13 Dezember 2019 | Gesellschaft

„Poverty Tourism“

Wo fängt er an, wo hört er auf?

Katutura - ein Teil von Windhoek, der ebenso zur Stadt gehört wie die Christuskirche oder Joe‘s Beerhouse. Aber oft schaffen es weder Touristen noch Einheimische in die informellen Siedlungen am Rande der Hauptstadt. Aber wie geht man am besten an einen Besuch dort heran? Samuel Kapepo bietet Touren an, die den Anspruch haben, kein Poverty Tourism zu sein. Doch wo verlaufen hier die Grenzen? Was ist moralisch vertretbar?

Von Eva-Marie Born, Windhoek

Der 34-jährige Samuel Kapepo leitet eine Suppenküche im Stadtteil Ombili in Katutura. Er selbst kommt aus armen Verhältnissen und hat sich die Unterstützung seiner Mitmenschen auf die Fahne geschrieben. Er lebt immer noch in Katutura, hier ist er zu Hause, hier sind „seine Leute“, die er nach Kräften finanziell und mit Lebensmitteln oder Hygieneartikeln versorgt. Samuel hat eine kriminelle Vergangenheit. „Ich habe Menschen in der Vergangenheit wehgetan und möchte nicht, dass irgendjemand hier in meine Fußstapfen tritt. Ich möchte, dass man sich an mich erinnert als jemanden, der Gutes getan hat.“ Für seine Arbeit wurde er bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet. Kapepo schauspielert und wird manchmal auch als Motivationsredner gebucht.

Ab und an führt er Interessierte durch die kleinen verwinkelten Gassen der Wellblech-Siedlung um ihnen zu zeigen, wie das Leben hier abseits von Independence Avenue und Maerua Mall aussieht. Wenn man eine Stadt kennenlernen möchte, so sollte man doch alle Facetten betrachten, oder? Die Konsumtempel, die Prachtstraßen, die Parks und auch die Vororte, ob arm oder wohlhabend. Doch viele Touristen und auch Einheimische fühlen sich nicht wohl dabei, sich auf eigene Faust auf den Weg in die weniger begüterten Stadtteile Windhoeks zu machen. Die typischen Assoziationen mit Katutura, wenn man noch nie dort gewesen ist, sind Überfälle, Vergewaltigungen, Gestank, unerträgliche Armut, Ablehnung. Dass die Realität eine andere ist, dafür setzt sich Samuel ein. Die Erlöse seiner Tour verwendet er für die Arbeit in der Suppenküche. Jetzt zu Weihnachten werden dort auch wieder Weihnachtsgeschenke verteilt. Spielzeug, Lebensmittel und sogar Kühlschränke tragen einen Teil zu einem komfortableren Leben für die Bewohner Ombilis bei. Seine Touren durch die informelle Siedlung gibt Kapepo ein bis zwei Mal die Woche. „Alle müssen ihre Augen und ihren Geist öffnen. Die Vorurteile müssen aufhören. In alle Richtungen.“, betont er.

Der sogenannte Poverty Tourism hat eine lange Geschichte. Schon im Jahr 1860 wurde das Wort „slumming“ in das Oxford English Dictionary aufgenommen. Dort heißt es: “to go into, or frequent, slums for discreditable purposes; to saunter about, with a suspicion, perhaps, of immoral pursuits.” Wörtlich übersetzt bedeutet dies ungefähr so viel wie: „Slums besuchen, frequentieren oder aufsuchen für einen fragwürdigen Zweck. Schlendern, möglicherweise mit Argwohn, vielleicht sogar mit unmoralischen Freizeitbeschäftigungen verbunden.“ Schon damals suchten wohlhabende Londoner unter dem Vorwand der Wohltätigkeit und immer in Polizeibegleitung das berüchtigte Londoner East-End auf. Der Trend schwappte wenig später auch nach New York über. Bordelle, Opium- Bars und Saloons waren Teil der Freizeitbeschäftigungen für Reiche. Natürlich witterten auch Geschäftsleute hier das große Geld. Es wurden Schießereien inszeniert und vermeintlich Drogenabhängige in Szene gesetzt, schließlich sollten die wohlhabenden Besucher nicht enttäuscht werden.

Samuel möchte es anders machen, er nimmt seine Gäste zu Fuß mit durch Ombili, begrüßt sie in seiner Stammkneipe und erklärt kurz die Spielregeln. Keine Fotos von Einheimischen, außer man hat sie vorher gefragt. Wertgegenstände sollten in den Taschen bleiben und nicht zur Schau gestellt werden. „Wir sind hier nicht im Zoo. Es gibt hier heute kein Schwarz oder Weiß, es gibt nur uns alle als Menschen.“, fügt er noch hinzu und führt dann souverän durch die verwinkelten Gässchen des Stadtteils. Gefühlt jeder kennt ihn hier. Kapepo scheint sich zu gefallen in der Rolle als Wohltäter.

Kinder, kleine Hunde, Grüppchen die bei einem Bier zusammensitzen oder Karten spielen. Es wirkt alles sehr friedlich, wie eine Gemeinschaft in der fast jeder jeden kennt. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass man leider trotz fehlender Kamera um den Hals und noch so viel gutem Willen hier fremd ist. Man fühlt sich nicht unsicher, ist aber eine Ausnahmeerscheinung, läuft staunend durch die Gassen, ohne wirklich selbst etwas zum gesellschaftlichen Leben beizutragen. Man ist offensichtlich fremd, auch der Hautfarbe wegen. Nichts geht über Smalltalk heraus, unsicher werden Hände geschüttelt, auf dem Markt getrocknete Mopane-Würmer probiert. Fragen über Elektrizität, Wasserversorgung und über Besitzverhältnisse beantwortet Samuel gern. Die Fragen lockern die Stimmung etwas auf.

Zum Ende des Tages trinken alle zusammen noch ein Bier. Es gibt Kapana. Jeder zahlt für die Tour was er geben kann und möchte. Samuel hat eine Vision für Katutura: „Ich wünsche mir bessere Bildungseinrichtungen, richtige Sanitäranlagen und, dass jeder genug zu essen hat.“ Seine Touren und seine Arbeit sind ein kleiner Beitrag dazu. „Niemand sucht sich aus, ob er arm oder reich geboren wurde“, so Kapepo. Politik interessiert ihn nicht, gefühlt kommt in Katutura auch nicht viel davon an. Wirklicher Austausch hat im Rahmen der Tour leider auch nicht stattgefunden. Ein Kratzen an der Oberfläche, mit Berührungsängsten von beiden Seiten. Was fehlte ist schwer zu sagen. Genauso schwer ist es zu beurteilen, inwiefern es moralisch vertretbar ist, für Geld einen Stadtteil zu besuchen, in den man sich sonst vielleicht nicht getraut hätte, zumal Ombili noch nicht mal der ärmste der Stadtteile Katuturas ist.

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