zu SASSCAL:
SASSCAL Regional Secretariat
28 Robert Mugabe Avenue, (c/o Robert Mugabe and Newton street)
Windhoek
Tel 1: +264-(0)-61-223-997
[email protected]
Newsletteranmeldung und weitere Infos unter www.sasscal.org

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