21 Februar 2020 | Afrika

Parzinger: Schädel hätten nie hierhergebracht werden dürfen

Die menschlichen Überreste stammen aus illegalen Grabentnahmen. Intensiv untersuchten Forscher fast 1200 Schädel in Berlin. Nun sollen sie zurück in ihre Herkunftsländer.

Berlin (dpa) - Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat die Herkunft von knapp 1200 menschlichen Schädeln aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika erforscht. Die Schädel gehören zu den anthropologischen Sammlungen, die die Stiftung 2011 von der Charité - den Berliner Universitätskliniken - übernommen hatte.
„Wir haben die Schädel zunächst gereinigt und konservatorisch behandelt. Sie waren davor absolut unangemessen, sogar feucht gelagert, teilweise mit Schimmel befallen“, schilderte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Dann haben wir uns daran gemacht, die Herkunft dieser 1200 Schädel in einem Pilotprojekt aufzuarbeiten mit dem klaren Ziel der Repatriierung, also der Rückgabe.“
Mit Abschluss der Forschungsarbeit ist die Herkunft geklärt. „Von den knapp 1200 untersuchten Schädeln sind etwa 900 aus Ruanda, circa 250 aus Tansania und dann noch gut 30 aus Kenia, einige wenige konnten wir nicht zuordnen“, sagte Parzinger. „Also stammen etwa 98 Prozent aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika.“ An den Schädeln aus Kenia sei zu sehen, dass auch über die Grenzen der deutschen Kolonien hinaus gesammelt worden sei. „Die Sammlung entstand durch ein weltumspannendes Netzwerk.“
An dem von der Gerda Henkel Stiftung geförderte Projekt waren aufseiten der Stiftung ein Archäologe, eine Anthropologin, ein Ethnologe und eine Museologin beteiligt. „Dazu kam ein Team mit Wissenschaftlern aus Ruanda“, berichtete Parzinger.
Die Provenienzforschung habe in diesem Fall nicht primär dazu gedient, festzustellen ob etwas legal oder illegal hier ist. „Unter moralischen Gesichtspunkten hätten diese Schädel nie hierhergebracht werden dürfen.“ Es seien keine jahrtausendealten Skelette, die durch archäologische Ausgrabungen hierhergekommen seien, „sondern man hat Friedhöfe, Grabfelder der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert lebenden Gemeinschaften geöffnet oder öffnen lassen und die Überreste einfach entnommen - natürlich ohne Genehmigung der Gemeinschaften.“
Nach Angaben Parzingers ist damit erstmals ein so großer Bestand von menschlichen Überresten (Human Remains) aufgearbeitet worden. Dies werde nun umfassend dokumentiert. „Es gehört dazu, dass wir all das, was wir darüber wissen, zusammenstellen, und alles mit diesen Informationen an die Länder zurückgeben wollen.“
Mit dem Projekt wurde für die Wissenschaftler auch deutlich, wie unterschiedlich je nach Region und Stammesgebiet die Grabriten waren. „In einem Gebiet etwa wurden keine Gräberfriedhöfe angelegt, sondern die Verstorbenen wurden in Höhlen gelegt“, sagte Parzinger. „Wenn ein Sammler so einen Ort, wo über Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte Tote abgelegt wurden, geplündert hat, hatte er natürlich in kurzer Zeit einen großen Bestand. Das erklärt Schwerpunkte in der Sammlung.“
Nun geht es um die Modalitäten der Rückgaben. „Wir sind im Gespräch mit den Botschaften aller drei betroffenen Länder. Gemeinsam müssen wir nun überlegen, wie weiter damit umgegangen wird, was die nächsten Schritte sind“, sagte Parzinger. Vom Stiftungsrat hat er bereits freie Hand bekommen für die Repatriierung in Absprache mit der Bundesregierung.
Was passiert mit den Überresten in den Herkunftsländern? „Der Prozess kommt jetzt in Gang. Über die Frage, was nach einer Repatriierung mit den Überresten geschieht, haben wir nicht zu urteilen“, sagte Parzinger. „Dabei geht es etwa darum, ob die Schädel an die einzelnen Orte zurück sollen oder wie man mit den betroffenen Communitys umgeht. Das sind interne Prozesse, die man in ihrer Komplexität nicht unterschätzen darf. Wir haben da auch kein Recht, zeitlichen Druck aufzubauen.”

