16 Februar 2018 | Kultur & Unterhaltung

Perspektiven mit Musik und Gesang

Wie das Thlokomela-Kulturprojekt in Windhoek junge Menschen von der Straße holt

Blechbläser und ein Chor - so einfach kann es sein, Kinder und perspektivlose Jugendliche vor einem Leben ohne Entwicklungsmöglichkeiten zu bewahren. Dawid Hensel Sauber leitet Thlokomela und opfert dafür eine Menge dem guten Zweck.

Von Robert Hofmann, Windhoek

Wenn man sowieso nur rumhängt, kann man in der Zeit auch etwas Vernünftiges machen. Seit zehn Jahren verfolgt Dawid Hensel Sauber dieses Prinzip. Er leitet einen Chor und eine Blechbläser-Band, das Thlokomela-Kulturprojekt. Die Mitglieder kommen von da, wo die Menschen viel Zeit haben. Es sind Schüler, aber auch Arbeitslose und Schulabbrecher. Bei Sauber lernen sie singen und Instrumente zu spielen. Und sie werden reich dafür belohnt. Denn neben dem musikalischen Anspruch will Sauber den jungen Menschen auch eine Perspektive im Leben eröffnen. Und er selbst steckt dafür gerne zurück.

2008 gründete Dawid Hensel Sauber seinen Chor. Kurz zuvor hatte er mit einer Blechbläser-Band begonnen. Am Anfang mangelte es an allem: Instrumente, Proberäume und sogar Stühle waren nicht genug vorhanden. Aber Sauber war von seiner Idee überzeugt und setzte sich unermüdlich dafür ein. Auch heute noch. Viel Geld wirft sein Projekt nämlich nicht ab, obwohl Sauber seine ganze Zeit hineinsteckt. Wenn etwas übrigbleibt, investiert er lieber in Schulbücher oder -uniformen für die Kinder.

Seine Schüler werden mindestens zweimal die Woche unterrichtet. Weil es so viele sind, kommen nicht alle gleichzeitig, das würde den Rahmen sprengen. Stattdessen gibt es verschiedene Gruppen. Für Sauber heißt das, dass er jeden Tag unterrichtet. Am Wochenende und abends kommen häufig Aufführungen hinzu. Seine Musiker treten vor allem in Kirchen auf. Immerhin begann Sauber seine Arbeit als Jugendarbeiter in einer solchen, bevor er Thlokomela gründete.

Ein ganzheitliches Konzept

40 Schüler umfasst seine Band, regelmäßig kommen neue hinzu. Dann dauert es etwa drei bis fünf Monate, bis sie so weit sind, dass sie einigermaßen spielen können. Andere sind schon über zehn Jahre dabei, „die sind richtig gut“, sagt Sauber. Sie kamen einmal als Kinder und sind mittlerweile unter Saubers strengem Auge erwachsen geworden. Denn er lehrt nicht nur musizieren, er bietet auch Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung an. Er verfolgt ein ganzheitliches Konzept, mithilfe dessen die Schüler nicht nur Instrumente, sondern auch die Schule - und im Endeffekt das Leben - meistern sollen. Immer wieder gehen seine Schüler zu anderen Bands, werden erfolgreich, erzählt er. Ohne Saubers Engagement wäre das nicht möglich gewesen.

Das stimmt so natürlich nicht ganz. „Mittlerweile gibt es zahlreiche Musikschulen“, erzählt Sauber. „Die kosten aber alle Geld.“ Er will nicht ausschließen, dass er irgendwann auch Geld nehmen muss, denn ob er Thlokomela immer auf diesem Niveau beibehalten kann, ist ungewiss. Auch könnte Geld vieles sehr viel einfacher machen. Eine Tafel zum Beispiel wäre bereits ein Fortschritt.

Aufführungen in Übersee

Mittlerweile tourt Sauber mit Thlokomela regelmäßig durch die Welt. Mehrfach war er bereits in Deutschland, von wo er auch den Großteil der Spenden für sein Projekt sammelt. Das finanziert er über Fundraising-Programme „und die großzügige Vorfinanzierung aus Deutschland“. Denn mit den Tourneen kommt Geld rein, mit dem Sauber dann die Reisekosten bezahlen kann.

Trotzdem ist seine Ausstattung immer noch rudimentär. Viele Instrumente funktionieren nicht angemessen, die Stühle gehen regelmäßig und weitgehend ersatzlos kaputt und seine Proben finden draußen unter Bäumen statt. Er würde sie gerne Zuhause abhalten, aber den Krach, vor allem seiner ungeübten Schüler, möchte er seinen Nachbarn dann doch nicht zumuten.

Thlokomela als Schule?

Saubers Traum ist es, eines Tages einen Freiwilligen aus Deutschland zu haben, der ihn beim Lehren der Instrumente und beim Gesangsunterricht unterstützt. Er selbst hat nur die Grundschule absolviert, kein Instrument professionell gelernt. Trotzdem besteht seine Band aus vielen verschiedenen Instrumenten: Trompete, Posaune, Tuba, Blockflöte, Klarinette und Saxophon. Er hat sich das alles selbst beigebracht. Wenn er die Instrumente aufzählt, macht er das auf Deutsch. „Das einzige, was ich heute noch lernen muss, ist die deutsche Sprache“, sagt er. Mittlerweile unterstützen ihn aber seine älteren Schüler dabei, den jüngeren die Grundlagen beizubringen. Auch sein Neffe unterstützt Sauber dabei, seinen Schülern in Rehoboth, von wo er ursprünglich stammt, zu unterrichten.

Ein zweiter, langfristigerer Traum ist es, eine eigene Musikschule zu gründen. Nicht groß muss sie sein, nicht luxuriös, „schließlich soll sie sich auch halten können“, sagt Sauber. „Ob diese Schule dann in Rehoboth steht oder in Windhoek, sehen wir dann“, sagt er.

Sicher ist aber, dass Thlokomela schon jetzt neue Perspektiven schafft. Er holt die jungen Menschen von der Straße, die sich sonst damit für immer arrangieren würden. Dawid Hensel Sauber schafft damit Karrieren als Musiker und bildet seine Teilnehmer - alles völlig kostenlos.

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