30 November 2005 | Kommentar

Poker um Versöhnung

Die Ratlosigkeit war Heidemarie Wieczorek-Zeul anzusehen, als die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung am Montag im Berliner Schlosshotel Grunewald verkünden musste, dass die Unterzeichnung der von ihr initiierten Versöhnungsinitiative geplatzt war. "Seltsam" nannte sie die plötzliche Ablehnung des Vertragstextes von namibischer Seite und trifft damit wohl den Kern, war doch allgemein erwartet worden, dass die Regierung von Präsident Hifikepunye Pohamba der bedeutsamen Initiative "grünes Licht" gebe.

Als gute Geste und wichtiger Schritt nach vorn bei einem nicht nur in deutsch-namibischer, sondern auch volksgruppeninterner Hinsicht durchaus sensiblen Thema war im vergangenen Mai Wieczorek-Zeuls Ankündigung der 20-Millionen-Euro-Initiative bewertet worden. Implizierte sie doch auch erstmals explizite finanzielle Zuwendungen im Zusammenhang mit den Geschehnissen während des Hereroaufstandes im Jahr 1904, die noch über die bereits festgeschriebene Entwicklungshilfe hinausgehen sollten. Gewürdigt wurde zudem, dass nicht mehr nur die Herero im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern auch Damara und Nama von der Idee profitieren sollten.

Es stellt sich nun die Frage nach dem Warum. So lange von namibischer Regierungsseite keine offizielle Begründung für die Abfuhr vorliegt, bleibt spekulativ, ob die Konditionen der Vereinbarung, also die Bereitstellung finanzieller Mittel für zwar mehrere, aber trotzdem nur ausgewählte ethnische Gruppen in Namibia, oder aber die Höhe der Finanzspritze letztendlich den Ausschlag für das Nein gegeben haben. Gibt es wirklich objektive Einwände gegen das Vertragspapier? Oder soll hier aus geschehenem Unrecht Kapital geschlagen werden? Ist das Verhalten der Regierung - der kaum Vertreter der betroffenen Ethnien angehören - ein Poker um Millionen unter Ausnutzung deutscher Schuldgefühle und historischer Ereignisse? Ist es ein Poker um die Verteilung finanzieller Mittel unter den unterschiedlichen Völkern in Namibia - obwohl die Regierung offiziell eine einseitige Wiedergutmachung immer abgelehnt hat? Oder sollen nur Macht, Stärke und Verhandlungshärte demonstriert werden?

Die Mimik der deutschen Ministerin zeigte, dass zumindest letzteres den namibischen Verhandlungspartnern gelungen war. Eine baldige Stellungnahme der Regierung ist jetzt wünschenswert, viel wichtiger ist aber dann, dass auch Taten folgen und - wenn wirklich nötig - Kurskorrekturen vorgenommen werden, damit der wichtige Dialog zwischen beiden Seiten gerade jetzt bestehen bleibt.

Fakt ist: Bei der völligen Aussöhnung zwischen Deutschland und den Herero, Damara und Nama kann nicht der Weg das Ziel sein. Es wäre also fatal, wenn der Versöhnungsgedanke auf beiden Seiten schon bei diesem Schritt hin zum offensichtlich immer noch entfernten Ziel aufgrund falscher Hintergedanken in bedrohliches Straucheln gerät.

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