Gleiche Nachricht

 

Kolonialismusdebatte geht weiter

vor 3 wochen - 13 Juli 2020 | Afrika

Windhoek Von Ralf E. Krüger, dpaJahrzehntelang schaute der Reiter von seinem Standort neben Windhoeks Christuskirche weit über die Hauptstadt Namibias. Das Gewehr in der Hand,...

Elfenbein, Schuppen, Tropenholz - Schmuggel geschützter Arten boomt

vor 3 wochen - 13 Juli 2020 | Afrika

Von Christina Peters, dpaWien (dpa) - Das Schuppentier erinnert an einen als Tannenzapfen verkleideten Ameisenbären. Bei Menschen begehrt - aber verboten - sind sein Fleisch...

Corona in Südafrika: Präsident kündigt nächtliche Ausgangssperre an

vor 3 wochen - 13 Juli 2020 | Afrika

Johannesburg (dpa) - Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa hat angesichts steigender Infektionszahlen in der Öffentlichkeit eine erneute Verschärfung der Corona-Restriktionen angekündigt. Neben einer ab Montag geltenden...

Schnell, bezahlbar, nachhaltig – Wie in Afrika große Entwicklungssprünge...

vor 3 wochen - 13 Juli 2020 | Afrika

Die Lage ist schwierig auf dem afrikanischen Kontinent. Die Bevölkerung wächst stark, aber nicht die Zahl der Arbeitsplätze. Und die Corona-Krise macht alles noch schwieriger....

Tote und Verletzte nach Schüssen an einer Kirche in...

vor 3 wochen - 12 Juli 2020 | Afrika

Johannesburg (dpa) - Bei einer Attacke auf eine Kirche im Westen von Johannesburg sind mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen und mehrere verletzt worden. Die...

Covid-19: Regierungschef von Südafrikas Gauteng-Provinz infiziert

vor 3 wochen - 11 Juli 2020 | Afrika

Johannesburg (dpa) - Die rasant steigenden Corona-Infektionen in Südafrikas Wirtschaftszentrum um Johannesburg haben nun auch die Politik erreicht. Der Ministerpräsident der Gauteng-Provinz - zu der...

Covid-19: Südafrikas Gauteng-Provinz plant Zehntausende Gräber

vor 3 wochen - 09 Juli 2020 | Afrika

Johannesburg (dpa) - Angesichts der rasant steigenden Zahl an Corona-Infektionen bereitet Südafrikas Wirtschaftszentrum um Johannesburg Zehntausende Gräber vor. Die Gauteng-Provinz - zu der neben Johannesburg...

Mysterium am Wasserloch: Massenhafter Elefanten-Tod im Okavango-Delta

vor 4 wochen - 07 Juli 2020 | Afrika

Von Ralf E. Krüger, dpaGaborone (dpa) - Ein mysteriöses Elefantensterben im südafrikanischen Safari-Paradies Botswana lässt Experten rätseln: Was lässt die Tiere im Okavango-Delta sterben, inzwischen...

IWF: Folgen von Corona in Afrika schlimmer als zuvor...

vor 1 monat - 29 Juni 2020 | Afrika

Johannesburg (dpa) - Die Corona-Krise wird die afrikanischen Länder südlich der Sahara laut des Internationalen Währungsfonds noch härter wirtschaftlich treffen als zunächst erwartet. In diesem...

Südafrikanisches Gericht bestätigt landesweiten Tabak-Bann

vor 1 monat - 27 Juni 2020 | Afrika

Pretoria (dpa) - Im Tauziehen um einen seit drei Monaten geltenden landesweiten Tabak-Bann hat Südafrikas Regierung einen juristischen Erfolg erzielt. Ein Gericht in Pretoria verwarf...